Wahlen in Waterloo

Als es Nacht wurde in der Prignitz Schach und Matt und Remis

Ein Tag wie Samt und Seide, sagt Wolfgang Behn. Er war schon wählen, ist neugierig auf die erste Prognose am Abend und ziemlich sicher: Das wird ein ganz knappes Ding.

Die Straße nach Waterloo ist holprig. Auf den Feldern liegt leichter Rauhreif, der von der Morgensonne aufgeleckt wird. Dann kommen die Häuser links und rechts. Vorgärten mit strahlenden Herbstblumen und müden Rosen. Irgendwo klappt eine Tür. Ein Hund bellt. Waterloo. Etwa 25 Grundstücke, 80 Einwohner, 64 Wahlberechtigte. Gutshof, Stallungen, eine große Scheune. Früher LPG mit Viehwirtschaft, Technikstützpunkt, Lehrlingsausbildung. Hier war immer Arbeitskrach, jetzt ist es in Waterloo still geworden. Nur noch eine Handvoll Leute hat überhaupt Arbeit, einige davon in der Agrargenossenschaft Karstädt. Zum 1. November gibt es immer Entlassungen. Im März, wenn die Frühjahrsbestellung beginnt, wird wieder eingestellt.

Die Landschaft der Prignitz ist flach und hat Weite, unterbrochen durch kleine Waldstücke. Wenn die Straße zu Ende ist, hört auch der Ort auf. Felder beginnen. Der Horizont verändert sich kaum.

Traditionell wird hier CDU gewählt. Das war schon immer so, sagt Wolfgang Behn. Er ist Ortsvorsteher von Blüthen, Klockow, Strehlen und Waterloo, im Verwaltungsdeutsch OT Blüthen. Einer von 13 Ortsteilen, die zur Gemeinde Karstädt gehören. Wolfgang Behn macht das ehrenamtlich, sonst arbeitet er in der Agrargenossenschaft, an die er seinen 25-Hektar-Betrieb verpachtet hat. "Das ist wie LPG, nur mit anderem Namen. Im Prinzip das Gleiche." Ein Stück Gemeinsamkeit für Arbeit und Gewinn. Wie mit dem Gutshof in Waterloo. Den hat die Genossenschaft erworben. Im August fand ein großes Hoffest statt, mit Bauernmarkt, Kunstausstellung und Theaterstück. Das ist das Gute, aber "in Waterloo gibt es keine Arbeit mehr." Das ist das Schlimme: 20 Prozent Arbeitslosigkeit im Ortsteil Blüthen, wenn nicht noch mehr. Wo man hinhört, überall Entlassungen: In der Molkerei, in der Stärkefabrik, der Dachkeramik. "In den Dörfern gibt es Schicksale... Die Leute wissen nicht weiter. Es muss sozialer werden, sonst passiert ein politisches Waterloo in Deutschland. Wenn Frau Merkel das ändern will und kann - sehr gut. Aber ich glaube nicht daran."

Überhaupt glaubt Behn so gut wie nichts mehr. Zuviel sei den Bach herunter gegangen. "Das Denken ganz oben, da hat man keine Worte mehr. Die müssen erst mal sozial denken lernen. Kinderarmut in so einem reichen Land, das ist traurig, das kann ich Ihnen sagen."

Der Rest fällt durch den Rost

Waterloo wählt in Blüthen. Das Wahllokal ist im Dorfmuseum. Drei Wahlhelferinnen, zwei Wahlkabinen, eine Wahlurne, die wie ein Katzenkäfig aussieht. An den Wänden hängt Geschichte. Auch die von Waterloo. Von damals, als die große Schlacht geschlagen war. Über den Verlusten liegt der Mantel der Geschichte. Waterloo 1815 - Ort des Kampfes und der Niederlage Napoleons. Waterloo, der Inbegriff des Verlorenhabens. Fünf Jahre später, 1820, erhält ein Herr von Voß die Erlaubnis, sein Vorwerk bei Karstädt nach dem belgischen Original zu nennen. Durch alle Zeiten bleibt die Kopie in der Prignitz ein ruhiges Fleckchen. Für die Geschichte belanglos. Für die Menschen hier ist es ihr Leben.

Konfirmationsfotos aus der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen, eine alte Schulbank, ein Lesebuch, Verlag Volk und Welt 1948, mit Goethe, Dickens, Mark Twain und Tolstoi, Urkunden vom Reitturnier 1968 und Farbfotos von Festen zum Tag der Deutschen Einheit.

