Vorbeigehen. Schauen

Literarische Ermittung Uckermärkischer Zauber: Unterwegs in der Landschaft des Schriftstellers Botho Strauß

Fahren könnse dorthin aber nicht! Will ich auch nicht, sagt sie. Der alte Mann schmunzelt, wirft schnell einen Blick hinüber zu seiner Frau. Seine Frau fegt die Treppe. Eine mitten entzwei gebrochene Steintreppe, steil hinauf zu einer Art Veranda führend, auf der obersten Stufe kauert eine Katze. Rings liegt Unrat verstreut. Rostige, krumm gearbeitete landwirtschaftliche Maschinen stehen ein Stück abseits. Der Mann schnäuzt sich in ein riesiges Stofftaschentuch, faltet es umständlich zusammen und verstaut es in den Tiefen seiner Hosentasche. Hammse Muntermacher dabei? Sie schüttelt den Kopf. Auf der Karte hat sie eine Strecke von zweieinhalb Kilometern ausgemessen. Brauche ich nicht, sagt sie, ist ja nicht weit. Geht aber bergauf, sagt er. Zeigt ihr die Richtung, hier die Pflasterstraße lang, übern Bach, nicht gleich hinter dem Bach rechts, erst bei der Überlandleitung rechts, merken Sie sich das!

Sie bedankt sich, wendet sich zum Gehen.
Zum Boddho will die junge Frau – ohne Muntermacher!
Sie aber hat nur nach dem Weg zum nächsten Dorf gefragt.
Beide kichern erst leise, dann laut, lachen schallend hinter ihr her.
Als hätten sie den lieben langen Tag nichts anderes zu tun als Pförtnerdienste zu leisten, Pilgern den Weg zu weisen. Und dabei zur eigenen Belustigung das eine oder andere Witzchen zu reißen.

So, wie ihr gesagt wurde, meidet sie den Pfad hinterm Bach, biegt erst bei der Überlandleitung rechts in einen beidseits von üppigen Hecken gefassten Hohlweg ein. Schlüsselblumen säumen die Ränder und kurz vor dem Blühen stehende Schlehen. Umgeben von Ackerland, Weideland, gestaffelt, sacht ansteigend. Darin, wie von einem Riesen sorgsam verteilt: Sölle, Solitäre, Büsche. Nur die Autobahn, denkt sie, ist zuwenig weit weg. Wie man einen solchen Platz wohl findet? Geheimtipp oder monatelang umhergefahren, auf der Suche nach einem Ort, an dem nichts stört. Hier hat er ihn gefunden. Vergleiche liegen auf den Lippen. Wie – jedenfalls nicht wie in Brandenburg. No country for old men. Zu kalte Winter, zu heiße Sommer. Ein östlicher mittlerer Westen, ein ungefügtes, rohes Land, als er hierher gezogen ist vor siebzehn Jahren, und auch heute noch. Der Weg führt wie versprochen bergan, die Siedlung liegt auf einem Hügel. Kleine Schritte. Die Sonne steht noch nicht im Zenit, aber bald. Katzenköpfige Straße, für Pferdekarren gedacht, für Fußgänger. Vieles auf dem Weg dorthin scheint belassen. Nur die Zeiten, die Wetter haben die Furchen tiefer gemacht. Bald ist das Dorf zu sehen, paar Häuser nur, kein richtiges Dorf, ein Vorwerk, ehemaliger landwirtschaftlicher Zweigbetrieb eines größeren Gutes.

***

Sie fragt in der Bibliothek einer Kreisstadt nach Büchern von Botho Strauß. Auf dem Tisch buhlen Neuanschaffungen um Leser. Bände von Pilcher, Grass schiebt sich nach vorn und Walser auch. Moderator Moors Arschlochfreie Zone wartet in gleich drei Exemplaren auf Kunden. Man fragt, ob sie das buchstabieren könne: S-t-r-a-u-ß B-o-t-h-o. Nie gehört. Man blättert, man scrollt, man versucht es mit anderen Schreibweisen. Hamwer nicht! Wird auch nicht nachgefragt! Die Bibliothekarin ordnet die Bestseller. Man habe kaum noch Budget, fügt sie entschuldigend hinzu, da könne man nicht Sachen kaufen, die keiner nachfrage. Wie brave Tierchen tätschelt sie mit der flachen Hand die Sachen, die offenbar genügend nachgefragt werden. Die Bücher, die sie sucht, sind nur in der Stadt zu finden.

