Vorhang auf

Theatertreffen 2021 Die zehn nominierten Inszenierungen stehen fest, Redakteur:innen von „nachtkritik.de“ stellen sie vor

Die Redaktion von nachtkritik.de wählt „normalerweise“ monatlich aus einem Angebot von circa 400 Premieren im deutschsprachigen Raum jeweils 50 Produktionen aus, die ihr bemerkenswert und damit besprechenswert erscheinen. Darunter die großen Bühnen, Theater aus der ländlichen Region, von freien Gruppen oder Stadttheater. Das vielfältige Schaffen des deutschsprachigen Theaters soll so repräsentativ wie möglich abgebildet werden.

Die Redaktion greift dabei auf die Expertise von rund 40 Kritiker:innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zurück. Das „reisende Großkritikertum, das wie Gogols Revisor über die Lande fährt“, sollte abgeschafft werden, als nachtkritik.de 2007 gegründet wurde. Kritik, sagt das Kollektiv, „so wie wir sie verstanden haben und immer noch verstehen, kann nicht das letzte Wort über ein Kunstwerk haben.“ In den Monaten der Pandemie ist nachtkritik.de so etwas wie die Arche Noah des Theaterdiskurses gewesen. Mit eigenen Streamings und Livechats sowie Infos zu Notprogrammen für Künstler:innen hat das Portal dem Theater und denen, die es lieben, Wege durch die Krise zu zeigen versucht. Mithilfe des Digitalen Spielplans sind viele Streamings oder Theater direkt ansteuerbar. Und, natürlich, gibt’s schon immer Kritiken zu digitalen Theaterformaten. Denn die waren ja schon lange vor der Corona-Krise interessant.

Die Jury des Theatertreffens der Berliner Festspiele (geplant für Mai) lädt jeweils die aus ihrer Sicht zehn besten Inszenierungen ein – die Schlaglichter auf die diesjährige Auswahl stammen von den nachtkritik-Redakteur:innen Stephanie Drees, Simone Kaempf, Elena Philipp, Christian Rakow und Esther Slevogt.

Das „Automatenbüffet“ verspricht das, wofür das Wilmersdorfer Kiez-Publikum sein Berliner Theatertreffen liebte und wie es in den letzten Jahren immer weniger ausschaut: Ein Stück voller existenzieller Nöte wird von Schauspielern der Extraklasse durchfühlt. Von Katharina Lorenz bis Michael Maertens ist die erste Garde des Burgtheaters dabei. Alles riecht nach Horváth, der Text stammt aber von der Horváth-Zeitgenossin Anna Gmeyner. Ein Mosaikstein für den Neubau des Dramenkanons.

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Automatenbüffet von Anna Gmeyner; Regie: Barbara Frey Burgtheater Wien

Was für ein Comeback: Nach 20 Jahren legte der Georg-Büchner-Preisträger 2015, Rainald Goetz, wieder ein Stück vor, und was für ein rahmen-sprengendes, das die weltpolitischen Verwerfungen nach 9/11 resümiert – ein irres Glanzstück zeitgenössischer Dramatik. Karin Beier hat einen inhaltsprallen Abend inszeniert, der zwischen Clownerien und Zynismus, politischen Machtverhältnissen, der Faszination am Verbrechen und der Demokratie changiert. Eine klassische Tragödie at its best.

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Reich des Todes von Rainald Goetz; Regie: Karin Beier Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

Sieben Stunden lang erzählt Anne Tismer von weiblichen Biografien, Erfindungen und Kulturbeiträgen, die in der männlich geprägten History bislang ausgespart sind. Mit Leib und Zunge wirft sich die freie Schauspielerin, die einst die Berliner Schaubühne für die weite Welt verließ, in ein Oral-Her-Story-Solo, das Platz behauptet im Kulturkanon – zum ersten Mal dabei: Marie Schleef, Ballhaus Ost (Berlin)und Kosmos Theater (Wien).

