Vorboten einer eisigen Zeit

Benzinpreise Mehr als 1,70 Euro pro Liter Super? Die Finanzmarktkrise war gestern, heute tun die Bezinpreise weh. Doch die Schrecken des fossilen Zeitalters lassen sich überwinden

Mehr als 1,70 Euro für den Liter Super! Der ADAC ist empört. Die Krise Griechenlands und der Finanzmärkte war gestern, heute tut der Benzinpreis weh. Die Energiekrise, die wir seit dem Ölpreisschock von 1973 in dunkler Erinnerung haben, kehrt zurück. Schurken, die für die Vielfachkrisen verantwortlich gemacht werden können, sind leicht zu benennen. Vor 40 Jahren haben uns die „Ölscheichs“ einen bösen Streich gespielt. An der griechischen Krise von heute sind die „Pleitegriechen“ selbst schuld, behaupten CSU-Größen. Also müssen die jetzt durchs Jammertal der gekürzten Löhne und Sozialleistungen. Dabei wird vergessen, dass die Verschuldung zunimmt, wenn als unvermeidliche Folge grimmigen Sparens das Sozialprodukt schrumpft.

Als Ursache dafür, dass die Benzinpreise nach oben schießen, werden Schuldenkrise und Euroschwäche genannt, denn die verteuern die Ölimporte. Auch der „Arabische Frühling“, die syrischen Unruhen und das iranische Atomprogramm treiben die Energiepreise nach oben und die Leistungsbilanzen der südeuropäischen Krisenstaaten ins Defizit. Und dann sind da noch China und Indien mit ihrem exorbitanten Wachstum. Der Ölpreis steigt und alle Welt muss es ausbaden. Doch was ist eigentlich mit unserem Ölverbrauch? Er beträgt in den USA und Westeuropa trotz der Krise ein Vielfaches dessen, was Chinesen oder Inder verbrauchen, von den Afrikanern ganz abgesehen.

Vielleicht müssen wir uns auf ein säkulares Steigen der Energiepreise gefasst machen. Dann wäre der jetzige Preisanstieg die erste Schwalbe, der viele andere folgen. Nur dass die keinen freundlichen Sommer ankündigen, sondern eine ziemlich eisige Zeit. Erst die Finanzkrise, dann die Energie- und Klimakrise. Die Internationale Energieagentur (IEA) jedenfalls geht davon aus, dass der Preis des Öls von 28 Dollar je Barrel (159 Liter) im Jahr 2000 auf 189,65 Dollar im Jahr 2030 steigen wird.

Auch auf den Energiemärkten gehen die Preise nach oben, wenn die Nachfrage zunimmt und das Angebot nicht oder nur zu steigenden Kosten ausgeweitet werden kann. Das Wirtschaftssystem der westlichen Moderne ist energieintensiv. Modernisierung heißt große fossile Energienachfrage. China hat zwischen 1997 und 2007 seinen Ölverbrauch von 4,2 Millionen Barrel pro Tag auf 7,9 Millionen fast verdoppelt, Indien hat ihn von 1,8 Millionen auf 2,7 Millionen geschraubt. Bis 2030 wird der globale Energieverbrauch pro Jahr um 1,5 Prozent zunehmen, sagt die IEA voraus.

Kant und Peakoil

Auch die hohen Renditen, die auf den Finanzmärkten erwartet werden, erzwingen entsprechend hohe Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts. Die aber können nur gesteigert werden, wenn auch der Energieverbrauch zunimmt. Eine steigende Produktivität ohne Steigerung des fossilen Energieverbrauchs mag im Einzelfall gelingen, ist aber keineswegs die Regel – trotz allen technischen Fortschritts. Wenn von Griechenland wie von anderen verschuldeten Ländern höheres Wachstum zur Bedienung der Schulden verlangt wird, heißt das implizit: mehr Energieverbrauch. Auch eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit in der globalen Konkurrenz der „Standorte“ verlangt höhere Produktivität und einen größeren Einsatz fossiler Energie.

Doch das Angebot der fossilen Energieträger lässt sich nicht im Gleichschritt mit der Nachfrage ausweiten. Der Grund ist trivial, und Immanuel Kant hat ihn benannt. Wie alles auf der „begrenzten Kugelfläche des Planeten Erde“ sind auch die Bestände fossiler Energieträger begrenzt. Das ist überhaupt erst relevant seit der industriell-fossilen Revolution, etwa zu Kants Lebzeiten Ende des 18. Jahrhunderts. Denn wir bedienen uns aus endlichen Beständen und nähern uns nun ihren Grenzen. Der Höhepunkt der Förderung, also Peakoil oder Peakgas und sogar Peakcoal ist erreicht oder steht kurz bevor. Nur in den OPEC-Ländern wird noch mit einem Anstieg der Reserven an konventionellem Öl gerechnet, sonst nirgendwo. Der Irak ist in diesem Szenario ein Sonderfall. Die IEA geht von einer Verdreifachung der Fördermenge von 2,4 Millionen Barrel pro Tag auf 6,7 Millionen zwischen 2008 und 2030 aus. Die beiden – von Bush-Vater und Sohn – gegen das Land geführten Kriege haben die Förderung von Öl unterbrochen. Die daher nicht extrahierten Reserven können nun auf den Markt geworfen werden. Peakoil wird in die Zukunft verschoben.

