Von Menschen und Hunden

Alltag Berlin Prenzlauer Berg gilt als Bezirk für Etablierte mit Kindern. Weit gefehlt. Es gibt noch "Lovely Rita" und Bruce mit seinem Hund "Don´t know"

Bis vor kurzem sah ich ihn täglich beim türkischen Bäcker in der Berliner Sredzkistraße mit seinem Begleiter, einem bretonischen Hirtenhund von unedler Rasse und ausnehmender Schönheit. Bruce mochte es nicht, dass sein Köter die Augen verdrehte, sobald ich ihm den Rücken kraulte. Vor vier Wochen waren beide verschwunden, und niemand schien sie zu vermissen. Es gab ja noch andere Hunde und Dauergäste. Zum Beispiel Michi und Gordo, ein DDR-Schwimmstar und sein andalusischer Hund, ein Irish Setter, der wasserscheu ist. Oder Ruth mit Rilke, ihrem 17 Jahre alten Bergamasker, der, halbtaub und blind, bei jedem Trost suchte. Letzten Monat musste sie ihren Liebling einschläfern und sich von uns trösten lassen. Ines aus Barcelona riet ihr, sich zur Abwechslung einen Mann zu halten, am Prenzlauer Berg liefen einsame Wölfe zur Genüge herum. Während Lovely Rita aus Rostock noch über die Option nachdachte, ging Bruce ohne Hund an uns vorbei. Besser gesagt, er schleppte sich wie ein angeschossenes Tier und grüßte mit schiefem Gesicht. "Er hatte einen Schlaganfall und lag zwei Wochen auf Station", erklärte Michi. Wo ist sein bretonischer Hirte, doch nicht auch eingeschläfert, fragte ich mich still, um nicht zuzugeben, dass mir der Hund mehr fehlte als sein Besitzer. Ich wusste nicht mal seinen Namen, nur dass er ein atlantischer Bastard, halb Bretone, halb Baske war.

Diesen Sonntag ging ich früher als sonst zum Bäcker und verlangte wie immer meinen Kaffee im Becher, um ihn vorm Laden zu trinken. Ich saß in der Kälte auf der gepolsterten Fensterbank und siehe da, Bruce und sein atlantischer Hund kamen angewedelt. Die Wiedersehensfreude blieb diesmal ungetrübt vom Unmut des Besitzers. Er gesellte sich sogar zu mir, was ihm nicht leicht fiel wegen einer halbseitigen Lähmung. Sein Sprachvermögen war unbeeinträchtigt, so legte Bruce auf die Frage, wie es ihm ginge, los und hörte erst zwei Stunden später wieder auf. Ich erfuhr, dass er zwei Schlaganfälle binnen 24 Stunden hatte, die Notaufnahme im Friedrichshain ihn beim ersten als Simulanten abwies, weil er die Diagnose selbst stellte. Erst nach dem zweiten schickte man ihn zur MRT und sah die Bescherung. Der vordere Cortex erschien auf dem Röntgenbild schneeweiß und die Ärzte sahen für den Patienten keine Hoffnung mehr. Nach zwei Wochen verließ er auf eigenen Füßen das Krankenhaus und läuft jeden Tag eine Meile um den Kollwitzplatz. Ein wahres Wunder, nachdem man ihn erst durch Drohung mit einem Anwalt intensiv behandelte. Nachträglich frisierten sie die Krankenakte, damit er die Ärzte nicht verklagen kann, behauptete Bruce.

