Waffenvernarrt

USA Mit mehr Kontrolle kann der Präsident nur ein Zeichen setzen. Ändern wird er wenig
Konrad Ege | Ausgabe 02/2016
Waffenvernarrt
Man hat die Waffen schön

Foto: Bill Pugliano/Getty Images

Bei dieser Debatte reden beide Seiten stur aneinander vorbei. Fakten, die nicht ins jeweilige Weltbild passen, werden beiseitegeräumt. Umstritten ist bereits, was denn das eigentliche Problem ist: dass in den USA so viele Menschen Waffen besitzen oder dass so viele Verbrechen verübt werden mit Schusswaffen? Die Waffenliebe ist tief verankert. Waffenbesitzer engagieren sich in der Politik wesentlich intensiver als Kontrollbefürworter. Barack Obama bekommt das zu spüren.

Viel Feind, viel Ehr, könnte gelten angesichts der Welle konservativer Entrüstung, die einschlägt auf den Präsidenten seit seiner emotionalen Rede zur Waffenkontrolle. Er will mehr Background-Checks beim Waffenkauf, mehr Registratur von Verkäufen. Die Regierung wolle Schusswaffen verbieten, alarmieren Lobbyisten. In den Waffenläden, online und wer weiß, wo sonst noch, boomt das Geschäft. Beim Stichwort „guns“ geht es in den USA um viel mehr als geschätzt 300 Millionen Revolver, Pistolen und Gewehre in Privathänden und die mehr als 10.000 Opfer von Waffengewalt pro Jahr.

Die Welt ist aufgeteilt in Gut und Böse. Hier die Schusswaffenlobby, die buchstäblich über Leichen gehe. Dort die liberale Elite, die den rechtschaffenen Bürger hindern wolle am Kauf von Schusswaffen, die er brauche, um sich zu schützen, auf die Jagd zu gehen und zum Spaß auf Pappziele zu schießen. Für das konservative Amerika sind Waffen ein mächtiges Symbol: Waffen haben den Kontinent erobert gegen die Ureinwohner, Waffen haben die britischen Herrscher verjagt. In Oregon besetzt gerade ein Dutzend Bewaffnete ein Verwaltungsgebäude in einem Nationalpark aus Protest gegen angeblichen Machtmissbrauch der Regierung.

Es sind weiße Bewaffnete, was nicht zu unterschätzen ist bei dieser Diskussion. Weiße besitzen viel eher Waffen als Schwarze und Latinos. Laut Pew-Forschungsinstitut waren Republikaner in den 90er Jahren gespalten, als die Güter Recht auf Waffenbesitz und Waffenkontrolle gegeneinander abgewogen wurden. Seit jedoch Obama Präsident ist, legen drei Viertel der Anhänger der überwiegend weißen Partei viel mehr Gewicht auf Waffenbesitz. Wer sich an die 60er Jahre erinnert, stößt auf Folgendes: Geschockt von den Black Panthers mit ihren Knarren beschloss Kalifornien, unterstützt durch Gouverneur Ronald Reagan, das Tragen geladener Waffen zu verbieten.

Obama betont zu Recht, seine Reform werde gesetzestreue Bürger nicht am Waffenkauf hindern. Freilich dürfte er konservative Widersacher nie davon überzeugen, dass er in Wirklichkeit nicht doch alle Schusswaffen einschmelzen will. Wie sehr Obamas Reform Waffengewalt eindämmen und wirklich Leben retten kann, ist eine ganz andere Frage. Etwa die Hälfte der Menschen, die in den USA mit Schusswaffen getötet werden, sind afroamerikanische Männer, oft jung, oft aus miserablen Wohngegenden.

Kriminelle Täter kaufen privat und nicht beim Schusswaffenhändler mit Background-Überprüfung. Außerdem werden pro Jahr etwa eine halbe Million Schusswaffen gestohlen. In mehreren Städten laufen Modelle kirchlicher und gesellschaftlicher Organisationen, Gewalt abzumildern, durch Selbsthilfe, Arbeit mit Gangs, Kooperation mit der Polizei. Machmal hat diese „Operation Ceasefire“ Erfolg, manchmal nicht. Es fehlt auch an Geld. Obamas Initiative würde das nicht ändern. In der Politik hat man wenig Mitgefühl mit jungen schwarzen und männlichen Opfern.

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