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Name Her. Eine Suche nach den Frauen+ Konzept, Text und Regie: Marie Schleef Ballhaus Ost, Kosmos Theater, Münchner Kammerspiele

Live zur Premiere gebracht, anschließend gestreamt, isoliert Anne Lenks Klassiker-Inszenierung jede*n der intrigant diplomatisierenden Höflinge in einem Fach des riesig-rosa Bühnen-Setzkastens (Bühne: Judith Oswald). Kühl, analytisch und doch empathisch führen die Regisseurin und ihre Spieler:innen die Schiller’schen Schachfiguren dem tragischen Dramenende zu. Und erweisen sich als Meister:innen des (selbst-)ironisch-ernsthaften Spiels.

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Maria Stuart von Friedrich Schiller; Regie: Anne Lenk Deutsches Theater Berlin

Wie vermisst man eine Freundschaft? In sieben Kapiteln kreist diese intime Performance um die Sprache der Berührung. Eine Entdeckung aus der freien Theaterszene, eine Überraschung in der Auswahl dieses Theatertreffens. Performerin Lucy Wilke, die mit spinaler Muskelatrophie geboren wurde, und der queere Tänzer Paweł Duduś verhandeln auf der Bühne Intimität, Beziehung, (Körper-)Normen – und die Macht des Blicks.

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Scores That Shaped Our Friendship von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś schwere reiter, München

Regie-Shootingstar in den 90ern, wurde Stefan Bachmann Schauspieldirektor in Basel, stieg aus und fuhr mit dem VW Bus um den Globus, kam zurück und reüssierte neu. Jetzt ist er Intendant in Köln. Beim Theatertreffen 2021 ist er aber nicht mit einer Kölner Arbeit eingeladen, sondern mit good auld Basel und einem Max-Frisch-Politkrimi (im Dürrenmatt-Jahr, die Jury hat Humor). Sein Öderland wird für famoses Bildertheater und Rammstein-Atmosphäre gepriesen.

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Graf Öderland von Max Frisch; Regie: Stefan Bachmann Theater Basel

Maximal energetisches In-Your-Face-Regietheater. Nix für Thomas-Mann-Fans (die eine eher freie monologische Komposition erhalten), mehr was für Menschen, die Theater für erdrückende Präsenz und Performancekraft schätzen. Mit Videokünstler Tilo Baumgärtel im Boot zündete auch die analog nicht zu realisierende Premiere: Mit mobilen Kameras, Perspektivwechseln und virtuosen Überblendungen wurde der Zauberberg zu einem der Streaming-Highlights der Saison.

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Der Zauberberg nach Thomas Mann; Regie: Sebastian Hartmann Deutsches Theater Berlin

Es ist das perfekte Corona-Stück, absolut quarantänetauglich. Ein Performer steht ohne Publikum im leeren Saal des Hebbel-Theaters und rätselt, was er spielen soll. Seine Kolleg:innen schwirren durch Berlin (und Sheffield und andere Orte) und suchen nach Spielideen für den Isolierten. Und wir Zuschauer hocken vor den Bildschirmen und genießen das kreuz und quer gefilmte und global vernetzte Geschehen. Bei der Premiere eine komplette Mittsommernacht lang.

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Show Me A Good Time von und mit Gob Squad HAU Berlin u. a. Spielorte

Er schuf 2020 die Web-Serie Dekalog mit Sogfaktor für eine wachsende Online-Theatergemeinde. Zum Theatertreffen ist Christopher Rüping mit einer klassischeren Arbeit eingeladen: Seine Adaption des Lagarce-Stücks leuchtet in die Konfliktzonen einer Familie, reflektiert Urbanität und Provinzialität und besticht mit einem glühenden Schlussbild, das unsere Schweizer Nachtkritikerin Valeria Heintges auf keinen Fall spoilern wollte.

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Einfach das Ende der Welt nach Jean-Luc Lagarce; Regie: Christopher Rüping Schauspielhaus Zürich

Freihändige, intelligent improvisierteKlassiker-Überschreibungen. Damit hat sich Leonie Böhm nach Abschluss des Regiestudiums 2016 schnell einen Namen gemacht: In Medea* (merke: Dekonstruktion nur echt mit „*“) nimmt sie den Archetyp der geschmähten Einwanderin und Kindsmörderin auseinander. Hier wie auch im anderen Zürcher Abend tritt Maja Beckmann an – und stemmt den Stoff im Duett mit Live-Musiker Johannes Rieder.

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Medea* nach Euripides; Regie: Leonie Böhm, Schauspielhaus Zürich

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