Vorbei an Stacheldraht und Maschinengewehren

Schulwege in Palästina Die Kinder aus Jubara, das Tor in der Mauer, das Menschenrecht auf Bildung

Jeden Morgen wiederholt sich der gleiche Vorgang, palästinensische Kinder aus dem Ort Jubara warten, bis israelische Soldaten das Tor in der Apartheidmauer öffnen, die das Westjordangebiet inzwischen auf einer Länge von 150 Kilometern abriegelt. Einzeln und in Reihe müssen sich die Kinder dann an den Maschinengewehren der Posten vorbei schieben, um ihren Schulweg fortzusetzen.

Seit August verriegelt

Wie die Schüler überall auf der Welt waren auch die Kinder in den palästinensischen Autonomiegebieten am 1. September schon früh unterwegs. Doch in Jubara wussten weder Lehrer noch Schüler, ob sie an diesem Tag nicht umsonst aufgebrochen sein würden. Alles hing davon ab, ob die Soldaten Order hatten, einen Durchlass an der "Mauer" zu öffnen und damit den Weg in die Schule des Nachbardorfes Ar-Ras frei zu geben.

Wer aus Jubara kommt, lebt in einem winzigen Ort mit etwa 300 Einwohnern und ist bei der Versorgung mit Lebensmitteln wie medizinischer Hilfe auf die Verbindung zur Stadt Tulkarem angewiesen. Um in eine Schule gehen zu können, müssen die 50 Grundschüler aus Jubara (Klasse 1 bis 7) in das Dorf Ar-Ras, während die 38 Schüler der achten bis zwölften Klasse Realschulen in Kafr Sur und Kafr Zibad besuchen.

Seit dem Bau der israelischen Mauer ist Jubara zwischen diesem meterhohen Wall und der Grünen Linie - der sogenannten "1967er Grenze" zwischen Israel und dem Westjordanland - eingeschlossen. Es gibt nur eine Straße, die Jubara passiert und deren südliche Zufahrt durch ein schweres Metalltor in der Mauer blockiert wird, das seit August verriegelt blieb. Das nördliche Ende der Trasse in Richtung Tulkarem wird durch einen israelischen Militärcheckpoint begrenzt. Bevor das Tor im Süden unpassierbar wurde, konnten die Schüler im alten Schuljahr bei gutem Wetter zu Fuß in die Schule wandern oder für einen halben Schekel ein Taxi nehmen. Als ihnen dies verwehrt wurde, mussten sie einen Umweg von mehreren Kilometern in Kauf nehmen und zuvor oft in einer langen Schlange am nördlichen Kontrollpunkt warten, so dass sie nicht selten viel zu spät in die Schule kamen. An manchen Tagen blieb ihnen nichts anderes übrig, als sofort nach dem Checkpoint ein weiteres Taxi über die unbefestigte Straße zu nehmen, das vier Schekel kostete. Da fast alle Familienväter in Jubara arbeitslos sind, hieß das - Tag für Tag musste von Neuem entschieden werden zwischen der Ausbildung der Kinder und ihrer Versorgung mit dem Lebensnotwendigen.

Und was geschieht morgen?

Zurück zum 1. September. Vor dem Unterrichtsbeginn kontaktiert der Bürgermeister von Jubara das israelische Bezirkskommandobüro (DCO), damit das Tor rechtzeitig geöffnet wird, doch erhält er keine klare Auskunft. Die Dorfbewohner entschließen sich daraufhin, zum ersten Schultag am Tor eine kleine Demonstration zu veranstalten.

Gegen sieben Uhr haben sich etwa 50 Schüler und Lehrer aus Jubara auf dem Hügel oberhalb der Demarkationslinie versammelt, beobachtet von einem Dutzend israelischer Soldaten, die auf mehreren mit Maschinengewehren ausgerüsteten Militärjeeps direkt am Tor Position beziehen. Bald treffen mehrere Fernsehteams und Zeitungsjournalisten ein. Gegen 7.30 Uhr marschieren Schüler, Lehrer, Einwohner von Jubara und der Medientross zum Tor. Der Direktor der Grundschule von Ar-Ras bittet einen Soldaten um freien Durchlass, wird zunächst jedoch barsch zurückgewiesen.

Frage: "Wann dürfen die Kinder durch das Tor?"

Antwort: "Wir wissen es nicht. Wir haben nur den Befehl, niemanden passieren zu lassen."

