Vorwärts in die Vergangenheit?

Identität Der Palast der Republik sollte nicht mutwillig abgerissen werden

Der Palast der Republik soll abgerissen werden, damit das alte Berliner Schloss wieder neu aufgebaut werden kann, wenn auch nur als Fassaden-Bild eines Gebäudes für zeitgenössische Funktionen, das Humboldt-Forum genannt werden soll. Aber dafür gibt es weder eine bestätigte Nutzungskonzeption noch gesicherte finanzielle Voraussetzungen. Es gibt noch nicht einmal einen Bauherren, der weiß, was er will und was er auch kann.

Was es gibt, das sind gegenwärtig und auf längere Zeit nicht erfüllbare Schlosswünsche. Selbst wenn eine machbare Konzeption für die Nutzung und Finanzierung eines solchen Schloss-Humboldt-Forums schon heute vorläge, könnte mit seinem Aufbau - wie das Bundesbauministerium verlauten ließ - überhaupt erst 2010 begonnen werden, weil zuvor durch Investoren- und Architektenwettbewerbe und dann durch ein en detail ausgearbeitetes und politisch auch abgesegnetes Bauprojekt geklärt werden muss, was tatsächlich gebaut wird. Wenn nach diesem Zeitplan für den dann notwendig werdenden Abriss des DDR-Palastes eineinhalb Jahre eingeplant würden, könnte das nach radikaler Asbestsanierung skelettierte Gebäude noch bis zum Spätsommer 2008 weiterhin bespielt werden, wie das in den zurückliegenden drei Jahren mit großem Anklang bei den Berlinern und Berlinbesuchern bereits geschah und Vorstellungen zu wecken vermochte für eine andere als bisher gedachte Zukunft an diesem historischen Ort mitten in Berlin.

Aber eben das soll nicht sein, weil es die schon sicher geglaubten Wünsche der Schlossfreunde in Frage stellt. Die Politik hält sich offenbar lieber an die Losung: vorwärts zum sofortigen Abriss der im Palast baulich noch immer sichtbaren DDR-Vergangenheit als Garantie für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses aus der Vorvergangenheit Deutschlands - wann immer das auch sein mag.

So einleuchtend es ist, dass der Palast der Republik als Symbolbau der DDR-Vergangenheit im geteilten Deutschland nicht zum Symbol der Zukunft im neu vereinten Deutschland werden kann, so einleuchtend sollte es wohl sein, dass dazu auch das Berliner Schloss als Symbolbau imperialer preußisch-deutscher Vorvergangenheit nicht taugt. Die künftige Identität der Deutschen am Ort Mitte Spreeinsel in Berlin ist nicht an Bauwerken wie Schloss und Palast festzumachen, sondern allein aus dem Identität stiftenden Prozess der gesellschaftlichen Vereinigung der Deutschen selbst: beim Umgang mit ihrer Vergangenheit auf dem Weg in die Zukunft. Allein von dort her entsteht und rechtfertigt sich ihr adäquater baulicher Ausdruck. Eine solche Einsicht lag der bisherigen Planung für diesen Ort nicht zu Grunde. Es gab einfach nie einen Auftrag dazu. Stattdessen flüchtete man sich in die Vergangenheit.

Initiator der großen Verführung zurück zum Schloss war Wilhelm von Boddien. Seine Verführung gelang durch die vorwiegend ästhetische Popularisierung des Erinnerungsbildes Schloss - frei von gesellschaftskritischer Wertung, konzentriert auf die Würdigung der künstlerischen Leistung des Schlossbaumeisters Andreas Schlüter und auf die Wiederherstellung der durch Kriegszerstörung und Nachkriegsaufbau verloren gegangenen "Schönheit" der Stadt. Zu diesem Zweck bediente sich Wilhelm von Boddien zweier großer, aber allzu gern geglaubter Lügen. Die eine beruht auf einem Ausspruch von Wolf Jobst Siedler, der angesichts der 1993 errichteten Schlosskulisse gesagt hatte: "Das Schloss lag nicht in Berlin. Berlin war das Schloss". Also braucht Berlin wieder das Schloss, weil Berlin sonst Berlin nicht sein kann! Die andere Lüge besteht in der Behauptung, das Schloss sei immer die Mitte von Berlin gewesen. Also muss das Schloss wieder aufgebaut werden, damit Berlin wieder seine Mitte erhält. Das jedoch ist historisch falsch. Das Schloss wurde einst am Rande der Bürgerstadt Berlin-Cölln gegründet: als gegen sie gerichtete Zwingburg. Erst mit dem Wachstum der Stadt geriet es geografisch in seine Mitte, aber als sozial-räumliche Barriere zwischen bürgerlicher Altstadt und absolutistischer Stadt, als monopolarer, nicht auch zentraler point de vue im Raum der Stadt, schon gar nicht als Mitte im Leben der Stadt. Beide Lügen - medienwirksam in der breiten Öffentlichkeit und schließlich auch mehrheitsfähig im Bundestag - vernebelten vernünftiges Denken. Soll das so weitergehen?

Der neu gewählte Bundestag sollte die Herausforderung zur Vernunft annehmen, wenn er an diesem Freitag über die Anträge zweier Parteien zu beraten hat. Die Grünen wie Die Linke.PDS fordern für den Palast der Republik übereinstimmend ein Abriss-Moratorium. Das Gebäude soll so lange erhalten und kulturell-kommunikativ genutzt werden, bis ein baureifes, finanziell abgesichertes und politisch akzeptiertes Projekt für eine Neuaneignung des Ortes Mitte Spreeinsel vorliegt. Nicht vertreten im Bundestag sind Architekten, Künstler und Wissenschaftler zum überwiegenden Teil einer jungen Generation, die sich zu einem Palastbündnis zusammengeschlossen haben und schon seit vielen Wochen öffentlich mit dem Anspruch auftreten, zukunftsorientierte Alternativen zu den herrschenden retrospektiven Lösungen am Ort Mitte Spreeinsel ins Auge zu fassen und kreativ-praktisch zu erkunden - so lange kein besserer Bau eine reale Chance hat, dann eben im Rohbau des Palastes der Republik. Als Angehörige einer Generation der Einheit, als die sie sich selbst erleben, wie einer ihrer Sprecher, Marc Wilkins, sagte, richten sie ihre ganze Phantasie auf die gesellschaftliche Zukunft eines vereinten Deutschlands in den fortschreitenden Prozessen der Europäisierung und Globalisierung. Sollte das nicht eine Ermutigung gerade auch zum vernünftigen Umgang mit Schloss und Palast sein?

Bruno Flierl, geboren 1927, arbeitet als Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 20.01.2006

Ausgabe 40/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare