Von Putin geplündert und weichgespült

Russlands Parteiengemenge Rechtsextreme haben ihren Zenit längst überschritten

Ende August tötete eine Bombe auf dem Moskauer Tscherkisow-Markt zehn Menschen unterschiedlicher Nationalität, die Täter waren schnell gefasst - drei russische Studenten. Ihr angebliches Motiv: Fremdenhass.

Für die Herausgeber einer kürzlich veröffentlichten Studie über Aspekte vergleichender Faschismus-Forschung* wohl keine Überraschung, sind sie doch davon überzeugt, in Russland sei Xenophobie längst zur alltäglichen Norm geworden. Ausgangspunkt der von Lektor Andreas Umland herausgegebenen Schrift ist die generische Faschismus-Konzeption des Oxforder Historikers Roger Griffin. Der vertritt die These, dass während der vergangenen Jahre anglophone Akademiker zu der Auffassung gelangt seien, im Faschismus eine "politische Ideologie" zu sehen, deren "mythischer Kern" eine "palingenetische", das heißt auf Wiedergeburt abzielende revolutionäre Form eines "populistischen Ultranationalismus" sei.

Griffins Thesen könnten nicht zuletzt als Angebot an deutsche Historiker verstanden werden, gemeinsam darüber nachzudenken, wie das Dritte Reich in der modernen Geschichte verortet werden könne, und welche Gefahr noch immer von der extremen Rechten für die Demokratie ausgeht. Die heute dominanten Formen des Faschismus konzentrieren sich nach Griffin auf den Kampf für nationale und ethnische Wiedergeburt in einem internationalen Kontext - ein Faschismus, der zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kaum vorhanden gewesen sei. Viele Formationen hätten den parteipolitischen Raum verlassen, um sich ganz dem Kampf um die Köpfe zu widmen. Dabei werde sowohl auf "neoheidnische und okkultistische Varianten des Hitler-Mythos" zurückgegriffen wie auf "Formen von Nationalismus, die verschiedene Visionen einer durch Materialismus und Globalisierung bedrohten Menschheit zum Gegenstand haben".

Für den erwähnten Andreas Umland erscheinen derartige Überlegungen besonders geeignet, um das Spektrum des heutigen russischen Rechtsextremismus nach seinen Ideologien und Strategien zu unterscheiden. Während in den konsolidierten Demokratien Westeuropas und Nordamerikas faschistische Netzwerke dazu verdammt seien, ein allenfalls durch spektakuläre Einzelaktionen unterbrochenes Schattendasein zu fristen, vermochten sie in krisengeschüttelten Transformationsstaaten wie Russland ihre innovativen Kampf- und Stilmittel sowie teilweise auch finanziell-organisatorischen Ressourcen in relevanter Weise aufzubieten. Umland versucht, Griffins Thesen mit eigenen Forschungen nach Kräften zu stützen, scheitert jedoch grandios.

Natürlich existieren auch in Russland rechtsextreme Parteien und Organisationen. Neben "traditionellen" Gruppen wie den Schwarzhundertschaftlern sind dies vorzugsweise die Reste der in den neunziger Jahren landesweit aktiven Partei Russische Nationale Einheit (RNE): die von Ex-RNE-Führer Alexander Barkaschow dominierte, etwa 1.000 Mitglieder zählende RNE-1, die rund 3.000 Mann starke RNE-2 der Brüder Lalotschkin, die Russische Wiedergeburt (RW) der Barkaschow-Widersacher Oleg Kassin und Juri Wasin sowie Dmitri Djomuschkins Slawischer Bund (SS).

Neuheidnisch-okkulte Verhaltensrituale

Daneben gibt es die rassistische Nationale Volkspartei (NNP) Alexander Iwanow-Sucharewskis, die in mehr als 30 Regionen aktiv ist, sowie die in St. Petersburg beheimatete Partei der Freiheit (PS) Juri Beljajews - beide mit einer extrem gewaltbereiten Skinhead-Szene vernetzt, der sich landesweit über 20.000 Jugendliche zwischen 14 bis 22 Jahren zugehörig fühlen.

