Vox Taxi – Vox Dei

Israel Das Wort "Frieden" ist in Israel altmodisch geworden. Den Arabern kann man nicht trauen, die Überzeugung teilt derzeit die Mehrheit. Netanjahu hat keinen Verhandlungsdruck

Vor Wochen kehrte ich nach einem Meeting mit einem Taxi nach Hause zurück und kam wie üblich mit dem Fahrer ins Gespräch. Im allgemeinen verlaufen diese Unterhaltungen freundlich und mit viel Gelächter. Man drückt seine Ansichten aus, ohne die Worte mit Bedacht zu wählen. Im Hintergrund hört man Radionachrichten oder Talkshows, die vom Taxifahrer ausgewählt werden. Und natürlich hört man vom Sohn, der Soldat ist, und der Tochter, die studiert. Dieses Mal ging es weniger glatt. Vielleicht war ich provokativer als gewöhnlich, immer noch deprimiert vom der gerade erlebten Kundgebung, die ohne Emotionen und ohne Hoffnung war. Der Fahrer regte sich immer mehr auf. Ich hatte das Gefühl, dies würde mit einem Streit enden, wäre ich kein zahlender Kunde.

„Es wird nie Frieden zwischen uns und den Arabern geben, weil die Araber ihn nicht wollen“, schimpfte der Chauffeur. „Die Araber wollen uns abschlachten. Sie haben das immer gewollt und werden es immer wollen. Jedes arabische Kind lernt von früh an, dass man die Juden umbringen muss. Der Koran predigt Mord. Wir dürfen deshalb den Arabern nicht einen Quadratmeter Land geben. Was bekamen wir, nachdem wir Gaza zurückgegeben hatten? Die Qassam-Raketen. Den Arabern kann man nur auf den Kopf hauen. Nach dem Talmud: Töte den zuerst, der kommt, um dich zu töten.

Was liegt alles hinter uns?

Dieser Fahrer drückte in ungeschminkter Weise die Überzeugung aus, die heute die große Mehrheit der jüdischen Israelis teilt. Sie ist Allgemeingut aller Schichten und das wirkliche Hindernis, dem sich das israelische Friedenslager gegenüber sieht. Es gab einmal eine Zeit, in der diskutiert wurde, ob es überhaupt ein palästinensisches Volk gibt. Das liegt weit hinter uns. Danach redeten wir über „Groß-Israel“ und den Grundsatz, „befreite Gebiete werden nicht zurückgegeben“. Danach ging es darum, ob wir mit der PLO verhandeln sollen, die doch als „terroristisch“ definiert wurde und einen Erz-Terroristen wie Arafat an ihrer Spitze hatte. Auch das haben wir hinter uns – alle Führer der Nation standen später Schlange, ihm die Hand zu schütteln. Dann gab es Streit über den Preis für einen Staat der Palästinenser – zurück zur Grünen Linie? Landtausch? Was wird mit Jerusalem? Siedlungen evakuieren? Das liegt ebenfalls hinter uns. All diese Debatten waren mehr oder weniger rational und natürlich mit tiefen Emotionen verbunden, aber auch mit Logik.

Aber wie muss man mit Leuten reden, die davon überzeugt sind, dass die Diskussion als solche irrelevant ist, weil sie den Bezug zur Realität verloren hat? Wer ist schuld an dieser Auffassung? Wenn es da eine Person gibt, die schuldiger ist als jede andere – dann Ehud Barak. Wenn es einen Internationalen Gerichtshof für „Friedensverbrechen“ gäbe, sollten wir ihn dorthin geschickt haben. Als Barak 1999 die Wahl gegen Benjamin Netanjahu erdrutschmäßig gewann, hatte er keine Ahnung vom palästinensischen Problem. Er sprach so, als hätte er nie ein ernsthaftes Gespräch mit einem Palästinenser geführt. Aber er versprach, innerhalb von Monaten Frieden zu schließen. Mehr als 100.000 jubelnde Leute feierten ihn am Abend des Wahlsiegs auf dem Platz, auf dem Rabin 1995 ermordet wurde.