"Aber sollte das Tor nicht geöffnet werden, damit die Kinder in die Schule können?"

"Absolut, das Tor wird jeden Tag morgens von 6.30 - 8.00 Uhr und nachmittags von 1.00 bis 2.00 Uhr geöffnet."

"Warum öffnen Sie dann jetzt nicht?"

"Heute ist ein besonderer Tag", meint der Soldat und geht weg.

Gegen 7.45 Uhr schließlich wird das Tor in der Mauer doch aufgeschoben, gerade weit genug, damit sich die Kinder einzeln und an den Maschinengewehren vorbei hindurch zwängen können - zuerst die kleinen Jungen in ihrer blauen Uniform, dann die Mädchen in ihren blau-weiß-gestreiften Blusen, schließlich die älteren Schüler und Lehrer, gefolgt von den Fernsehteams. Die Kinder sammeln sich danach um die Journalisten, ganz wild darauf, ihre Geschichte vor der Kamera zu erzählen. Ein paar Minuten später rufen die Soldaten die Journalisten zurück, man hört das Metalltor dumpf ins Schloss fallen, die Soldaten ziehen langsam die Rollen des Rasierklingendrahtes über die Straße - die Leute von Jubara sind wieder mit sich und in ihrem Dorf allein. Gefangene hinter der Mauer, an der Schilder mit der Aufschrift hängen: "Todesgefahr! - jeder, der in die Nähe des Zaunes kommt oder den Zaun zerstören will, bringt sein Leben in Gefahr" - eine grellgelbe Schrift in Hebräisch, Arabisch, Englisch.

Man schaut auf das geschlossene Metalltor mit seinen Elektrosensoren, auf leise patrouillierende Jeeps und fragt sich unwillkürlich, ob das Militär sein Versprechen einhalten wird, die Kinder gegen ein Uhr auf dem Weg nach Hause unbehindert passieren zu lassen. Und was geschieht morgen, am 2. September, und an all den anderen Tagen, wenn keine Medien präsent sind?

Wie lange noch?

Jubara ist eine von 16 Gemeinden (Einwohnerzahl insgesamt: cirka 11.500 Menschen), die durch den Bau der israelischen Mauer völlig von der Westbank abgeschnitten wurden. Im August war Jubara für acht Tage vollständig isoliert, keiner durfte den Ort verlassen, niemand konnte ihn besuchen. Es war unmöglich, Milch, Eier oder andere Lebensmittel zu besorgen - dem einzigen Ladenbesitzer von Jubara war es nicht möglich, nach Tulkarem zu fahren, um Waren einzukaufen.

Natürlich existiert auch keine Ambulanz, geschweige denn ein Hospital im Ort. Bei Notfällen muss ein Krankenwagen aus Tulkarem gerufen werden, dessen Crew nur hoffen kann, dass die Israelis am Checkpoint die Durchfahrt gestatten. Am Kontrollpunkt liegen Listen mit den Namen aller Bewohner von Jubara, kein Palästinenser sonst darf in den Ort hinein - weder Freunde noch Verwandte. Wer es versucht, erfährt, dass eine Sondergenehmigung benötigt wird. Wer weiter fragt, woher und wie eine solche Erlaubnis zu bekommen ist, erhält als Antwort nur ein Achselzucken der Soldaten.

Bis vor einem Jahr gab es in Jubara eine eigene Landwirtschaft - Orangen-, Zitronen- und Olivenhaine, Gewächshäuser für den Gemüseanbau, eine Hühnerfarm. Heute umgeben das Dorf verwüstete Felder mit von den Israelis entwurzelten Orangenbäumen, die Skelette leerer Gewächshäuser und eine verlassene Hühnerfarm, deren Besitzer seine Tiere dank der Abschottung weder verkaufen noch versorgen konnte. Man sieht allenthalben die verkohlten Reste von Olivenbäumen, die von den Soldaten verbrannt wurden.

Wie lange werden die Leute von Jubara noch in ihrem Dorf aushalten? Wann ist der Punkt erreicht, dass einer nach dem anderen das Dorf verlässt, um erneut zum Flüchtling zu werden und dem stillen unsichtbaren Transfer der Palästinenser aus ihrem Land zu folgen?

Spendenkonto für palästinensische Kinder in Deutschland: "IWPS-Palästina", Hypobank Riezlern, BlZ 733 11 600 Konto-Nummer: 0340935.018

00:00 26.09.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare