Florian Beißwanger
Ausgabe 2014 | 29.05.2014 | 06:00 4

Unser Wald wird Überwachungszone

Kulturkommentar Laut Schätzungen sind rund 100. 000 Kameras in deutschen Wäldern stationiert. Nun regt sich erster Widerstand gegen die Objekte, die Persönlichkeitsrechte verletzen

Wer den Wolf scheut, soll nicht in den Wald gehen, schrieb einst der russische Schriftsteller Dostojewski. Das Sprichwort muss nach den Warnrufen des rheinland-pfälzischen Datenschutzbeauftragten Edgar Wagner modifiziert werden. Zwar gibt es in deutschen Wäldern wieder ein paar Wölfe, doch deren Zahl ist überschaubar. Vielmehr müssen sich Spaziergänger heutzutage vor Wildkameras im Wald fürchten. Rund 100.000 Stück vermutet Wagner im gesamten Bundesgebiet und sieht den Datenschutz massiv verletzt. Allein in seinem Bundesland soll sich die Zahl auf rund 30.000 Stück belaufen. Ziel der Kameras ist es nicht, Politiker beim Schäferstündchen mit der Geliebten zu observieren, wie einst in Österreich geschehen, sondern Rehe und Wildschweine zu beobachten. Der moderne Jäger will nicht mehrere Stunden auf die Pirsch gehen, er setzt auf die Auswertung digitalen Bildmaterials. Die Streckenverläufe sowie die Anzahl der vorbeigehenden Tiere werden auf der SD-Karte erfasst oder bei teureren Geräten dem Jäger direkt aufs Smartphone gesendet. Die intensive Beschäftigung mit der Natur scheint vorbei, die Jagd gleicht vielmehr einem Computerspiel. Mittels der Daten, die die Wildkameras speichern, kennt der Schütze die üblichen Passierzeiten des Wildes und weiß, wann des Tieres letzte Stunde schlägt.

Völlig berechtigt will nun Wagners Behörde gegen die hauptsächlich an Bäumen befestigten Objekte vorgehen. Bereits 100 Bürgerbeschwerden verzeichnet Rheinland-Pfalz gegen die Kameras, die eben nicht nur Tiere aufzeichnen, sondern auch Wanderer, Pilzsucher oder Jogger. Deren Persönlichkeitsrechte sind umso mehr gefährdet, weil der menschliche Waldbesucher nicht weiß, wo sich jene Kameras befinden. Die mittlerweile beim Discounter zu erwerbenden grünen Kästen sind gut getarnt. Gegen das Verbot der Kameras wollen sich wiederum die Jäger wehren. Wer sich in Rheinland-Pfalz weigert, die Kameras zu entfernen, dem droht ein Bußgeld von 5.000 Euro. Generell muss jedoch unterschieden werden, ob es sich um einen privaten Wald handelt oder nicht. In Deutschland ist ein Drittel der gesamten Landesfläche voll Wälder, davon sind ein Fünftel in privater Hand.

Man kann den Unmut der Menschen verstehen. Zwar ist von den Jägern keine Art NSA des Waldes zu erwarten, aber Waldschutz ist für viele Deutsche fast noch wichtiger als Datenschutz: Der Wald ist für sie ein sehr intimer Ort, steht für Regeneration und bildet einen Gegenentwurf zur urbanen Gesellschaft. Das befürchtete Waldsterben in den 80er Jahren stand fast gleichrangig neben der Angst vor der nuklearen Katastrophe.

Schon die deutsche Romantik hatte den Wald großgeschrieben. Zahlreiche Mythen und Geschichten ranken sich um ihn, die Nibelungensage ist nur eine davon. Zudem spielen die Märchen der Gebrüder Grimm überwiegend im dichten Wald. Die aufrecht stehenden Bäume und deren große Zahl erreichen der Meinung Elias Canettis nach „das Herz der Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude“.

Es verwundert daher nicht, dass Soziologen den Bundesbürger nach dessen Waldvorlieben kategorisieren. Vom „ganzheitlichen Waldfreund“ über den „ökologischen Waldromantiker“ bis zum „egozentrischen Waldnutzer“ ist in der Unterteilung alles vertreten. Bleibt also zu hoffen, dass die anderen Bundesländer dem Beispiel aus Rheinland-Pfalz folgen.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 20/14.

Kommentare (4)