Von wegen Geschwisterliebe

Stadtmaus und Landmaus "Zwei ungleiche Schwestern" ist das erstaunlich reife Debütwerk einer Autodiktatin der Regie, Alexandra Leclère

Samstag Mittag, High Noon metropolitaner Hektik und Gestresstheit in Downtown Paris. Auch vor dem Bahnhof ist nicht mal für den schnuckeligen kleinen Flitzer von Martine eine Parklücke frei. Typisch, dass sich Martines Schwester ausgerechnet solch unpässliche Zeit für ihren Anmarsch zum Familienbesuch ausgesucht hat. Aber in der Provinz kennt man die wirklichen Probleme des Hauptstädter-Lebens eben genauso wenig wie sonstiges großstädtisches Savoir-Vivre. Schwester Louise jedenfalls, eine Kosmetikerin aus Le Mans, verstößt schon in den ersten Minuten der - sowieso schon unwillig gewährten - dreitägigen Gastfreundschaft mit lautem Huhu-Gerufe, unbedachtem Gebabbel und übertriebenem Enthusiasmus gegen die auf diskrete Distanz bedachte Etikette der Pariser Großbourgeoisie.

Martine dagegen gehört zu denen, für die größtmögliche Ungerührtheit Ausdruck von Stil und innerer Stärke ist. Martine hat es geschafft: Mit handzahmem Söhnchen, potentem Ehemann, Dienstfrau und einer Wohnung, so groß, dass sie rund um die Uhr Staub wischen kann, ohne je am Ende anzukommen. Herkunft und Familiengeschichte sind gut verdrängt. Ihr Unmut über den Einbruch der scheinbar abgelegten Vergangenheit in das so gut arrangierte Leben macht sich mit somatischen Beschwerden und zunehmend schärfer werdenden Sticheleien gegen die Schwester Luft. Dann macht sich Martine manchmal selbst Angst. Doch Louise lässt sich in ihrer rotbäckigen Frische von solch hysterischen Launen nicht recht tangieren. Außerdem hat sie Wichtiges in der Hauptstadt vor. Louise hat nämlich gerade ihren ersten Roman geschrieben, neben Familie und Arbeit nachts am Küchentisch. Jetzt hat sie einen Termin bei einem Verleger, dem das Manuskript gefällt Doch erstmal steht das übliche familiäre Besuchsprogramm auf dem Plan. Shopping, Oper, Abendessen mit Freunden: Nur peinlich, wenn Louise da Familiengeheimnisse ausplaudert. Schlimmer aber noch sind Eifersucht und Neid: Denn Louise reüssiert mit ihrem provinziellen Charme und ihrer arglosen Offenheit auch bei Martines Freunden, mehr, als es der kleinen Schwester lieb ist.

Stadtmaus und Landmaus. Bohrender Geschwisterneid. Hässliche Familiengeheimnisse. Sittendrama und Charaktertragödie. Besonders originell sind die Zutaten nicht, aus denen die junge Regiedebütantin Alexandra Leclère ihren ersten Spielfilm zusammengebraut hat, ebenso wenig wie ihre Wunschbesetzung mit so etablierten Stars wie Catherine Frot und Isabelle Huppert in den Hauptrollen. Auch die Inszenierung von Zwei ungleiche Schwestern nimmt nicht nur musikalisch (Philippe Sarde) fast altertümelnde Anleihen in der französischen Filmgeschichte. Doch die beiden Darstellerinnen gehören nun mal zum Besten, was man dem Publikum bieten kann. Auch das Leben ist ja nicht immer originell. Und im Hinblick auf die Bilderstürmerei, die derzeit oft bei jungen Filmemachern grassiert, möchte man Alexandra Leclères stilistisch so abgeklärtes Debüt für eine mutige Entscheidung halten.

Und wirklich ist Zwei ungleiche Schwestern ein erstaunlicher, ja kühner Film. Nicht nur, weil er überhaupt zustande kam. Denn die junge Regisseurin, die in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem als Schauspielerin mit dem Film zu tun hatte und nie eine Regieschule besuchte, realisierte bisher nur einen einzigen Kurzfilm: Bouche à Bouche, der allerdings auf einigen Festivals erfolgreich lief und der jungen Autodidaktin zu einem Agenten verhalf, der auch ihr langes Drehbuch unter die Fittiche nahm. Doch auch sie selbst blieb nicht untätig, um ihren Film in der Wunschbesetzung und Wunschform zu realisieren, in der er jetzt im Kino zu sehen ist. Dabei sind die Parallelen zwischen fiktivem Filmplot und realer Filmentstehung nicht zu übersehen: Ganz ähnlich, wie Heldin Louise im Film den von ihr begehrten Mann einfach auf der Straße anspricht, machte es die Leclère mit der von ihr begehrten Darstellerin Isabelle Huppert. Und ganz ähnlich, wie Louises Romanmanuskript Ein echter Mann im Film aus eigenem Erleben seine Kraft bezieht, so ist auch Alexandra Leclères filmische Tragikomödie nach autobiografischen Motiven angelegt. Keine ungefährliche Wahl. Denn das Begehren junger Filmemacher, in ihrem ersten Film gleich das ganze kurze Leben unterzubringen, kann für die Zuschauer ja durchaus zur zwiespältigen Erfahrung werden.

Doch hier zahlt sich die formale Konventionalität von Leclères Erzählweise aus. Denn das Drehbuch nutzt die Beschränkungen der Genreregeln nicht nur als erzählerische Richtschnur, um nicht ins allzu Private abzudriften: Die komödiantischen Volten und dramatischen Standardsituationen dienen hier auch dazu, die Grausamkeiten, von denen der Film erzählt, nicht ins Fassungslose absinken zu lassen. Eine nicht ganz ungefährliche, hier aber gelungene Operation, die aus dem Drama pointierte Schärfe herauskitzelt und die Komödie zu echter Empathie treibt. Auch wenn es dabei manchmal mit verstörender Direktheit und bissiger Überzeichnung zur Sache geht, gelingt es der Regisseurin, ihre Figuren nicht zu diffamieren. Im Gegenteil: Je schlimmer das ist, was wir über sie erfahren, desto stärker wird der zärtliche Wärmestrom, der sie umgibt. Dabei ist Zwei ungleiche Schwestern - trotz eines Lächelns am Schluss - von milder Nachsicht weit entfernt.

Nicht nur Huppert und Frot sind dabei - erstmals gemeinsam auf der Leinwand - als Vollblutkomödiantinnen in ihrem Element. Auch François Berléand gibt als Martines Gatte Pierre mit Lust die ganze Spanne von stolzer bis mitleidserweckender Männlichkeit. Und Brigitte Catillon als Martines taffe Freundin Sophie sieht aus wie aus einem Gemälde von Manet geschnitzt. Erstaunlich schnell nach dem französischen Filmstart zu Weihnachten kommt Alexandra Leclères bewegende Tragikomödie jetzt auch in die deutschen Kinos. Hoffentlich findet er das breite Publikum, das er verdient. Von der Regisseurin dürften wir wohl bald wieder hören. Es wird spannend sein zu sehen, wie eine Karriere weitergeht, die mit einer so reifen Leistung begann.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 26.08.2005

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare