Vorbild

Linksbündig Jürgen Klinsmann macht den Politikern was vor

Samstag, der 12. November wird für Jürgen Klinsmann gewissermaßen das, was für Gerhard Schröder die NRW-Landtagswahl war: Nach wiederholt schwachen Auftritten spielt die Fußballnationalmannschaft gegen Frankreich. Das Ergebnis wird für ein knappes halbes Jahr die sportliche Stimmung im Vorfeld der Fußball-WM im nächsten Jahr bestimmen. Führen die Franzosen die Deutschen vor, werden Bild, BamS und Glotze, werden Bundesliga und Beckenbauer kräftig an Klinsmanns Bundestrainer-Stuhl sägen. Im Unterschied zu Schröder aber wird Klinsmann nicht den Löffel abgeben. In vielerlei Hinsicht macht Klinsmann den PolitikerInnen vor, wie man in diesem Land Reformen angehen muss.

Nach der von der deutschen Mannschaft blamabel gestalteten Europameisterschaft 2004 in Portugal, erklärte er zum Beispiel nicht etwa wie üblich in der Boulevardpresse, sondern in der Süddeutschen, wie er sich die Sache vorstellt: "Man muss den ganzen Laden auseinander nehmen." Gemeint war damit das korporatistische System von gemeinschaftlichem Alkoholmissbrauch, zu dem gehören: der Deutsche Fußballbund, die Manager und Trainer der Bundesliga und das, was einstmals Sportjournalisten waren, heute aber mehrheitlich Hofschranzen sind. Dieses von Milliarden-Einnahmen genährte Konglomerat aus Vereinen und Medien ist im Kleinen mit der gesellschaftlichen Klasse im Großen vergleichbar, die in unserem Land Politik und Ökonomie bestimmt. Beiden gemeinsam ist die allgemeine Miesepeterei und Larmoyanz über angeblich "nicht wettbewerbsfähige Zustände" hierzulande, genauso wie der Neid auf "das Ausland", in dem angeblich alles besser sei. Leider wandern die Herrschaften dennoch nicht aus. Denn sie meinen das nicht wirklich; es ist einfach ihre Art, die eigene Gier zu verschleiern.

Diese Gier geht im Fußball zu Lasten der Fans. Um die Einnahmen zu erhöhen, wurden Stehplätze verringert und für internationale Spiele komplett abgeschafft. Dort, wo man sie erhalten hat, in Dortmund zum Beispiel, fungieren sie als Attraktion für das teuer bezahlende Sitzpublikum, das auf diese Weise von zeitweise erbärmlichen Leistungen auf dem Spielfeld abgelenkt wird.

Wirtschaftlich gesehen regieren immer weniger die Stadionzuschauer, sondern nur noch die Verwertungsinteressen der Medien. Die Gefühlsseite des Fußballs, die Identifikation zwischen Mannschaften und Fans, das Prinzip Solidarität gehen nach und nach völlig verloren. Dass es noch immer das Bedürfnis danach gibt, wird in den Stadien deutlich, sobald eine Mannschaft Spieler aus der eigenen Jugendabteilung einsetzt. Schafft so einer es, 90 Minuten nicht über die eigenen Beine zu stolpern, ist im Nu ein neuer "Star" geboren. Weil es so selten ist.

Jürgen Klinsmann hat eine klarere Vorstellung der Lage als der gesamte versumpfte inländische Fußball-Sachverstand. Die Distanz, die ihm sein Wohnsitz in Kalifornien verschafft und die seit Monaten von der Bundesliga-Clique attackiert wird, hat diese Klarheit und Unabhängigkeit eher befördert als erschwert. Bisher hat er sich noch bei niemandem eingeschleimt. Bei Klinsmann bekommen die Springerblätter keinen Exklusivstatus. Für lange Pilsrunden unter Journalisten steht er nicht zur Verfügung.

Wenn einer seiner jungen Spieler schwächelt und von Bild zum Abschuss freigegeben wird, setzt er ihn beim nächsten Mal erst recht wieder ein. Sündenböcke für Bild zu opfern hat er nicht nötig. Und siehe da: die Fans haben verstanden. Der Spieler Robert Huth war ein Publikumsstar beim Confederations Cup im Sommer, obwohl er bei weitem nicht der beste Spieler war.

Anders als Franz Müntefering oder Angela Merkel weiß Klinsmann, dass er nur als Teamplayer überleben kann: Manager Bierhoff und Co-Trainer Löw spielen eine zentrale Rolle. Talentscouts, Psychologen, Fitnesstrainer hat er sich global zusammengesucht - er wollte nur die Besten haben, sie mussten ebenso teamorientiert denken, wie das im Weltklassefußball heute üblich ist. Das Vitamin B des DFB- und Bundesligasystems hatte ausgedient.

Deutschland wird trotzdem nicht Weltmeister. Jahrzehntelange Versäumnisse in der Berufsausbildung kann auch ein Klinsmann nicht ausgleichen. Aber er kann ein Zeichen setzen für jugendliche Spieler, für die Stärkung ihres Selbstvertrauens, für Solidarität zwischen Mannschaft und Fans, für Spaß an guter Leistung statt Mäkelei. In dieser Hinsicht macht er den Herrschenden mit ihren hilflosen "Du bist Deutschland"-Hypnoseversuchen schon lange etwas vor.


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00:00 11.11.2005

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