Von Paddington nach Pimlico

Was läuft Sarah Khan über „Game of Thrones“, christliche Vergebung und die Bedeutung der britischen Sprache. Spoiler-Anteil: 2 Prozent
Sarah Khan | Ausgabe 27/2016

Nutzen wir die gesteigerte Aufmerksamkeit für die Briten, um auf die Wichtigkeit der britischen Sprache und Attitüde für unsere Serienlandschaft hinzuweisen. Oder um es mit Lord Grantham aus Downton Abbey zu sagen: „Du wirst es nicht für möglich halten, aber ich habe mir meinen Drink selbst eingeschenkt!“ Da kann seine Tochter Lady Mary nur gratulieren: „Ich gehe hoch und lege meinen Hut ab.“ Von derlei elitären Dialogen kriegen anglophile Serienfans nie genug, und alle Briten eint zumindest der sichere Orgasmus bei derlei Phraserei, die Einblicke in die britische Klassengesellschaft gewährt. Downton Abbey – das Hörspiel wäre genial für lange Fahrten mit dem Landrover durch die Moore der Maul- und Klauenseuche, der hustenden Brontë-Schwestern wie der rosa Trainingsanzüge tragenden Vicky Pollards (ein dralles Mädchen aus Little Britain, das stets „Aber ja, aber nein, aber ja, aber nein“ sagt).

Was den phonetischen Einfluss der Briten angeht, können wir Deutschen uns mit der deutschen Synchronfassung davor schützen – die Amerikaner lieben den britischen Akzent auf geradezu perverse Weise, sie assoziieren ihn mit Mittelalter, Giftmordkrimis und dem Zugfahrplan von Paddington nach Pimlico, kurzum: Bildung. Und so mussten sich auf Befehl der Produzenten auch die US-Darsteller von Game of Thrones irgendeines englischen Akzents bemächtigen, selbst wenn sie vorher keinen hatten.

Das führt in der Serie zu einer verblüffenden Dialektmischung innerhalb ganzer Familien. Der US-Darsteller Peter Dinklage alias Tyrion Lannister spricht ein extrem angestrengtes BBC-Englisch, wohingegen sein Bruder Jaime, der von dem Dänen Nikolaj Coster-Waldau gegeben wird, es weicher, geradezu skandinavisch interpretiert. Nord- und südenglische Klangfarben sind bei den Starks hingegen bunt verteilt, und die Jungs der Nachtwache wie auch die Wildlinge hantieren mit den walisischen, schottischen und irischen Lauten.

Linguisten zeigten sich entsetzt über den Mischmasch und beschwerten sich, dass die Produzenten zwar die Erfindung neuer Sprachen in Auftrag gaben (die Kunstsprachen Dothraki und Valyrian, die Fans mit Hilfe einer App lernen können), aber überhaupt keine Umsicht im Umgang mit den Akzenten zeigten. Doch sei der GoT-Erfinder G. R. R. Martin dafür gelobpreist, alte Begriffe und Lautverschiebungen reanimiert und Neologismen begründet zu haben, die auf Schulhöfen und Campussen weltweit gepflegt werden: Ser statt Sir, ay statt yes, Khaleesi statt Bitch, Hodor statt „Hold the door“ und Mhysa statt Mutter (durchaus in der beleidigenden Bedeutung von „Deine Mutter“ zu verwenden, was allerdings in der infantil-unterwürfigen Sklavensprache Ghiscari im Sprachbild „Deine Mutter ist ein Hamster“ auftaucht).

Was stark auffällt, ist die Häufung eines christlichen Kernbegriffs bei GoT – der Vergebung. Zwischen den vielen Blutbädern, die in der Serie angerichtet werden, muss die Möglichkeit zur Vergebung erwogen, erfleht oder gestattet werden. Der Akt der Vergebung ist dramaturgisch ein spannendes Instrument, er kann todgeweihten Serienfiguren das Leben verlängern, Herrscher in einem sanfteren Licht zeigen oder jedwedem eine überraschende innere Entwicklung angedeihen lassen (siehe Jaime Lannister). Es ist fast so, als hätte der Apostel Matthäus persönlich bei GoT mitgeschrieben, immerhin heißt es bei ihm (Matthäus 18,21): „Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“ In Westeros gibt es interessanterweise eine Religion namens „Der Glaube an die Sieben“, sieben Figuren werden angebetet (Mutter, Vater, Krieger, Schmied et cetera), die Gotteshäuser heißen Septen, und der Hohe Septon steht ihnen vor. Das alles wird in der Serie nie richtig erklärt, aber in parachristlicher beziehungsweise mittelalterlicher Anmutung und Ausstattung geradezu schwelgerisch kommuniziert. Darauf ein „7gün“, ein deutsch-türkisches Ayrangetränk (übersetzt „7 Tage“), es macht stark und erinnert phonetisch leicht an Arya Stark, oder?

Ob G. R. R. Martin das ahnte? Alles hängt mit allem zusammen. Wie totally hysterical Downton Abbey aber klingen würde, wenn man es im American Akzent parlierte, haben die Darsteller einmal in einer Late-Night-Show durchgespielt. Very funny, Daaaaddy.

Übrigens verloren nicht so sehr die frühen Amerikaner im Laufe der Zeiten ihren ursprünglich britischen Akzent, sondern, so neuere Thesen, veränderten vielmehr die britischen Eliten ihren Ausdruck durch unterlassene Betonungen. Im Jahr 1860 wurden die ersten Tonaufnahmen gemacht, aber da war die sprachliche Abspaltung von der verlorenen Kolonie bereits abgeschlossen. Die Jahrhunderte davor nennt man auch „das stille Zeitalter“ – damit macht GoT Schluss und gibt uns ein englisches Sprachgemisch zurück, das ausgerechnet vom wahren Jakob sein könnte.

06:00 20.07.2016

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