Vor und wieder zurück

Kino Jeder Akt erwischt uns auf einem anderen Fuß: In „Foxtrot“ erzählt Regisseur Samuel Maoz von den Traumata Israels

Ein Architekt legt selbstverständlich Wert darauf, dass die von ihm entworfenen Gebäude stabil sind und Erschütterungen widerstehen. Natürlich verleiht er, wenn er Talent besitzt, seinen Bauten auch eine eigene Handschrift. Sie können das Ebenbild seiner ästhetischen oder philosophischen Grundsätze sein.

In der Regel spiegelt auch der Wohnraum, den ein Architekt für sich und seine Familie schafft, seine Persönlichkeit wider. Das Apartment, in dem Michael (Lior Ashkenazi) und Daphna Feldmann (Sarah Adler) leben, mutet weiträumig, hell und modern an. Es kündet von dem gesellschaftlichen Erfolg, den der Architekt errungen hat. Alles ist wohlgeordnet in diesem Haushalt. Die betont symmetrisch ausgerichtete Einrichtung ist funktional. Es nistet eine kühle Nüchternheit in diesen Räumen, die vorerst nicht zu Gefühlsausbrüchen ermutigt. Foxtrot spielt zu zwei Dritteln in dieser Wohnung und Samuel Maoz legt sichtlich Wert darauf, dass sie viel über ihre Bewohner erzählt.

Sein Film ist, einer klassischen Tragödie gleich, in drei Akte strukturiert. Im ersten erhalten die Feldmanns eine schreckliche Nachricht: Ihr Sohn Jonathan sei bei einem Gefecht an einem Kontrollpunkt gefallen. Am Ende des Aktes erfahren sie jedoch, dass es sich um eine Namensverwechslung handelte. Der zweite schildert das alltägliche Einerlei, in dem der Sohn (Yonatan Shiray) seinen Dienst am Checkpoint versieht, das dann aber in einer Katastrophe mündet. Im dritten Akt sucht Michael ein Jahr später die Wohnung auf, die nun verwahrlost wirkt. Das Paar hat sich getrennt; am Jahrestag ihres Verlustes scheint aber sacht die Hoffnung auf, sie könnten zu einer Schicksalsgemeinschaft werden.

Mit Lebanon, für den er 2009 den Goldenen Löwen in Venedig gewann, hat sich Maoz als ein Virtuose erzählerischer Konzentration vorgestellt. Sein klaustrophober Erstling verlässt nie das Innere eines Panzers, der durch die Unwägbarkeiten des Libanonkriegs von 1982 irrt, und bleibt so unverbrüchlich der Perspektive seiner Besatzung verhaftet. Es liegt eine große Konsequenz in dieser Begrenzung des Blickfelds: Sie gebiert Identifikation und Panik. Maoz knüpfte in seinem Debüt an eigene Erfahrungen als 21-jähriger Rekrut an; nach der filmischen Aufarbeitung seiner individuellen Blessuren erweitert er in seinem zweiten Film nun die Perspektive auf die Traumata, die die israelische Gesellschaft erfassen. Dabei ist auch dieser Film autobiografisch grundiert: Eines Tages erhielten der Regisseur und seine Frau die Nachricht, dass der Bus, in dem sie ihre Tochter auf dem Schulweg glaubten, Ziel eines Bombenattentats geworden sei; die Tochter hatte ihn glücklicherweise verpasst.

Ein redlicher Manierist

Jeder Akt von Foxtrot erwischt den Zuschauer auf einem anderen Fuß. Im ersten ist er mit dem Schock der Todesnachricht konfrontiert, auf die Michael anfangs stumm und reglos reagiert. Lior Ashkenazi legt seine Studie des Ringens mit der Trauer zunächst rein physisch an, Michael verfällt in Katatonie, wirkt dann wie ein aufgeschrecktes Wild, verbrüht sich den Arm, um endlich Schmerz zu empfinden. Die Worte der Militärpolizisten erreichen ihn nicht, erst später setzt er sich gegen ihr mechanisches, immer absurderes Krisenmanagement zur Wehr. In den Impressionen von Jonathans Militärdienst dann wird der Erzählton fantastischer, traumhafter, der Film lässt die Wirklichkeit immer mehr hinter sich zurück. Im Schlussakt macht er sich die Perspektive Daphnas zu eigen. Nun sucht die Handkamera eine größere Nähe zu den Trauernden. Während sie zuvor oft in extremer, ebenso klinischer wie schicksalhafter Aufsicht erfasst wurden, verschwindet der Raum jetzt zugunsten der Figuren, in deren Verzweiflung sich ein leiser Hauch von Gelöstheit, ja Heiterkeit schleicht.

Maoz ist ein redlicher Manierist: Er stimmt seine prunkenden inszenatorischen Gesten ganz auf seine exzellenten Darsteller ab. Die tragikomischen Brechungen bleiben freilich abgezirkelt. Wie präzis er sein Drehbuch strukturiert hat, zeigt sich darin, wie facettenreich er seinen Filmtitel in Dienst nimmt. Der gleichnamige Tanz, dessen Schrittfolge die Tänzer unweigerlich zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren lässt, dient ihm als Metapher für eine unerlöste Gesellschaft. Er ruft sie zunächst leichtfüßig auf, als Jonathan mit seinem Gewehr tanzt; später, als seine Eltern sich wieder treffen, mit größerem psychologischen Nachdruck. Die Tanzschritte geben die dramaturgische Bewegung des Films vor, der an seinen ursprünglichen Schauplatz zurückkehrt, und zugleich die innere Bewegung Michaels, der am Ende sein eigenes, verdrängtes Kriegstrauma offenbaren kann.

Foxtrott steht auch für einen Buchstaben des militärischen Alphabets. Im Akt über Jonathans Dienst am Checkpoint rührt Maoz an ein Tabu, was Foxtrot in Israel zum meistdiskutierten Film des letzten Jahres werden ließ. Kulturministein Miri Regev vom Likud-Block hatte daran großen Anteil. Schon vor der Premiere im August warf sie, ohne Foxtrot gesehen zu haben, Maoz vor, das Ansehen der israelischen Armee zu beschmutzen. Die Auszeichnung mit einem Silbernen Löwen in Venedig nahm sie mit Missbilligung zur Kenntnis, dass die Nominierung für den Auslands-Oscar zurückgezogen wurde, mit Schadenfreude. Seither hat sie versucht, Vorführungen in israelischen Filmreihen zu verhindern und hatte in Paris damit Erfolg. Da die israelische Filmakademie sie von ihrer Preisverleihung auslud, blieb der Ministerin erspart, den Triumph des Films mitzuerleben. Er gewann in neun Kategorien.

Info

Foxtrot Samuel Maoz, Israel, Schweiz, Deutschland, Frankreich 2017, 108 Minuten

06:00 15.07.2018

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare