Vorrücken zur Natur

Gourmandie Wir können weder mit, noch ohne es leben: das Picknick. Von der unerklärlichen Lust im Freien zu essen - trotz Sonnenglut, Ameisen, Flecken (und Stechmücken)

Das Picknick - eine phantastische Vision, die sich Sommer für Sommer in unseren Köpfen fortsetzt, eine verklärte Erinnerungen aus Kindheitstagen, von der man nicht mehr genau weiß, ob es sich jemals wirklich so bezaubernd, so romantisch zugetragen hat, mit tanzenden Sonnenstrahlen vor einem azurblauem Himmel, rauschenden Baumwipfeln, leckeren Speisen und dem Nickerchen des Vaters. Schließlich hält sich auch hartnäckig jener Irrtum, dass früher zu Weihnachten immer Schnee lag.

Das Picknick einst war also die perfekte Idylle? Doch stand damals schon der großen Idee, im Freien zu Essen und zu Trinken nicht die technisierten Scheußlichkeiten, wohl aber die unbequeme Wirklichkeit im Wege. Die hieß, schwitzend in heißer Sonnenglut, mit vollbepacktem Korb, nörgelnder, drängelnder Familie im Nacken, durch Wald und Wiesen zu keuchen, suchend, bis man endlich den Picknickplatz seiner Träume gefunden hat. War es dann gelungen, zur allgemeinen Zufriedenheit, den Inhalt des Korbes auf einer Decke auszubreiten, begannen die Probleme erst wirklich.

Korkenzieher vergessen. Hände schmierig, vom Herauswischen der in der Hitze zerlaufenden Butter. Trinkbecher kippt um, wackelte die ganze Zeit schon auf dem unebenen Waldboden, roter Johannisbeersaft ergießt sich auf weißen Sommerrock. Plötzlich die im wahrsten Sinne des Wortes beißende Feststellung, dass man inmitten einer Ameisenstraße Rast macht. Oder dummerweise das Mückenspray zu Hause hat stehen lassen. Juckend und kratzend schmeckt bald nichts mehr. Spätestens an diesem Punkt gelangt man zur Feststellung, dass Picknick und Waldlichtung einander ausschließen. In Eintracht mit der Natur leben heißt wandern, spazieren gehen oder schwimmen, bedeutet jedoch nicht, dass man im Freien auch Essen muss. Der Mythos vom Picknick ist ein gattungsgeschichtlicher Irrtum. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Gezwitscher gratis - am Computer

Jedoch, der noch größere Irrtum ist, zu glauben, man könne einfach damit aufhören! Joggen oder Radfahren kann man merkwürdigerweise schneller und leichter wieder sein lassen. Doch beim Picknick sieht die Sache anders aus, Picknicken sitzt tief in unserem Unterbewusstsein. Die Vision ist stark, schließlich wird daran schon seit Jahrhunderten gearbeitet, spätestens, seit der Naturphilosoph Jean-Jaques Rousseau, die Schönheit einfacher Ländlichkeit in schillerndsten Farben pries. Es folgten weitere Phantasien, beispielsweise das grandios beschriebene Frühstück in den "Drei Musketieren", das rauschende Gemälde von Édouard Manet, mit dem er das Essen unter freiem Himmel in wunderbaren Farben darstellte. Oder der Film "Jenseits von Afrika" mit Meryl Streep und Robert Redford, dieses stimmungsvolle Essen im Freien unter afrikanischem Sternenhimmel - romantischer kann eine Liebesgeschichte nicht beginnen. Schon dieser Name - PICKNICK, hat etwas, diesem Klang kann man sich nur schwer entziehen. Zum einen steckt darin das niederländische "picen" (soviel wie picken), zum anderen das französische "nique" (Kleinigkeit). Ja, schön und gut, doch wie sieht das eigentlich alles in der Wirklichkeit aus?

Das Picknick ist tot, könnte man meinen. Der Sohn meiner Nachbarin spielt Picknicken am Computer, Vogelgezwitscher und Bachgeplätscher gibt es gratis dazu. Dazu trinkt er Cola und knabbert einige Chips. Seine Eltern finden das Spiel prima, hat wenigstens nichts mit Gewalt zu tun. Der kleiner Bruder sitzt daneben, so lernt er gleich, was ein Picknick ist. Gut für die Allgemeinbildung, muss man wenigstens mal etwas davon gehört haben, meinen die Eltern.

Das Picknick ist tot, könnte man glauben. Die Versuche abertausender Berliner, im sommerlichen Tiergarten so etwas wie ein Essen im Freien zu veranstalten, ist grotesk. Zwischen den eng aneinandergepressten Erholungssüchtlingen stehen qualmende Grills, werden Hunde abgerichtet und CD-Player laufen auf Hochtouren. Montagmorgen, so steht dann in der Zeitung, müssen auf dem Tiergarten-Gelände bis zu 20 Kubikmeter Müll aufgesammelt und abgefahren werden!


Das Picknick ist tot, zum Umweltproblem verkommen, gescheitert an der industrialisierten Bequemlichkeit, verdrängt durch die technisierten Freizeitangebote, überwältigt von der diktatorischen Fast-Food-Küche.

Wie aber wird wohl ein Picknick im Jahre 2050 aussehen? Vielleicht so: Über Videotext werden die Orte angegeben, wo die Schadstoffbelastung der Luft am geringsten ist. Ein Kunstrasen samt Plastiktannen mit entsprechenden Duftsprays wird ausgerollt. Für ausreichend Parkplätze und Auspuffabsauganlagen wird gesorgt. Abschnittsweise sind über Lautsprecher Vogelgezwitscher, Meeresrauschen, Gewitterregen zu hören. In der Luxusklasse sitzt man auf original Ostseesand, der nach jeder Benutzung chemisch gereinigt wird. Jeder Teilnehmer bekommt einen Kunststoffkorb, in dem sich eingeschweißte Brötchen befinden. Für Kinder gibt es eine Fruchtgummiwiese zum Auflutschen und bezahlte frei-essende Animateure…

Gerade als ich völlig picknickdesillusioniert mit diesem Artikel enden will, klingelt das Handy. Ein Freund ruft an, er hätte einen super Vorschlag für Sonntag, man müsste einfach mal etwas anderes zu machen, mal nicht zu Hause oder im Restaurant essen, sondern mal ganz zwanglos draußen, im Freien. Das Wetter soll schön werden. Tolle Idee, sprudelte es aus mir heraus, na klar, machen wir, also bis morgen. Ich konnte nichts dafür…

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20:30 04.07.2009

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