Von Porto Alegre nach Mumbai

Vor dem vierten Weltsozialforum Die indischen Organisatoren wollen, dass über die "Verdammten dieser Erde" nicht nur geredet wird, sondern die wirklich Armen ihre Stimme selbst erheben

Paris, das zweite Europäische Sozialforum, liegt erst ein paar Wochen zurück. Nun steht das vierte Weltsozialforum auf der Tagesordnung, diesmal in Mumbai (früher Bombay) in Indien. Gewiss werden nicht alle, die in Paris waren, auch in Indien dabei sein, schon wegen der zeitlichen Nähe, der räumlichen Entfernung und der Kosten. Sicherlich werden auch nicht alle in Mumbai sein, die an den vergangenen drei Weltsozialforen in Porto Alegre teilgenommen haben, spielte doch hier neben dem Engagement für Alternativen zum derzeitigen Weltkapitalismus stets auch das kulturelle Moment der lateinamerikanischen Leichtigkeit bis hin zur Musik eine Rolle. Nun also der indische Subkontinent, eine andere Welt mit einer ganz anderen Kultur und Geschichte. Die Programmgruppe des Organisationskomitees für das Weltsozialforum, die zuletzt am 15. Dezember in Delhi zusammengekommen war, hat nochmals die Themen der acht zentralen Konferenzen fixiert:

Nahrungssicherheit und die Verfügung der Völker über ihre natürlichen Ressourcen,


Krieg, Militarisierung und Frieden,


Medien, Kultur und Wissen,


Krieg gegen Frauen, Frauen gegen den Krieg,


Globalisierung und wirtschaftliche sowie soziale Sicherheit,


Exklusion, Diskriminierung und Unterdrückung: Rassismus und Kastentum,


Arbeit


Kommunalismus, religiöser Fundamentalismus und Sektentum.


Hinzu kommen fünf große Plenardebatten: über "Globalisierung, Global Governance und Nationalstaat", "Politische Parteien und soziale Bewegungen", "Globalisierung und ihre Alternativen", über die Welthandelsorganisation (WTO) sowie die Zukunft des Weltsozialforums. Auf den ersten Blick sind es die "üblichen" Themen der globalisierungskritischen Bewegung, die bereits von Porto Alegre oder den europäischen Sozialforen bekannt sind. Bei näherem Hinsehen jedoch zeigt sich, dass die indischen Veranstalter mit nur 13 zentralen Veranstaltungen die eher unflexible Konferenzform reduziert haben - zu Gunsten von Hunderten von Seminaren und Workshops, die der Selbstorganisation der verschiedensten Organisationen aus aller Welt überantwortet sind. Auch die Liste der Rednerinnen und Redner der zentralen Veranstaltungen ist aufschlussreich. Es sind weniger aus dem "Norden" (USA und Europa) als in Porto Alegre; Lateinamerikaner sind sichtbar vertreten, aber deutlich mehr Aktivisten aus Afrika, dem Nahen Osten und Asien, vor allem aus Indien. Nur bedingt ist es gelungen, einen gesamtasiatischen Kontext herzustellen. So werden wohl China, Indonesien und Vietnam nicht in dem Maße vertreten sein, wie es ihrem Bevölkerungsanteil oder ihrem weltwirtschaftlichen Gewicht entsprechen würde. Die Skepsis, die etliche der brasilianischen Väter des Weltsozialforums gegenüber dem Standort Mumbai geäußert hatten, erscheint allerdings bereits jetzt als unberechtigt. Sie befürchteten wohl, diese Pflanze werde außerhalb Brasiliens oder Lateinamerikas nicht gedeihen können. Das tut sie aber, und zwar recht kräftig. Immanuel Wallerstein, Historiker und Analytiker des Weltwirtschaftssystems, identifizierte kürzlich drei grundlegende Brüche in der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Dass er neben der Polarisierung zwischen Nord und Süd auch einen Graben zwischen Westeuropa und den USA ausmacht, kann nach den Turbulenzen um den Irak-Krieg nicht verwundern. Doch die Feststellung, dass es einen "Davos-Porto Alegre-Bruch" gibt, ist bemerkenswert. Sowohl in dem "Geist von Davos" (Weltwirtschaftsforum) als auch in dem von "Porto Alegre" (Weltsozialforum) sieht Wallerstein Transformationsbewegungen, die beide auf die Veränderungen in der Welt, die "strukturelle Krise des Weltsystems" reagieren, allerdings grundsätzlich verschieden, entgegengesetzt. Es sind die beiden Pole, zwischen denen die politischen und moralischen Grundentscheidungen über die Zukunft getroffen werden: Ist der Mensch, sind seine Bedürfnisse und Interessen das Maß aller Dinge, oder aber ist dies eine entgrenzte Profitwirtschaft. Wallerstein betont: "Der Bruch zwischen dem Geist von Davos und dem von Porto Alegre lässt sich geographisch nicht lokalisieren. Er ist aber der grundlegendste unter den dreien. An seinen Rändern wird nicht um die Zukunft der nächsten 25 bis 50 Jahre gerungen, sondern der nächsten 500 Jahre." Sozialforum heißt seit Anbeginn, einen breiten gesellschaftlichen Ratschlag zu führen: zwischen Arbeitern und Arbeitslosen, Sozialwissenschaftlern und Bauern, Schwulen, Lesben und Vertretern von Jugendbewegungen, Christen, Muslimen, linken Autonomen und vielen anderen mehr. Das kennen wir aus Porto Alegre, Florenz und Paris. Nun kommen aber in bisher ungekannter Weise die Probleme des religiösen Fundamentalismus, der Exklusion und der Diskriminierung hinzu. Die indischen Organisatoren wollen alles tun, dass über die "Verdammten dieser Erde" nicht nur geredet wird, sondern die wirklich Armen ihre Stimme hörbarer als bisher selbst erheben. Das Sozialforum in Mumbai wird nicht nur eine geographische, sondern auch eine soziale Erweiterung des Weltsozialforums mit sich bringen. Mumbai wird auch eine Fortsetzung des Dialogs zwischen sozialen Bewegungen und politischen Parteien sein. Es gilt weiter die Charta von Porto Alegre, dass Parteien als solche auf dem Sozialforum nichts zu suchen haben. Aber sie werden zugleich gebraucht, um Dialogpartner zu sein und die Ideen des Sozialforums in den politischen Raum zu tragen. Es haben daher, als Parteien der Alternative, nur solche künftig eine Chance, die diese Ideen aufzunehmen vermögen, ohne die sozialen Bewegungen instrumentalisieren zu wollen. Der "Davos-Porto Alegre-Bruch" konstituiert auch das Parteiensystem neu: Auf der einen Seite die Parteien des "Geistes von Davos", das Kartell der Parteien der Sozialkürzung, des Neoliberalismus - auf der anderen Seite die des "Geistes von Porto Alegre", die da gewiss sind: "Eine andere Welt ist möglich!"

00:00 16.01.2004

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