Ihren Zenit haben all diese Formationen freilich längst überschritten, seit der Kreml ihren Vorrat an rechtspopulistischen Losungen geplündert, weich gespült und damit "politikfähig" gemacht hat. Immer weniger entspricht ihre antiquiert wirkende Radikal-Propaganda der komplexer werdenden sozial-politischen Realität Russlands. Zusätzlich verstärkt wird die Ohnmacht rechtsextremer Parteien durch das allmähliche Versinken ihrer Führer im Sumpf neuheidnisch-okkulter Verhaltensrituale. Das ändert jedoch nichts am Drang zur Gewalt bei sozial frustrierten Jugendlichen gegenüber Studenten aus Asien und Afrika, gegenüber Kaukasiern, Sinti und Roma sowie Homosexuellen. Es existiert ein nach wie vor hoher Bevölkerungsanteil, der davon überzeugt ist, an Russlands Defiziten seien "nicht-russische Nationalitäten" schuld. Was dabei beunruhigt, das ist der florierende Gebrauch des Begriffs "Faschismus" als politisches Totschlag-Argument.

Die Eurasien-Bewegung

Seit Anfang 2005 versucht der Kreml mit Hilfe seiner Jugendsturmtruppe Naschi die politische Opposition einzuschüchtern, aber auch, sich dem Westen als einzig verlässliches Bollwerk gegen den "rot-braunen Sumpf" im eigenen Land zu empfehlen. Leidenschaftlich wird die "Faschismus-Keule" gern auch innerhalb des linken Lagers geschwungen, besonders von "Neulinken" wie Boris Kagarlitzki oder Oleg Shejin, die oft der Versuchung unterliegen, die Kommunistische Partei (KPRF) mit einem rechtsextremen Umfeld auszustatten. Schließlich zückt die weitgehend von Tadschiken beherrschte Drogenmafia in teils enger Abstimmung mit der Staatsmacht ebenfalls die "Faschismus-Karte", um im Bewusstsein der Bevölkerung jeglichen Widerstand gegen einen ethnisch gefärbten Rauschgifthandel als "rassistisch" zu tabuisieren.

Für all diese Erscheinungen bleibt Andreas Umland blind, beunruhigt ihn doch vorrangig, wie weit Russlands "Neofaschisten" bereits in der politischen Machtpyramide aufgestiegen seien. Der Blick gilt besonders der von "Neuen Rechten" beeinflussten "Eurasien-Bewegung" des Mitbegründers der National-Bolschewistischen Partei (NBP), Alexander Dugin, die "sehr erfolgreich eine Strategie der gezielten Einflussnahme auf politische, intellektuelle und akademische Meinungsführer" (Umland) verfolge.

Seine These, dass Dugin kein Faschist ist, hat der bekannte US-Faschismus-Theoretiker A. James Gregor in einer Erwiderung auf Umland so formuliert: "Dugins politische Überzeugungen sind außerordentlich komplex: eine Art Geopolitik, entlehnt aus vielfältigen Quellen, von Alfred Maham bis Halford Mackinder, ein pseudorassistischer Eurasismus, der im Denken früher Eurasier wurzelt, sich aber auch aus Reflexionen moderner Denker wie Lew Gumiljow speist... Dugin mag sich selbst für einen ›Faschisten‹ halten, allerdings ist dies für uns noch lange kein Grund, es auch zu tun."

Dugin ist auch kein "National-Bolschewik", wie Umland suggeriert. Die von ihm Ende 1994 zusammen mit Eduard Limonow gegründete NBP hat er 1998 aus ideologischen Gründen verlassen. Noch weniger ist Dugin Russlands führender Eurasien-Theoretiker, sondern steht in der eurasischen Bewegung weitgehend isoliert da. Akademische und linke Eurasier sehen in seiner "neo-eurasischen" Ideologie bestenfalls einen zusammengerührten Brei aus westlichen und östlichen Lehren, eine Art okkultes Westlertum, in ständiger Gefahr, zu einem leeren, postmodernen Begriffsspiel zu verkommen. Nicht zuletzt der schwindenden intellektuellen Strahlkraft seiner Ideen verdankt es Dugin, dass die von ihm 2002 gegründete Eurasische Partei bisher ein virtuelles Projekt blieb.

Die personelle Verengung der russischen eurasischen Bewegung auf Alexander Dugin sowie ihre Ansiedlung im "faschistischen" Spektrum machen deutlich, wie wenig Griffins "palingenetische" Faschismus-Konzeption für die Analyse politischer Prozesse im heutigen Russland taugt. Denn auch nicht jeder Ultranationalist und Fundamentalkritiker des Westens ist ein Faschist. Wer anderes behauptet, baut heimlich mit an der "Festung Europa", die wir doch angeblich alle nicht wollen.

* Roger Griffin, Werner Loh, Andreas Umland (Eds.), Fascism Past and Present, West and East. An International Debate on Concepts and Cases in the Comperative Study of the Extreme Right, Stuttgart: ibidem-Verlag, 2006.


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00:00 08.09.2006

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