Vor dem Gesetz

Schriftstellertreffen Ein Beitrag für Elmau

Als Paul Auster am 11. September in Brooklyn die Feststellung traf, das 21. Jahrhundert habe soeben begonnen, war das sehr verständlich. Dass sich dieses Diktum inzwischen überall in der Welt, gerade auch in Mitteleuropa, durchgesetzt hat, weniger. - Mit einem Schlag schien die Erfahrung ausgelöscht, mit dem Untergang des Sozialismus habe sich die Welt grundlegend und nachhaltig verändert. Das Jahrzwölft seit Herbst 1989 schrumpfte nun auf ein interimistisches Maß, der Kalte Krieg selbst, dessen Ende man eben noch mit Erleichterung gefeiert hatte, war in historische Ferne gerückt und besaß vor allem in der Wiedererzählung durch James-Bond-Formate Erinnerungswert. Die Epoche des Totalitarismus, die bis eben noch - direkt oder indirekt - den Denkhorizont jeder lebenden Generation ausgemacht hatte, schien endgültig aus dem aktuellen Blickfeld geraten zu sein. Die Neunzigerjahre nichts als eine transitorische Bagatelle?
Einen Vergangenheitsentzug diesen Ausmaßes kannten bereits diejenigen, die seit einem Jahrzehnt versuchten, im Westen, dem anderen System, anzukommen. Für die aus dem Sozialismus Entlassenen bargen die Neunzigerjahre die seltsame Erfahrung, dass sich die Stunde Null, als die man den Herbst 1989 begriffen hatte, inzwischen über Jahre ausdehnte. Der Schwebezustand einer nicht enden wollenden Assimilation und Einkehr ließ bald Zweifel daran entstehen, ob Ankommen überhaupt möglich war. Der Westen war jetzt überall, und nichts galt mehr für immer. Das System selbst geriet in Auflösung. Die entzauberte Massendemokratie wurde permanenter Ausnahmezustand: keine Perspektiven, keine Gewissheiten, keine Stabilitäten.
Wie in Kafkas Vor dem Gesetz hatte der Westen seine Pforten zwar geöffnet, man war aber doch nicht reingekommen. Man hatte sich auf den großen biografischen Schnitt gefasst gemacht, seine unnütz gewordenen Lebenserfahrungen weggeworfen und - wenn man noch jung und beweglich genug war - die Beschämung akzeptiert und die Scham überwunden, die soziales Analphabetentum im Übergang von einem System in das andere bedeutete, hatte sich zum Beispiel daran gewöhnt, als Deutscher zu gelten, obwohl man eine ganz andere politische und soziale Vergangenheit besaß als 80 Prozent der Landsleute (die für diese Differenz schnell jedes Interesse verloren), hatte sich als selbstauflösende Minderheit sehen gelernt. Man hatte sich daran gewöhnt, präsentiert zu werden (als Bundesdeutscher, als Europäer), ohne repräsentiert zu sein.
Als am 11. September der deutsche Bundeskanzler jedoch erklärte, wir alle seien Amerikaner, spürte man schlagartig die Rhetorik eines den Einzelnen entmündigenden Kollektivbegriffs, die darum bemüht war, eine Zwangsidentität herzustellen. Der Spaß war vorbei, und die totalitäre Ordnungsmacht des Staates streckte den Kopf aus dem Schaum der Popgesellschaft.
In der DDR setzte man sein schwiemeliges Parzellendasein daran, den Weg vom Ich zum Wir nicht mitgehen zu müssen. Am Ende war man sogar aufgestanden und durch die Mauer gegangen.
Zwölf Jahre später wächst die Erkenntnis, der Traum von Individualismus und Freiheit bleibe auch hier ein Traum. Der Souverän ist immer noch der Staat, der über mich entscheidet, meine Vergangenheit, meine Zukunft. Die technologische Überlegenheit des Westens, mit der er vor zwölf Jahren die andere Seite endgültig in die Knie gezwungen hatte, erweist sich als Voraussetzung dafür, die in seinem Bannkreis Lebenden - also alle - noch gründlicher zu beherrschen, als dies die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts getan haben. Niemand entgeht den Augen des Staates, niemand der öffentlichen Hand. Da ist es nur folgerichtig, dass der deutsche Innenminister über die Erfassung biometrischer Kenndaten nachdenkt.
Giorgio Agamben hat, in Weiterentwicklung von Foucaults Biopolitiktheorie, das Lager als entscheidendes Paradigma der sozialen Moderne gekennzeichnet. Damit sorgt man für gute Laune unter den Debattanten. Das ändert aber nichts daran, dass Agamben die wichtigste Beobachtung bestätigt, die gemacht hat, wer in den Neunzigerjahren vergeblich danach trachtete, aus dem Käfig der kommunistischen Welt in eine ganz anders funktionierende, nämlich offene Gesellschaft einzutreten.

Michael Schindhelm, geboren 1960 ist Schriftsteller und Direktor des Theaters in Basel. Zuletzt erschien von ihm der Roman Roberts Reise.


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00:00 17.05.2002

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