Bei der Verbrennung fossiler Energieträger werden bekanntlich Treib­hausgase emittiert, die zur Erwärmung der Erde beitragen. Der Temperaturanstieg sollte zwei Grad in diesem Jahrhundert nicht übersteigen, verlangen Klimawissenschaftler, damit aus dem Klimawandel keine Klimakatastrophe wird. Also dürfen die Kohlendioxid-Moleküle die Zahl von 450, bezogen auf eine Million Luftmoleküle, nicht übersteigen.

Der Umbau des Energiesystems wird demnach so radikal sein müssen wie vor 250 Jahren beim Übergang von der solaren Energie zu den fossilen Energieträgern. Das fossile Energiesystem umfasst die gesamte Energiekette von den Lagerstätten über die Förderanlagen, die globale Transportlogistik mit Tankern und Pipelines, die Anlagen zur Speicherung und Raffinerie der Primärenergieträger bis hin zu den Emissionen und deren Lagerung. Jedes dieser Glieder der Energiekette verlangt organisiertes Wissen, Technik, soziale Kompetenz – und Energie. Der Energie-Output (Primärenergie ebenso wie Nutzenergie) ist nicht ohne Energie-Input zu haben. Daher ist die Relation von Energie-Investitionen und Energie-Ernte – der Energy Return on Energy Investment (EROEI) – eine wichtige Maßzahl für die Energieeffizienz von Energiewandlungsprozessen. Wenn der EROEI unter den Wert 1 sinkt, ist Energiegewinnung irrational. Man pumpt dann mehr Energie in den Prozess, als herausgeholt werden kann.

Kommende Energiekonflikte

Doch Energieerzeugung, -verarbeitung und -verteilung sind ein Geschäft wie jedes andere. Daher wird in Energie investiert, wenn am Ende ein Überschuss in Euro herausspringt, auch wenn der EROEI sehr niedrig oder gar geringer als 1 sein sollte. Daher kann es ökonomisch rational sein, Öl zu fördern, selbst wenn bei der Ausbeute der Teersände im kanadischen Alberta die ökologischen Kosten bei Weitem den energetischen Nutzen übersteigen. Auch bei einigen Erneuerbaren Energien ist der EROEI oft so niedrig, dass die ökologische Sinnhaftigkeit fraglich wird.

Die in London ansässige New Economics Foundation hat den Zusammenhang von Energiemangel und Geopolitik, ökologischer Irrationalität und militärischen Konflikten zum Thema gemacht. Die Rivalität der Energieverbraucher kann zu geopolitischen Konfrontationen führen, die das Finanzbeben von 2008 wie ein „fröhliches Ereignis“ aussehen lassen. Also soll das so genannte nicht-konventionelle Öl – das Tough Oil – den Mangel mildern. Gemeint sind Teersand, Ölschiefer, Tiefseeöl und polares Öl, die nur mit großem Energieaufwand zu erschließen sind. Dadurch ausgelöste ökologische Schäden sorgen für heftige soziale Konflikte (wie im Niger-Delta). Auch ist es höchst risikoreich, das Tiefsee-Öl zu fördern, wie die Havarie der Ölplattform Deepwater Horizon vor zwei Jahren gezeigt hat.

Hinzu kommen die Konflikte um die Treibhausgase. Die Versuche, das Kohlendioxid zu binden und dann in die Kavernen der Erdkruste zu verpressen (CCS), sind bislang allesamt gescheitert. Wenn die Schadstoffemission gemindert werden soll, muss die Regulierung bei allen Etappen der Energiekette ansetzen und nicht erst beim „Auspuff“ des fossilen Vehikels. Es müssten weniger Kohle, Öl und Gas gefördert, raffiniert und natürlich verbrannt werden. „Leave the oil in the soil“, könnte eine Antwort auf die drohende Klimakrise sein. Dieser „holistische Blick“ auf die gesamte Energiekette wird im Klimaschutzprotokoll von Kyoto nicht verlangt. Dabei ist es ganz einfach: Wenn man die Emissionen von Kohlendioxid in die Atmosphäre mindern will, müssen weniger Brennstoffe aus der Erde gebuddelt werden. Dann darf ab 2017 kein fossiles Kraftwerk mehr ans Netz gehen. Der Energiebedarf könnte dann nur noch mit erneuerbaren Energien befriedigt werden – mithilfe von Anlagen der solarthermischen und fotovoltaischen Wandlung, durch Windkraftanlagen, durch Wasser-, Wellen- und Gezeitenkraftwerke wie auch durch Nutzung der Biomasse.

An dieser Stelle müssen wir uns an die Zentralität des Begriffs der Energiekette erinnern. Die Nutzung erneuerbarer Energien verlangt eine gänzlich andere Infrastruktur von Transport, Speicherung und Raffinade, weil die Techniken der fossilen Energiewandlung nicht 1:1 auf solare Energiesysteme übertragen werden können. Für das fossile Zeitalter waren große zentralisierte Anlagen typisch, von denen aus die Verteilung in die Fläche erfolgte. Das waren zugleich gewaltige Finanzanlagen von Banken und Kreditkonglomeraten. Die Gewinnung erneuerbarer Energie findet hingegen dezentral unter Berücksichtigung der Jahres- und Tageszeiten überall im Raum statt. Die kleineren dezentralen Anlagen kommen mit kleineren Finanzinstituten aus. Keines wäre mehr „too big too fail“, und die Erpressung in der Finanzkrise hätte ein Ende. Das wäre viel wert, auch Benzinpreise von 1,70 Euro und mehr könnten ihren Schrecken verlieren. Es gäbe ja anstelle der fossilen Brennstoffe solare Alternativen.

Elmar Altvater ist Politikwissenschaftler und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von ATTAC

09:31 05.03.2012

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