***

Sie grüßt die Anwesen abwesender Menschen. Bungalows, Baracken, Scheunen. Auf der Weide linkerhand steht ein Wagen, überfüllt mit verschimmeltem Heu. Ein quadratischer Feuerwehrtümpel, umzäunt mit Maschendraht. Kurz gestutzter Rasen, darin Rudimente des abgerissenen Gutshauses. Eine mächtige Feldsteinscheune begrenzt den öden Platz auf der Nordseite. Gegenüber, am Rand dieser Randwelt in einer Senke, stehen die zwei weißen Häuser. Ein großes und ein genau gleiches, aber kleineres Haus. Die Dächer sind rot geziegelt. Breite hohe Fenster im Giebel, geschlossen, die Innenräume von weißen Vorhängen gegen den Glast der Sonne geschützt.
Es scheint, als beziehe sich der kleine Ort, wie früher aufs Gutshaus, nun auf diese neuen, widerspenstigen, und sich dann doch freundlich ins Ganze fügenden Bauten. Eine Allee junger Linden weist zur Einfahrt, hinter dem Zaun parkt ein Subaru.

Sie will nicht klopfen, sie will vorbeigehen. Ihr Vorbeigeher und Schauer, sagt mir, wer ist Fürst, Bettelmann oder Bauer? Drei Totenköpfe stehen zur Wahl, kunstvoll neben den Spruch über den Eingang der Kapelle gemalt. Zahnwehgeplagte Pilger hatten in früheren Zeiten hier gebetet. Als sie Kind war, auf Wanderungen, wurde immer bei dieser Kapelle Rast gemacht. Steine waren aus dem Fundament gebrochen, Unkraut wucherte in den Lücken. So schäbig kann doch kein Heiliger wohnen, dachte das Kind. Einzig die toten Fürsten, Bettler und Bauern, glaubte es, lauerten im dunklen kühlen Innern. Das Kind hielt Abstand. Auf Zehenspitzen umrunden. Flüsternd sprechen mit keinem. Huschen, zirpen. Gegen Bilder hilft das Schauen. Vorbeigehen. Schauen. Makellos die Aussicht von seiner Warte, intakt. Noch.
Noch haben die Vertikalen der erneuerbaren Energien den Blick nach Süden nicht zerhackt. Wer an diesem Ort hier lebt, möchte die Zeile des Horizonts unbeschadet wissen, so vollkommen sie ist, sie immer war, verändert nur mit dem Wachsen der Bäume im Forst, über Jahrzehnte, über Jahrhunderte.

***

In einer unüberschaubaren Geometrie, rattert die Bahn um die Mitte der Stadt. Menschen werden ein- und ausgespült. Ein Passagier hält sich fest am Gestänge. Ein Kind hält sich fest am Passagier. Man wächst aneinander an Schultern und Armen, versucht, sich zusammenzunehmen, schmaler zu werden. Sie klammert sich an die Bücher in ihrer Tasche. Eine Lichtung Platz zwischen sich und anderen wäre das Mindeste. Das Rumpeln und Schleifen wird lauter. Alle Klappfenster stehen sperrangelweit offen. Holterdipolter, das wird eine harte Nacht unter so vielen Fremden. Wie die Sonne sinkt, wie die Hitze nicht weniger wird, wie die Stadt sich ausdehnt in immer neue Schienen, Straßen, Siedlungen. Sie hat schon die Füße vom Boden genommen, die Arme um Beine und Bücher geschlungen. Einer öffnet zischend eine Dose Bier, ein anderer zieht sich die Schuhe aus. Keiner will aussteigen, endlich Platz machen, im Gegenteil, immer mehr drängen herein. Lang wird das nicht mehr dauern, bis sie anfangen, sich im öffentlichen Verkehrsmittel zu Hause zu fühlen.

***

Unversehens ist Sommer geworden. Keine Zeit dauert heutzutage wohl länger als ein paar Augenblicke. Sie geht jetzt in der Aussicht. Sie geht dort, wo sie von dem, der schaut, gesehen werden kann. Längs der Weide, in Gesellschaft der Kühe, die vergeblich nach Schatten suchen. Ihre Gesichter tragen schwarze Masken, ein grässlich gieriges Fliegengewimmel um Augen und Nüstern. Sie ist ein Fremdling im verblühenden Garten. Von Minute zu Minute dorrt das Gras zu strohig gelbem Gestrüpp. Grün bleibt einzig die Luzerne, deren Wurzeln in tiefere Erdschichten reichen. Futter wird knapp. Sie geht im Flimmern der Luft, die Umrisse verschwommen. Ein physikalisches Phänomen, wenn bewegte Luftschichten unterschiedlicher optischer Dichte aufeinander treffen. Brechung und Beugung. In der Beobachtung von Ferne zerdehnt sie sich in zwei oder mehrere Gestalten, die vielleicht noch an den äußersten Spitzen der Finger Verbindung halten. Oben stehen stoisch die weißen Häuser, von der Topografie behütet und vom Wäldchen, das sich ostwärts anlegt.