Die Vernichtung der Linken

Barak war sich sicher, er müsse Arafat nur zu einem Treffen zitieren und ihm einen palästinensischen Staat anbieten. Der PLO-Chef würde ihm mit Tränen in den Augen danken und alles andere aufgeben. Als es im Sommer 2000 mit der Camp-David-Konferenz genau so kam, war er geschockt zu sehen, dass die Palästinenser – böse, wie sie sind – eigene Forderungen hatten. Der Gipfel wurde zum Fehlschlag.

Als Barak nach Hause kam, erklärte er nicht: „Tut mir leid, ich hatte keine Ahnung. Ich werde versuchen, es besser zu machen.“ Stattdessen produzierte er ein Mantra, das jeder Israeli seitdem tausendmal gehört hat: Ich habe jeden Stein auf dem Weg zum Frieden umgedreht./ Ich habe den Palästinensern großzügigste Angebote gemacht./ Sie haben alles zurück gewiesen./ Sie wollen uns ins Meer werfen./ Wir haben keinen Partner für den Frieden!

Hätte das Netanjahu gesagt, wäre keiner beeindruckt gewesen. Aber Barak hatte sich selbst zum Führer der Linken ernannt. Das Ergebnis war katastrophal: die Linke brach zusammen, das Friedenslager verschwand beinahe. Barak selbst verlor die nächste Parlamentswahl. Viele fragten sich: Warum ihn wählen, wenn er keinen Frieden zustande bringt? Schließlich war Ariel Sharon – sein Gegner bei diesem Votum – viel besser für einen Krieg geeignet. Seither gilt als Formel, uns fehlte der Partner für einen Frieden. Wenn das so ist, müssen wir uns auch nicht den Kopf über ihn zerbrechen, geschweige denn etwas für ihn tun.

Man muss keine Worte über diese Albernheit verschwenden. Tatsächlich ist allein schon das Wort „Frieden“ altmodisch geworden. Man spricht über „das Ende der Besatzung“ oder das „Abkommen über einen Endstatus“.

Ein riesiger Felsen

Es ist unangenehm, über die Palästinenser nachzudenken und darüber, was mit ihnen hinter der Mauer in den „Gebieten“ geschieht. Deshalb sagen derzeit viele Israelis: Lasst uns unsere Aufmerksamkeit auf die wirklich wichtigen Dinge lenken, Ehud Olmerts Geschäftsaffären, den kritischen Zustand unserer Feuerwehr, das Absinken des Sees Genezareth, das soziale Gefälle. Und da wir gerade dabei sind: Wenn es keine Chance für Frieden gibt, warum nicht Siedlungen bauen? Warum nicht Ost-Jerusalem judaisieren? Warum nicht die Palästinenser einfach vergessen? Warum belästigt uns Obama? Warum langweilt uns die UNO? Wenn uns die Araber massakrieren wollen, dann müssen wir uns selbst verteidigen und jeder, der von uns wünscht, dass wir mit ihnen Frieden finden, ist nichts als ein Antisemit oder ein Jude voller Selbsthass.

Das hebräische Stichwort, „die Stimme der Massen ist wie die Stimme Gottes“ kommt aus dem Lateinischen „Vox populi, vox Dei“ (Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes) Es wurde erstmals von einem angelsächsischen Geistlichen vor fast 1.200 Jahren in einem Brief an Kaiser Karl den Großen verwendet – und zwar in negativem Sinne: Man solle nicht auf jene hören, die Derartiges sagen, da die Gefühle der Massen immer an Wahnsinn grenzen.

Ich bin nicht bereit, solch ein anti-demokratisches Denken gutzuheißen. Doch wenn wir etwas in Richtung Frieden verändern wollen, müssen wir zweifellos diesen riesigen Felsen aus dem Weg räumen. Wir müssen der Öffentlichkeit eine andere Überzeugung einflößen – die Überzeugung, dass Frieden möglich ist. Der einstige ägyptische Präsident Anwar Sadat hat uns gelehrt: Es bedarf dramatischer Aktionen, Grundlagen unserer geistigen Welt erschüttern.

Uri Avnery ist der alte Mann der israelischen Friedenbewegung. Der Schriftsteller und Journalist war für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset

Übersetzung: Ellen Rohlfs

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12:00 02.01.2011

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