Vor Mitternacht

Berliner Abende Reichelt hatte es vorgemacht, Kaiser´s zog nach. In einigen Berliner Supermärkten kann man jetzt shoppen bis ultimo. Einkaufen für Spättrinker, ...

Reichelt hatte es vorgemacht, Kaiser´s zog nach. In einigen Berliner Supermärkten kann man jetzt shoppen bis ultimo. Einkaufen für Spättrinker, Schlaflose und Workoholics, vom Morgen bis Mitternacht. Endlich. Eins der Geschäfte ist gleich bei mir ums Eck.

Von morgens bis mitternachts. Ein anderer Herr Kaiser als der Nahrungshändler schrieb 1912 ein Theaterstück dieses Titels. Seine Figuren scheinen den Laden zu bevölkern: eine Hure, ein Soldat, ein rotgesichtiger Herr, winterlich mit Fellmütze und Wollschal. Wo mag der Held des Stücks, der Bankangestellte mit dem geklauten Geld sein?

"Impulskäufer" nennt das Unternehmen uns späte Kunden. Mitternächtlich blasse Gestalten, Umgetriebene. Wir laden Spagetti, Snacks und Spirituosen als gäb´s kein Morgen. Zwischen den Kühltruhen riecht es übel. Ein junges "Füllteam" schließt die Lücken in den Regalen. Vor den Türen draußen lagern Hunde. Ihr Bellen dringt bis ins Geschäft. Beide Frauen an den Kassen sind dick beleibt, Leih-Kräfte, die keinen Nachtzuschlag kriegen. Den Security-Typen kenne ich, er wohnt in meinem Haus. Der ist auch nicht bei Kaiser´s angestellt, der arbeitet für eine Wachschutzfirma.

Im Erdgeschoss lebt er, in einer winzigen Wohnung mit großem Fenster zur Straße, allein. Damit man ihm nicht wie durch ein Schaufenster in sein Leben guckt, hält er die Rollläden immer geschlossen. Nur manchmal, spät in der Nacht, wenn er nach Hause kommt, öffnet er sie kurz, um zu lüften. Dann schläft er den ganzen Tag.

Einmal nahm ich ein Paket für ihn an, das er lange nicht holte. Es lag bei mir im Flur, stand im Weg. Ich griff es, schüttelte, horchte. Wenn es tickt, das weiß man ja, ist es eine Zeitbombe. Es tickte aber nicht. Ein Plan, sich eines verhassten Nachbarn zu entledigen, kam mir in den Sinn. Er muss allerdings immer da sein, dieser Nachbar, und stets alle Pakete im Haus entgegen nehmen, sonst funktioniert´s nicht. Man schickt sich einfach selbst eine Bombe, die dann bei ihm explodiert. Zugegeben - ein etwas heikler Plan, eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Vielleicht lag es dran, dass der Mann beim Wachschutz arbeitet, dass ich überhaupt auf solch finstere Gedanken kam.

Jedenfalls, ich brachte ihm das Paket. Schlaftrunken öffnete er. Ich sah, dass er seine Tür von innen vernietet und vernagelt hatte mit einer Stahlplatte und Schaumstoff. Gepanzert gegen Lärm aus dem Treppenhaus. Ein Rohr, das von der Wohnung über ihm durch seinen Flur führt, hat er ebenfalls dick und fest mit Schaumstoff umwickelt. Er liebt wohl die Stille, dachte ich. Er sprach auch nicht und dankte mir kaum.

Jetzt, im Laden, erkennt er mich nicht. Steht in seiner schwarzen Uniform, der Midnight Cowboy, und blickt wie aus Sehschlitzen. Wen observiert er? Die lustige wasserstoffblonde Kassiererin? Richtig. Er schleicht sich an. Wird er sie jetzt verhaften? Von hinten greift er ihr in den Nacken. Sie juchzt leise auf. Blickt ihn verliebt an, ihren schwarzen Romeo. Sieht schnell auf ihre Kasse zurück. Ich stelle mich an ihr Band. Glücklich zieht sie meine Waren über den Scanner. Freut sie sich schon auf ihr Rendezvous nach Ladenschluss? Ich sehe die stahlgepanzerte Schallschutztür, hinter der sie verschwinden wird heute Nacht. Sie nennt den Preis. Wie stets bei Kaiser´s eine astronomische Zahl.

Wie heißt es in Georg Kaisers Theaterstück: Man kauft immer weniger, als man bezahlt.

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00:00 16.05.2008

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