Vergessen, wer dort oben wohnt. Sie wandert flott in den Zwischenräumen des Gedächtnisses. Als sei sie hier schon oft ­gegangen. Hinunter zum Weiher, wo sie Vertrautes zum ersten Mal sieht. Beispielsweise hört sie jetzt Musik. Vogelstimmen sind es, bei genauerem Hinhören. Flötentöne und Kratzen auf Saiten, unterlegt vom rauen, kehligen Brüllen des Viehs, ein kakophonisch-betörendes Konzert. Vorsichtig umgeht sie sumpfige Stellen, tritt dort auf, wo der Boden fest scheint. Der Wiesenweg endet am Schilf bestandenen Teich, ein Holzsteg macht das Wasser begehbar. Lang ausgestreckt. Die Hand senkt sich zur still liegenden Fläche. In Erwartung der kühlen Nässe. Im Ohr zwackt das Gelächter des Pförtnerehepaares. Wie vielen die beiden wohl schon den Weg gewiesen haben? Ob sie sich überhaupt noch fragen, welchen Mangel die suchenden Gestalten zu beheben hoffen. Was sie hier zu finden hoffen?

Der geplagte Pilger, vor Jahrhunderten, betet und bittet um Erlösung von seinen Zahnschmerzen. Eine gütige geistige Existenz schließt ihn in die Arme. Der Heiligen Apollonia ist sein Leiden nicht egal! Und siehe da, stantepede fühlt er das Zahnweh schwinden. Oder: Im selben Moment hat der Streptococcus mutans die letzte Nervenfaser zerstört, der Zahn ist tot und der Schmerz hört ganz plötzlich auf. Ein unwahrscheinlicher, aber glücklicher Zufall?

Ihre Hand berührt das Wasser. Sie berührt die Spiegelung des Schilfsaums, der Weiden und Pappeln, der Landschaft, des Himmels. Die Spiegelung des weißen Hauses, ein Fleckchen, eine grelle Unregelmäßigkeit in den weich ineinander übergehenden matten Tönen. Die Berührung splittert durch das Abbild zum Ufer. Am Ufer färbt sich das Blattwerk allmählich zum Herbst hin. Massikot, Krapplack, Umbra. Schon ist es zu kühl für ein Bad im Weiher. Aber als sei sie doch geschwommen, fühlt sie sich erfrischt, der Schweiß des Sommers, abgewaschen. Die Körpertemperatur auf ein normales Maß gesenkt. Wind streicht über die bloße Haut. Sie muss wirklich aufpassen, sich nicht für jemand viel Jüngeren zu halten.

***

Während sie zurückgeht, schiebt sich Gewölk vor die spätherbstlich blasse Sonne. Schnee beginnt zu fallen. In der Aussicht ist sie jetzt nichts weiter als eine Gestalt, die schräg durchs Gestöber geht. Ohne Begleitung. Das hat man ja nicht wissen können. Was ist das bloß für ein Wetter! Und ob, wird noch weiterschneien, sagt der Bauer, der schnell die Kühe in den Stall holt. Sie werden schon ein, zwei Tage brauchen, bis sie sich an den Winter gewöhnt haben. Die Konturen der beiden Häuser sind kaum noch auszumachen vor dem weißen Grund. Nur, was ist denn das? Die Fenster stehen ja sperrangelweit offen! Die Vorhänge wirbeln weit ins Zimmer hinein, die Flocken, die kalte Luft. Als habe man in der Dämmerung alle Fensterflügel geöffnet, es ganz und gar dem Wind überlassen, die Hitze des Tages aus den Räumen zu fegen. Sei weggegangen, ausgegangen in blindem Vertrauen auf die Gesetze der Natur.

Da kann man einmal sehen, denkt sie. Auf nichts ist mehr Verlass. Die Sommerkleider hudeln ihr um den Leib. Wie kann man nur so leichtsinnig sein und nicht an den Wechsel der Jahreszeiten denken? Jenseits des Hügels sucht sie den Weg, der heut morgen noch so prahlerisch Frühling gezeigt hat. Schlüsselblumen und Schlehenknospen! Ha! Kämpft sich durch Schneewehen talwärts, tückisch kann jeder Schritt im Bodenlosen enden. Wie gut könnte sie jetzt einen Muntermacher gebrauchen.

Die Frau schiebt Schnee von der entzwei gebrochenen Treppe, die Katze ist nirgends zu sehen. Der Mann nimmt einen Schluck Schnaps aus dem Flachmann. Prösterchen, ruft er laut, allet jut? Die Frau hält inne, stützt sich auf den Schneeschieber, winkt ihr zu, etwas fahrig, als sei sie müde vom vielen Winken tagein, tagaus. Sie stapft so schnell es geht vorbei. Ihr ist, als höre sie in ihrem Rücken Gemurmel und Gekicher. Bevor sie um die Ecke biegt, blickt sie zurück. Die beiden stehen (haben sie je gelacht?) stumm nebeneinander und sehen ihr nach.

Die Freitag-Sonderausgabe zu 20 Jahren Einheit. Mit Beiträgen von Sascha Anderson, Daniela Dahn, Samy Deluxe, Rainald Goetz, Jakob Hein, Jana Hensel, Tom Kummer, Jonathan Meese, Harry Rowohlt u.v.a Jetzt am Kiosk oder auf freitag.de





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12:00 03.10.2010

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