Von oben nach unten

Bildung An der Misere des deutschen Bildungswesens wird auch Angela Merkels Sommerreise nichts ändern

Schöne Landschaften, schöne Frauen, die dann noch schöner bedichtet werden - das kann man seit Goethes Italien-Aufenthalt von einer Bildungsreise erwarten. Es ist weniger literarische Aufhübschung á la Goethe als vielmehr bester DDR-Schönsprech-Jargon, wenn die Kanzlerin auf ihrer Bildungsreise den hessischen Minderheitenvertreter Roland Koch ansäuselt: "Wir haben keine Bildungsmisere, aber wir haben noch Reserven". Angela Merkels Bildungsreise erlebt die erfreulichen Seiten der deutschen Bildungslandschaft: Hauptschullehrer, die sich mit ihren Schülern um Lehrstellen kümmern, Erzieherinnen, die ihre Kinder nicht nur testen, sondern viel mit ihnen sprechen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die trüben Seiten unserer Bildung könnte sie ohne Reiseaufwand der Statistik entnehmen: Abbrecherquoten, soziale Selektion, abnehmende Studierneigung, Jugendliche in der ewigen Warteschleife, schlecht ausgebildete Arbeiter und Angestellte ohne Weiterbildung.

Will Angela Merkel wirklich Eindrücke sammeln oder will sie Eindruck machen? In den Schulen, Kindergärten und Hochschulen ist sie eigentlich nur Privatperson. Unter ihrer Regierung wurde die Gemeinschaftsaufgabe Bildung aus der Verfassung gestrichen. Statt Bildungsplanung und gesamtstaatlicher Verantwortung für die "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse", wie sie das Grundgesetz vorsieht, sollen Wettbewerb und föderale Vielfalt das deutsche Bildungswesen auf den Stand internationaler Wettbewerbsfähigkeit heben. Das ist bisher gründlich in die Hose gegangen. Die Hochschulen stricken sich ihre Bachelor- und Master-Studiengänge selbst. Die Folge: kein Student, geschweige denn ein potentieller Arbeitgeber hat einen Überblick über die mittlerweile 62.000 Angebote. Seit der Einführung der neuen Studiengänge schwindet das Vertrauen der Studenten, dass diese bessere Berufsqualifizierung leisten würden. Das ist ein Ergebnis des 10. Studierendensurveys, den die Bundesregierung gerade veröffentlicht hat. Der offenbart auch, dass junge Leute nicht nur wegen Geld und Karriere studieren, sondern aus Interesse am Fach und an ihrer Persönlichkeitsbildung. Das sind Erkenntnisse, mit denen die Kanzlerin etwas anfangen könnte, wenn sie über die "Reserven" nachdenkt, die wir noch haben.

Beim Hochschulzugang geht die Schere zwischen den Kindern aus "bildungsnahen" und "bildungsfernen" Schichten weiter auseinander. Nicht einmal drei Prozent der Studierenden kommen ohne Abitur, nur mit einer Berufsausbildung. Da gäbe es also genug zu tun. Auf dem Bildungsgipfel mit den Ministerpräsidenten Ende Oktober soll ein neuer Hochschulpakt beschlossen werden, um bis 2020 weitere Studienplätze zu schaffen. Die Hochschulen sind zwar nach wie vor überfüllt, doch die prognostizierten Studienanfängerzahlen werden nicht erreicht, einfach, weil durch Gebühren, schlechte Studienbedingungen und neue Studienordnungen junge Leute vom Studium abgeschreckt werden. Vor allem diejenigen, für die das Studium eine unübersehbare und oft unfinanzierbare Investition ist.

Nicht anders sieht es in der Schule aus: Mittlerweile haben wir rund 16 verschiedene Schulsysteme, mit unterschiedlichen Übergangsregelungen von einer Schulform in die andere. Und Übergänge von oben nach unten gibt es fünf Mal so viele wie dass jemand irgendwo aufstiege. Dennoch behaupten die Schulpolitiker aller Couleur, dass mehr Durchlässigkeit und bessere Übergänge das Problem der sozialen Auslese lösen könnte. Merkel hat bisher alles nur Denkbare getan, um ihre, die gesamtstaatliche Verantwortung für Bildung abzubauen. Das war handfeste Politik. Nun reist sie durch die Bildungslandschaft, hält womöglich schöne Reden, schaut mit Kindern in die Kamera, kurz: sie gibt den Horst Köhler. Dann wissen wir ja, was wir von ihrem Bildungsgipfel zu erwarten haben.

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