Vor und nach Facebook

Web Die Erfahrung der ersten Web-Generation, dass man auch Infrastrukturen selber schaffen kann und muss, wird neu formuliert. Das zentrale Stichwort lautet Mesh-Netzwerke

Das Versprechen der Partizipation ist problematisch geworden. Mit unserer Teilnahme füttern wir heute die neue Maschine. Mit dem Gefällt-mir-Button teilen wir Facebook mit, was wir mögen, damit es uns noch rigider in seine Profitmaschine eingliedern kann. Was nun? Partizipation grundsätzlich abzulehen ist keine Alternative. Wir sollten versuchen, sie neu zu denken. Dabei hilft ein Blick zurück auf die Anfange der Netzkultur.

Zu Beginn der neunziger Jahre war das Internet für die meisten eine große Leerstelle, die förmlich darauf wartete, gefüllt zu werden. Es gab kaum vorgegebene Strukturen und kaum dominante Akteure. Alle waren aufgefordert, selbst Hand anzulegen. Diese Arbeit am Virtuellen war notwendigerweise ein kollektiver Prozess, in dem die Arbeitsteilung relativ schwach ausgeprägt war. Es war die große Zeit des Do-it-yourself.

Experimentierend entstand eine Welt, die zu erschaffen für all jene eine Notwendigkeit war, die sich durch die Leere und Offenheit angezogen fühlten. Fast alle frühen Netzkulturprojekte – The WELL (1985) an der US-amerikanischen Westküste, das transatlantische The Thing (1991) oder die mehrheitlich europäische Mailingliste nettime (1995) – waren auf Partizipation angelegt. Wobei Partizipation nicht nur die Beisteuerung von „Inhalten“ in vordefinierten Formaten meinte, sondern immer auch die gleichzeitige Entwicklung von Regeln und den Aufbau der Infrastruktur mit einschloss. Partizipation hieß Teilhabe am Projekt als ganzem. Sozusagen Do-it-yourself ohne Anleitung. Es ging darum, in einem kollektiven Prozess gleichzeitig die Richtungen, Regeln und die ermöglichenden Infrastrukturen des eigenen Handelns zu bestimmen. Dabei war überhaupt nicht vorgegeben, wie die Dinge auszusehen hatten. Man agierte in einer radikalen Offenheit. Die Alternativen, die gated communities von AOL oder Compuserve, waren aus der Sicht der entstehenden Netzkultur Gefängnisse für Ahnungslose.

Diese Selbstdefinitionen auf vielen Ebenen kann man als die ersten Versuche begreifen, eine many-to-many-Kommunikation auf einer zivilgesellschaftlichen Ebene zu realisieren und zugleich über diese neuen Formen nachzudenken. Mailinglisten, Webforen, kollaborative Plattformen wurden entwickelt und die kommunikativen Grundregeln, die Netiquette, etabliert. Auf dem Höhepunkt der Euphorie für eine Kultur der Offenheit und Partizipation erschien im Oktober 1995 der Request For Comments: 1855 (RFC). Die Netiquette enthielt die Faustregel der Toleranz: „Be conservative in what you send and liberal in what you receive“, also etwa: Sei zurückhaltend, in dem was du verschickst und offen, in dem, was du empfängst.

Massenmedium werden

Solche requests for comments waren von Anfang an ein probates Mittel, um neue Standards in einer offenen Weise zu entwickeln; der erste Standard wurde schon 1969 über das Arpanet veröffentlicht. Angelehnt wurde das Verfahren an die akademische peer-review (also daran, dass ein unabhängiger Gutachter eine wissenschaftliche Publikation beurteilt). Hier ging es darum, die Parameter zukünftigen Handelns, die technischen Standards, festzulegen. Wie vieles in der frühen Internetkultur war dieses Verfahren gleichzeitig utopisch und pragmatisch.

David D. Clark, einer der führenden Entwickler des Internet in den 1980er Jahren, brachte das Ethos dieser technischen Gemeinschaft auf die legendäre Formel: „We reject: kings, presidents and voting. We believe in: rough consensus and running code.“ Mit anderen Worten: Diejenigen, die machen, bestimmen auch. Dafür muss es dann auch funktionieren, aber im technischen Bereich gibt es für das Funktionieren relativ klare Kriterien. Wer gute Lösungen einbrachte, konnte die weitere Entwicklung direkt bestimmen, getragen von einer gleichberechtigten Gemeinschaft. Höhepunkte einer Kultur, wie sie der RFC zum Ausdruck brachte, enthalten indessen immer schon die Elemente ihres Niedergangs. So wurde die Formulierung der Regeln nicht nur notwendig, weil immer mehr neue Nutzer einströmten, die wenig von den Sitten und Gebräuchen im Netz wussten, sondern auch, weil die internen Spannungen größer wurden ­– das Internet begann zum Massenmedium zu werden. Die Kommerzialisierung kündigte sich bereits an, wurde aber noch als soziales Problem gesehen, das mit sozialen Mitteln einzudämmen wäre.

Die zweite Hälfte der 1990er Jahre war dann geprägt durch eine Verschiebung von Communities hin zu Businessmodellen, die mit dem rasanten Wachstum ihrer Werte an der Börse zunehmend in den Vordergrund traten. Der Höhenflug währte nicht lange. 2001 gingen viele unsinnige E-Commerce Start-ups pleite, und es schien, als würde sich die Kommerzialisierung verlangsamen. Bekanntlich kam es anders. Der Boom hatte bewirkt, dass das Internet endgültig zum Massenmedium geworden war und die Infrastruktur bereitstand. Jetzt ging es darum, neue Ansätze zu finden und diese gewinnbringend zu nutzen. Dazu wurden die Kernkonzepte der ersten Internet‑Generation – Kommunikation, Partizipation, Offenheit für Neues, wenn es denn nur funktioniert (permanent beta) – massentauglich gemacht. Mit Web 2.0 wurde ein Label entworfen, das in kurzer Zeit die Kommerzialisierung der sozialen Sphäre in bis dahin unbekannte Ausmaße vorantreiben sollte. Partizipation oder, wie es nun unpolitisch hieß, user generated content, stand immer noch im Mittelpunkt, sie wurde gar zum modus operandi einer sich neu formierenden Kulturindustrie. Während die alte Kulturindustrie, insbesondere die Musiklabels und Verlage, immer stärker unter Druck kamen, legten die neuen Plattformen ein ungeheures Wachstum hin.

Der Preis für die Massentauglichkeit war hoch, er lag in der subtilen Unterordnung der sozialen Vernetzung unter die kommerziellen Strategien der Plattformanbieter, die zunehmend als Motoren der Innovation auftraten. Do-it-yourself wurde vom Warten auf die nächste coole App abgelöst. Vernetzung musste nun immer zwei Zielen zugleich dienen. Zum einen sollte sie die sozialen Bedürfnisse der Nutzer befriedigen, zum anderen die Sammlung von Daten und deren kommerzielle Ausbeutung unterstützen. Diente es dem ersten Ziel nicht, floppte das Angebot, diente es dem zweiten nicht, wurde es gar nicht erst entwickelt. Man konnte nun nicht mehr unterscheiden zwischen genuinen Bedürfnissen der Nutzer und solchen, die von den Plattformanbietern zuallererst geschaffen werden. Wer konnte etwa vor wenigen Jahren ahnen, dass die nackte Anzahl von Freunden eine zentrale Kategorie der öffentlichen Selbstdarstellung sein würde? Wo schlägt das Grundbedürfnis nach Sozialität um in einen neuen Imperativ der Vernetzung, vorangetrieben vom Datenhunger der neuen Kulturindustrie? „Partizipation ist das neue Spektakel“, stellte Diedrich Diederichsen bereits 2008 fest, aber diese Art der Partizipation ist das genaue Gegenteil von Teilhabe und dient der Verschleierung der neuen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse.

Herrschaftswissen

Durch die Horizontalität auf der Nutzerseite der Infrastruktur wird verschleiert, dass gleichzeitig neue, hochgradig vertikale Machtzentren entstehen – an denen nicht nur der Wert der gemeinsam produzierten Arbeit abgeschöpft werden kann, sondern auch neue Kontrollpunkte angeführt werden. An diesen Punkten fällt Wissen um die Zusammensetzung der Gesellschaft in Echtzeit an. Herrschaftswissen, mit dem man mehr oder weniger unbemerkt in gesellschaftliche Prozesse eingegreifen kann, sei das mit kommerziellen oder politischen Motiven.


Die Spannungen zwischen den Dynamiken der horizontalen Vernetzung und der vertikalen Kontrolle werden immer deutlicher. Zwischen der Partizipation als Teilhabe und deren spektakulärer Simulation, die aus der strikten Trennung zwischen Inhalten und Plattformen entstanden ist, hat sich ein Graben geöffnet. Für politische Aktivisten ist es inzwischen ein Risiko, Facebook zu nutzen, nicht nur, weil Staatssicherheitsorgane routinemäßig die Daten auswerten, sondern weil gezielt Accounts gesperrt und Seiten gelöscht werden.

Die Erfahrung der ersten Web-Generation, dass man auch Infrastrukturen selber machen kann und muss, wird neu formuliert. Das zentrale Stichwort lautet Mesh-Netzwerke. Anstatt auf eine zentrale und zentralisierte Infrastruktur zu vertrauen, die Vernetzung organisiert, anstatt also auf Facebook oder Twitter zu vertrauen, wird eine neue Generation von Plattformen entwickelt, die auf dem Prinzip der Maschen (engl.: mesh) beruht. Eine gemeinsame Infrastruktur soll durch die Vernetzung vieler einzelner lokaler Netze entstehen, die Daten untereinander weiterreichen. Damit entfällt der zentrale Kontrollpunkt, und das emanzipatorische Potenzial der Horizontalität großer Gruppen wird befreit von seiner kommerziell verengten und überwachungstechnisch optimierten gegenwärtigen Fassung.

Die Ideen der Partizipation als Teilhabe werden gerade neu formuliert. Ob und wie das gelingen wird, ist völlig offen, aber die Zukunft von einst wird eben gerade wieder entdeckt.

Dieser Text ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung eines Beitrags aus:

Vergessene Zukunft. Radikale Netzkulturen in Europa

Clemens Apprich, Felix Stalder
(Hg.), Transcript Verlag 2012, 348 S., 32,80

11:30 29.03.2012

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