Weil ich mit Krankenhausgeschichten aufgewachsen bin, meine Mutter war Chefsekretärin einer Unfallklinik, kürzte ich den Bericht ab und fragte endlich nach dem Namen seines Tieres. Don´t know, antwortete der Engländer. Aber der Hund muss doch einen Namen haben, wunderte ich mich. Don´t know! Der Rüde spitzte die Ohren. Da verstand ich, dass er auf Deutsch "Weiß nicht" hieß. Obwohl er mich für schwer von Begriff hielt, klärte Bruce mich nun über sein Leben auf. Engländer, wie ich dachte, war er so viel wie sein Hund Bretone. Mütterlicherseits stammt Bruce von den Anasazi-Indianern ab und verbrachte seine Kindheit in einem Reservat in Arizona nahe dem Canyon de Chelly. Ich warf ein, dass ich nach 1990 mehrmals dort war, aber keine Anasazi traf. Sie wurden in den Sechzigern wie Hasen abgeknallt oder im Suff überfahren, meinte Bruce mit zitternder Stimme. Das kann sein, ich sah die vielen weißen Holzkreuze rechts und links der Route 89 von Flagstaff nach Monument Valley. Bruce unterbrach mich, ich wisse gar nichts. Alle Deutschen wurden nach dem Krieg systematisch verdummt, damit sie nie mehr die Welt erobern. Ich wollte einwenden, dass ich als DDR-Deutscher eine halbwegs ordentliche Allgemeinbildung genossen hätte, besonders über die Indianer Nordamerikas. Doch Bruce erklärte, er sei ein Borderliner und besitze einen IQ von 135, soviel wie Leonardo da Vinci. Deshalb schickte ihn sein englischer Vater auf ein Elite-College, damit er Wirtschaftsboss würde und nicht wie sein Großvater Schamane eines Stammes von Verlierern. Obwohl er schon als Kind mühelos Tetraeder und Fraktale zeichnen konnte und in Minuten das Rubik-Würfelspiel löste, flog er wegen Aufsässigkeit vom College und wurde Kommunist. Lange hielt es ihn nicht bei den snobistischen "Lefties", die mit dem Morning Star unterm Arm durch den Hyde Park spazierten. Also wurde er "Roadie" bei den Rolling Stones und Led Zeppelin, bereiste die halbe Welt und sah, dass es überall mehr oder weniger gleich war. Nachdem ihm 1976 in Hamburg ein 100kg schweres Praktikabel auf den Kopf fiel, wurde er sesshaft. Die Krankenkasse zahlte ihm keinen Cent für den Arbeitsunfall, den er ohne Schädelbruch, aber mit öfteren "Ticks" (Aussetzern im Dachstübchen) überlebte. Seinen Kummer über den Abgang von der prestigeträchtigen, gutbezahlten Rock-Bühne ertränkte er im Alkohol. Eine Weile restaurierte er alte Autos und Häuser in Frankreich, zog dann nach der Wende in den Prenzlauer Berg und bekam wegen seiner psychischen Grenzgängerei einen Sozialbetreuer. Man bot ihm eine Senatsstelle für Behinderte an, die er nach einem Jahr hinschmiss, wegen geistiger Unterforderung.

Seitdem lebt Bruce über dem "Pieper", einer Absturzkneipe mit Live-Musik, von Sozialhilfe und führt Krieg gegen den Inhaber des Lokals. Weil er das absolute Gehör besitzt, als Roadie hatte er jahrelang die Tonanlage der Stones eingepegelt, stört ihn mit zunehmendem Alter der Lärm. Mehrmals drehte er durch, sprang im "Pieper" auf die Tische und drohte den gröhlenden Gästen Prügel an. Er könne mit einem Finger einen Kerl wie ein Baum alle machen, versichert Bruce und zeigt, wie es geht. Nicht wie im Film, wo Gangster sich zwei Finger in die Augen rammen, einer genügt, das andere Auge schließt sich automatisch. Dann haut man dem blinden Gegner mit einem Tritt die Beine weg, und das war´s, auch ohne Wumme, Messer, kaputte Bierflasche. Keine Tatwaffe, kein Delikt. Nachdem er dem Kneiper androhte, seinen Laden "einpegeln" zu lassen, kann der Indianer wieder von Kachinas, den Geistern seiner Vorfahren träumen. Vorm Einpegeln fürchtet sich jeder Wirt mehr als vor der Polizei, weil eine effektive Schalldämmung teuer ist. Normalerweise kostet die aufwendige Lärmmessung 7.000 Euro, doch ein Kumpel macht es für Bruce umsonst. Und das geht so: Im Lokal wird ein Detektor aufgestellt, der einen stabilen 100-Hertz-Klopf-Ton erzeugt. Oben in der Wohnung messen mehrere Computer die Tonresonanz, die sich linear vor allem in Seitenwänden und Rohrleitungen des Lokals verbreitet. Ich kenne das Problem, seit über mir ein Mann namens Donner wohnt und seine verhaltensgestörten Kinder wie ein solcher durch die Bude wirbeln. Ich werde ihm nicht den Finger ins Auge rammen, weil es schon genug Einäugige in meinem Plattenbau gibt, die wegsehen, wenn der Neonazi im 14. Stock an Hitlers Geburtstag die deutsche Reichsflagge aus dem Fenster hängt.

