Vorteil durch Dummheit

Bildungsforschung Wissen ist Macht, sagt Francis Bacon - doch nun haben Gerd Gigerenzer und sein Team die handfesten Vorzüge der Unwissenheit erforscht

Wenn Sie Ihr Geld in Aktien anlegen wollten, auf welche Kenntnisse würden Sie dabei eher vertrauen: auf die eines Fondsmanagers bei einer Bank, der viele Firmen, ihre Bilanzen und Allianzen kennt, oder auf die eines Laien von der Straße, der kaum in die Feinheiten der Finanzwelt eingeweiht ist?

Wenn Sie verständlicherweise dem Bankangestellten die bessere Beratung zutrauen, könnte Ihnen unter Umständen viel Geld durch die Lappen gehen. Im experimentellen Vergleich haben Depots, die aufgrund von Laienwissen zusammengestellt worden sind, nämlich deutlich besser abgeschnitten als Expertenportfolios. Ein Zufallstreffer? Anfängerglück?

Weniger ist mehr, heißt es oft. Aber niemand nimmt an, dass das auch für Wissen gelten könnte. Kaum jemand würde behaupten, es sei besser, weniger zu wissen, um bei Günther Jauch Millionär zu werden. Es scheint doch so einleuchtend: Je mehr einer weiß, desto verständiger ist sein Blick auf die Dinge, desto treffsicherer sind seine Urteile, desto unfehlbarer seine Entscheidungen. Kann sein. Muss aber nicht.

Smart heuristics - clevere Entscheidungsregeln

"Viele glauben: Je mehr ich weiß, je mehr ich berücksichtige, desto besser wird die Entscheidung. Unsere Simulationen zeigen, das ist nicht immer der Fall", sagt Ulrich Hoffrage von der Arbeitsgruppe Adaptives Verhalten und Kognition am Max Planck Institut für Bildungsforschung. Dass die richtige Portion Unwissenheit sehr nützlich sein kann, ist ihm klar geworden, seit er eine Studie mit deutschen und amerikanischen Studenten durchgeführt hat, in der die Teilnehmer ein Urteil über die Größe von Städten abgeben sollten. Welche Stadt hat mehr Einwohner, fragte er. San Diego oder San Antonio? Es überraschte niemanden, dass fast zwei Drittel der Amerikaner die richtige Antwort wussten (San Diego). Überrascht waren Ulrich Hoffrage und seine Kollegen allerdings, als sie feststellten, dass von den deutschen Teilnehmern alle diese Frage richtig beantwortet hatten.

Kannten sich deutsche Studenten tatsächlich besser in Amerika aus als amerikanische? Natürlich nicht. Statt dessen keimte in den Forschern der Verdacht, genau dieser scheinbare Nachteil, das Weniger-Wissen, gereichte den Deutschen zum Vorteil. Die Amerikaner wussten zu viel über San Antonio. Ihr Wissen reichte zwar nicht immer, um die Frage sicher zu beantworten, aber es war genug, um sie zu verunsichern. Die Deutschen wussten wahrscheinlich gar nichts über San Antonio. San Diego aber hatten sie alle schon mal gehört. Um die Frage zu beantworten, verließen sie sich deshalb nicht auf ihr möglicherweise unsicheres Halbwissen, sondern eine ganz einfache Regel: nimm das, was du wiedererkennst.

Solche Regeln haben es Gerd Gigerenzer und seinen Mitarbeitern am Institut angetan. Sie suchen nach Heuristiken. Das sind Verfahren, die einem dabei helfen sollen, ein Problem zu lösen. In diesem Fall lautet das Problem: Wie treffen wir Entscheidungen, wenn wir nicht genau wissen, was die richtige oder beste Entscheidung ist? Die Herausforderung liegt darin, möglichst einfache Entscheidungsregeln zu formulieren, die sie als smart heuristics bezeichnen, als clevere Entscheidungsregeln. Was unterscheidet diese Regeln von anderen Vorstellungen darüber, wie wir Entscheidungen treffen?

Klassischerweise erwartet die Entscheidungstheorie, dass der Mensch sich absolut rational verhält. Rational gesehen, würde er alle Alternativen einer Entscheidung einschließlich ihrer möglichen Konsequenzen bedenken, sie mit Erwartungswerten versehen und dann diejenige wählen, die ihm den größtmöglichen Vorteil verspricht.

"Das Problem", so Gigerenzer, "ist, dass wir aus Versuchen wissen, dass die Leute sich nicht so verhalten." Die Vorstellung vom rationalen Handeln hat offensichtlich einen Schönheitsfehler. Sie stimmte nur, wenn der Mensch sämtliche Informationen hätte, sowie genügend Zeit und Ressourcen, um die Daten adäquat zu verarbeiten. Ein solcher Idealfall ist aber eine Illusion. Ein Personalchef, der eine neue Stelle besetzen will, hat niemals alle Informationen über die Bewerber, und selbst wenn er sie hätte, bräuchte er ein halbes Menschenleben oder einen Supercomputer, wenn er sie wirklich alle berücksichtigen wollte. Entscheidungen werden nicht auf diese Weise optimiert. Sie werden aufgrund begrenzter Informationen in begrenzter Zeit getroffen. Das klappt nur, wenn man einige der verfügbaren Informationen ignoriert.

Die Kunst zu wissen, was man nicht wissen muss

Rot oder gelb, Rom oder Prag, Eis oder Keks, Saft oder Sekt, verkaufen oder halten, jetzt oder nie oder vielleicht doch lieber später? Im Alltag treffen wir offensichtlich Entscheidungen nach einfachen Regeln, die schnell sind und sich mit wenigen Informationen begnügen. Fast and frugal, nennt Gigerenzer das. Solch eine einfache Regel ist zum Beispiel die Rekognitionsregel: Wenn du von zwei Objekten nur eins erkennst, dann ziehe den Schluss, dass das wiedererkannte Objekt den höheren Wert hat.

Was sich anhört wie eine Spielerei, kann zu erstaunlich handfesten Ergebnissen führen, nicht nur bei der eher theoretischen Frage nach der größeren von zwei Städten, sondern auch ganz praxisnah wie bei den eingangs erwähnten Investitionen am Aktienmarkt. In einer Umfrage unter Laien ermittelten die Forscher, welche von 800 börsennotierten Firmen namentlich bekannt waren. Aus den bekanntesten zehn stellten sie ein Depot zusammen und verglichen die Entwicklung mit den am wenigsten bekannten Firmen, dem Dax, dem Dow Jones und mit von Profis zusammengestellten Fonds. Im Ergebnis konnten die durch die einfache Rekognitionsregel ermittelten Firmen sehr gut mit den Indices und den Fonds konkurrieren - ganz ohne ausgeklügeltes Expertenwissen und ohne Entscheidungsstrategie. Diese Studie wurde 1997 in Zeiten eines wachsenden Marktes durchgeführt. Eine aktuelle Gegenprobe hat aber gezeigt, dass das Prinzip auch während einer Baisse funktioniert. Intelligentes Verhalten, so die Schlussfolgerung, hängt nicht von der Menge unseres Wissens ab. Die Kunst ist, wie Gigerenzer es formuliert, zu wissen, was man nicht wissen muss.

Am Zentrum für Adaptives Verhalten und Kognition kennt man noch andere Regeln unter klingenden englischen Namen wie Take the Best, QuickEst oder Categorisation by Elimination. Ihnen allen ist gemein, dass sie mit relativ wenig Informationen auskommen, um trotzdem relativ zuverlässige Entscheidungen zu ermöglichen. "Diese Heuristiken sind Annahmen darüber, wie Leute Informationen verarbeiten", erklärt Ulrich Hoffrage. "Und unter bestimmten Bedingungen haben diese einfachen Heuristiken eine höhere Erklärungskraft als komplizierte mathematische Verfahren, wenn es darum geht, zu schauen, was die Leute in manchen Situationen machen."

In etlichen Untersuchungen funktionieren diese einfachen Regeln so gut, dass sie es mit aufwändigen statistischen Modellen zur Vorhersage aufnehmen können. Da liegt die Frage nahe, ob sie diese komplizierten Methoden irgendwann überflüssig machen und ersetzen werden? "Nein. Schon insofern nicht, weil man die komplexen Verfahren braucht, um zu wissen, wie gut die einfachen Heuristiken sind", sagt Ulrich Hoffrage und lächelt.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Wirklich sichere Entscheidungen lassen sich mit Hilfe keiner Regel fällen, da wir in einer unsicheren Welt leben, die von keiner noch so komplizierten oder genial einfachen Regel in einen vorherbestimmbaren Kosmos verwandelt werden kann. Es bleibt immer eine Wahrscheinlichkeit des Irrtums. Und wer trotz aller Hilfestellungen und Informationen nicht weiß, was die richtige Entscheidung ist, für den hat Ulrich Hoffrage noch eine letzte Regel parat: "Ich weiß nicht, ob man das als Heuristik bezeichnen würde: Wenn du nix mehr weißt, rate!"

00:00 06.06.2003

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