Von orthodox bis queer

Bandbreite Das Jüdische Filmfestival Berlin und Brandenburg zeigt die Vielfalt der jüdischen Identitäten in Deutschland
Von orthodox bis queer
Danielle (Rachel Sennott) braucht einen Schluck, um die emotionalen Tumulte der Trauerfeier in „Shiva, Baby“, zu ertragen

Foto: Presse

Es kommt leider immer noch eher selten vor, dass ein Filmfestival statt mit einer großen Prestigeproduktion mit dem Debütfilm einer jungen Regisseurin eröffnet wird. Auf der Berlinale oder in Cannes etwa setzt man zur Eröffnung traditionell lieber auf berühmte Namen und Gesichter. Auf dem diesjährigen Jüdischen Filmfestival Berlin und Brandenburg hingegen lief zum Auftakt der Film Shiva Baby der erst 25-jährigen Filmemacherin Emma Seligman aus Kanada (siehe Interview der Freitag 23/2021).

Der Film folgt der College-Studentin Danielle (Rachel Sennott), die ihre Eltern zu einer Trauerfeier begleitet. Dort trifft sie nicht nur, ohne das vorher zu ahnen, auf ihren Sugardaddy Max (Danny Deferrari), sondern auch auf ihre alte Schulfreundin Maya (Molly Gordon), mit der sie einmal eine Affäre hatte. Danielles emotionaler Tumult, den der Film durch hektische Schnitte und Großaufnahmen einfängt, wird dabei durch aufdringliche Fragen von Verwandten zu ihrer Karriereplanung verstärkt. Zwischen Komödie und Klaustrophobie findet Seligman in Shiva Baby einen ganz eigenen Ton, um inmitten einer jüdischen Trauerfeier von Zukunftsangst, Machtdynamiken und Bisexualität zu erzählen.

Das Jüdische Filmfestival Berlin und Brandenburg (JFBB) steht 2021 im Zeichen eines Neuanfangs, auch deswegen ist ein Debütfilm zum Auftakt vielleicht besonders passend. Nicola Galliner, die das Festival 1995 gegründet und seitdem geleitet hatte, gab ihren Posten Anfang des Jahres ab. Nun wird das Festival von einem fünfköpfigen Programmkollektiv geleitet, dem unter anderem der Filmemacher Amos Geva und die Produzentin Naomi Levari angehören.

Teil dieses Kollektivs ist der Regisseur Arkadij Khaet, der im vergangenen Jahr mit seinem Kurzfilm Masel Tov Cocktail einen großen Erfolg feierte. Khaet, der 1991 in der Republik Moldau geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, sagt im Gespräch, das JFBB wolle Filme zeigen, die „irritieren“ und gewohnte Sichtweisen in Frage stellen. Das Festival solle dabei auch ein Ort sein, der Diskussionen darüber anstößt, „was jüdischer Film ist“, so Khaet. Solche Debatten regt zum Beispiel der Film 200 Meter des palästinensischen Regisseurs Ameen Nayfeh an. Mustafa (Ali Suliman) lebt im Westjordanland, während seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder die israelische Staatsbürgerschaft angenommen haben und auf der anderen Seite der Grenzmauer wohnen, die Israel und die palästinensischen Gebiete voneinander trennt. Mustafa arbeitet in Israel auf dem Bau, einen israelischen Pass lehnt er aber aus Prinzip ab. Weil seine Arbeitserlaubnis abgelaufen ist, bezahlt er Schmuggler, die ihn nach Israel bringen sollen, damit er seinen Sohn sehen kann, der nach einem Unfall im Krankenhaus liegt. In ruhigen, langen Einstellungen zeigt 200 Meter eindringlich, wie die schier endlose Abfolge von Checkpoints, Behörden-Dokumenten und Autofahrten den Alltag und die Gedanken der Menschen vor Ort dominiert. Auch wenn der Film zum Ende hin etwas zu konstruiert wirkt, war 200 Meter einer der interessantesten Filme im diesjährigen Wettbewerb – gerade auch, weil er im Kontext eines jüdischen Filmfestivals aus einer überraschenden Perspektive erzählt ist.

Zeitdokument über die Shoa

200 Meter gehörte außerdem zu den 15 Festivalfilmen, die man auch streamen konnte. Wie schon 2020 fand das JFBB in diesem Jahr hybrid statt, es gab also zusätzlich zu den Kinovorführungen in Berlin und Potsdam auch ein Onlineangebot. Die Bandbreite dabei war in jeder Hinsicht groß. Die experimentellen Kurzfilme der Multimediakünstlerin Yael Bartana etwa liefen ebenso wie der Film Entangled der orthodoxen Filmemacherin Dina Perlstein.

In der Sektion Dokumentarfilm konnte man einen Film über den Starkoch Yotam Ottolenghi sehen, ebenso wie über den jüdisch-deutschen Unternehmer Salman Schocken, der in den 1920er-Jahren mit seinen von Erich Mendelsohn entworfenen Kaufhäusern in Chemnitz und Nürnberg zum Pionier für modernes und soziales Leben wurde. Auf dem JFBB die Diversität jüdischen Lebens und jüdischer Perspektiven zu zeigen, ist für Khaet besonders wichtig. Eine homogene jüdische Community gebe es schließlich überhaupt nicht, sondern vielmehr die unterschiedlichsten Ausprägungen: „orthodox, säkular, Reform, queer, zionistisch, israelkritisch“, wie Khaet aufzählt.

Ein einzigartiges Zeitdokument ist der Film Die letzte Etappe, der auf dem Festival im Zuge einer Retrospektive über jüdische Erfahrungen in der DDR und Polen nach 1945 lief. Der 1947 entstandene Film der Regisseurin Wanda Jakubowska ist der erste Spielfilm über den Holocaust. Jakubowska, selbst Auschwitz-Überlebende, erzählt in dem am Originalschauplatz gedrehten Film von den letzten Wochen im NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau vor der Befreiung durch die Rote Armee. Die letzte Etappe zeigt dabei keine passiven Opfer, sondern erzählt von Solidarität und dem Widerstand der internierten Frauen gegen den NS-Terror. Der Gedanke daran, diesen Film machen zu müssen, habe sie am Leben gehalten, so Jakubowska später.

Mit Filmen wie Die letzte Etappe „die Erinnerung an die Shoa wachzuhalten“ sieht das JFBB als eine seiner zentralen Aufgaben. Gleichzeitig wolle man natürlich nicht nur Filme mit Shoa- und Antisemitismus-Thematik zeigen, wie Khaet erklärt. Denn gerade in Deutschland seien Darstellungen von jüdischen Menschen immer noch stark von Stereotypen geprägt. Im zeitgenössischen US-Kino hingegen gebe es eine große Vielfalt jüdischer Figuren, die „zu allen möglichen Themen“ sprechen, meint Khaet und spricht begeistert von dem Film Uncut Gems. Und nur weil man jüdisch sei, müsse auch nicht jeder Film gleich „ein Debattenbeitrag“ zu irgendetwas sein: „Vielleicht hat man auch einfach mal Bock, einen Zombiefilm zu machen“, sagt Khaet und lacht.

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06:00 26.08.2021

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