Trotzdem würde ich nie wegziehen, nicht nur wegen des malerischen Blicks auf den Friedhof, auf dem es so friedlich ist.

Nachdem ich 20 Jahre im Prenzlauer Berg wohnte, später eine Weile in Mitte, Pankow und der Karl-Marx-Allee, habe ich mein preußisches Arkadien gefunden. Seit das Wiener Café auf der Prenzlauer Allee Pleite ging, ist der Kollwitz-Bäcker in der Sredzkistraße mein Lebensmittelpunkt, oder wie Bruce sagt: "Heaven is where we are right now". Dichter und Denker trifft man hier nicht unbedingt, eher arbeitslose Schauspieler, rauchende Frauen mit autoritär erzogenen, netten Kindern, Kreuzberger Lehrer, Touristen, Münchner Filmstudenten mit Ostalgie-Blick, linksrheinische Aktionskünstler ohne Galeristen, aber mit Beuys-Hut, sozialschwache Bild-Leser neben Hausbesitzern, die das Freiexemplar der FAZ klauen, türkische Dönerverkäufer und portugiesische Bauarbeiter. Neuerdings auch Dänen und Spanier, die Berlin einfach doll und el dorado finden, vor allem die Preise für Miete und Muße. Bei Özkan kostet der Kaffee ohne Milchschaum 1 Euro, das Stück Kuchen dasselbe. Die süßen Dinge heißen noch wie sie aussehen: Amerikaner, Negerküsse, Liebesknochen, Donauwellen, Mohnbrille, Streuselschnitte. Türken sind die besseren Ostdeutschen, findet Bruce und verfüttert sein Brötchen mit Boulette an "Don´t Know".

Doch allmählich wird es ungemütlich bei Özkan, die Dauer-Bruncher aus Schöneberg und Charlottenburg rücken an. Im Anna Blume und Sowohl als auch, die dem Kugelstoßweltmeister Uwe T. gehören, werfen die Gäste sich frierend den Kuchen für 2,70 Euro das Stück und Latte Macchiato für 3,50 rein, denn die tiefhängende Herbstsonne strahlt nur auf den türkischen Vorgarten gegenüber. Dort werden die Spatzen immer fetter, die Hunde beschnuppern sich friedlich mit breiten Grinsen. Berlin scheint, wie Erich Kästner 1925 schrieb, wieder die interessanteste Hauptstadt Europas. Ob das gut so ist, weiß nur Bürgermeister Wowi. Auf jeden Fall ist es interessant und eben noch erschwinglich, arm, aber sexy zu sein.

"Not for me", flucht Bruce und rechnet vor, was er demnächst an Rente bekommt: 250 Euro. Darum kann er nicht nach Südfrankreich abhauen, wo er die beste Zeit seines Lebens hatte. Mir soll´s recht sein, denn gewiss hat er noch viel zu erzählen und "Weiß nicht" noch viel zu jammern.

Morgen werde ich wieder hier sitzen und mich fragen, wieso ich viele Jahre das Paradies woanders suchte als am Kollwitzplatz. Längst habe ich mein DDR-Borderline-Syndrom kuriert und gehe am besten auf Reisen, indem ich träume, wie der Lissabonner Dichter Fernando Pessoa schrieb.

00:00 14.12.2007

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