20 Minuten nach acht Uhr morgens haben fünf Bürger ihr Kreuz gemacht. Insgesamt werden 303 Wahlberechtigte erwartet. Wahlhelferin Silke Müller tippt auf 40 Prozent Beteiligung. Gegen halb zehn steht eine Warteschlange. "Biste fertig?" drängelt einer, und ein anderer fragt seinen Kabinennachbar "Schröder oder Merkel?" - "Das ist doch geheim", antwortet der. "Aber nicht mehr lange". Es wird gelacht. Gerhard Goltz und Frau Barbara aus Waterloo müssen etwas warten. Er ist ungeduldig. "Es muss sich was ändern. Dafür bin ich hier." Ruck-Zuck und raus aus der Kabine. Er weiß genau, was er will: Soziale Gerechtigkeit. Klingt nach Parole, ist eine Sehnsucht, und wenn sie zu lange fehlt, wird sie zum Kampfziel. Der 59-jährige Maurer bezieht Berufsunfähigkeitsrente, seine Frau ist gehbehindert und "kriegt keinen Cent". Er hilft in einem Behindertenverein, hört und sieht Dinge, die ihn wütend machen. "Überall wird gekürzt und gestrichen und so einer wie der Hartz IV-Erfinder sahnt 15.000 Euro im Monat ab - das ist mehr, als ein ALG-II-Empfänger im Jahr hat. Das ganze System funktioniert nicht." Goltz stutzt und korrigiert sich: Doch, es funktioniere hervorragend - für die Reichen. Der Rest falle durch den Rost. "Wenn ich diese Politiker nur reden höre, dann sehe ich rot. Nee, hörn ´se uff. Für mich ist der Gysi der Richtige. Die Linken sollen den Schwarzen, Gelben, Rosaroten, ja, och den Grünen, mal Feuer unterm Arsch machen. Damit es für die kleinen Leute besser wird."

So hat jeder für seine Hoffnungen einen Favoriten. Das ist Demokratie. Wie beim Pferderennen. Jeder kann tippen - und verlieren. Das ist das Risiko.

Das Damenopfer und der Wert des Königs

"Frau Merkel ist meine Hoffnung", meint Udo Staeck, gewissermaßen regierender Bürgermeister der Gemeinde Karstädt. Im Gemeinderat sitzen 14 CDU-Leute, drei für die SPD, einer von der Linkspartei. Bei den Kommunalwahlen 2003 in Brandenburg lag die CDU vorn, bei der Landtagswahl 2004 an dritter Stelle nach SPD und PDS. "Es gibt viel Protestwähler, und Hartz IV macht es nicht leichter. Da ist ´ne Stimmung..." Udo Staeck weiß Bescheid: 804 Arbeitslose hat er in seiner Gemeinde. Viele Leute pendeln in Richtung Hamburg. Besonders Jugendliche machen sich davon, für eine Ausbildung oder eine Arbeitsstelle danach. Trotz Gewerbeansiedlung und einigen Investoren - es sieht nicht richtig gut aus. Es könne nur besser werden - mit der CDU. Mit ihr und Angela Merkel "kommt der Aufschwung in die Köpfe und dann praktisch." Udo Staeck hofft, dass die Bürger das verstanden haben.

Einige wohl nicht. Reinhard Kitzmann, arbeitslos und aus Waterloo, fehlt dieser Glaube. Er setzt sein Votum pragmatisch ein. "Was wir haben, wissen wir. Was kommen könnte, hat sie nicht erzählt. Nur, dass sie Kanzlerin werden will." "Ja", sagt Udo Staeck, "wenn sie ganz clever wäre, würde sie sagen: Ich arbeite für Osttarif. Das müsste sie machen, für die normalen Bürger ein Zeichen setzen." Und "wenn sie die Lobbyisten, die immer nur was haben wollen, zurück drängt, und den Parteifilz auch, und wenn Stoiber zu ihr hält, dann braucht Deutschland keine Angst mehr zu haben." - Aber vielleicht Angela Merkel. Man weiß ja nie. Waterloo lauert überall. Ab 18.00 Uhr kann es jeden erwischen. In der historischen Schlacht sagte Wellington: Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen ...

Das Wahllokal in Blüthen schließt. Sortieren, zählen, addieren. Von 303 Bürgern haben 211 gewählt, und das Ergebnis liegt fast im Bundestrend.

In der Gaststätte Fuchsbau wird das Radio lauter gemacht. Prognose. Sei doch mal ruhig. Spannung. Jeder denkt erst nach innen, dann laut. Das hätte keiner gedacht. Einer doch. Guck mal an.

Die Rudolfs in Waterloo sind aus der Gartenlaube in die Stube vor den Fernseher gezogen. Das lässt sich Hannes Rudolf nicht entgehen. Natürlich hat auch er seine Erwartungen. Er lächelt. Er kennt Schach und Matt und Remis, Gambit, das Bauernopfer, das Damenopfer und den Wert des Königs.

Jordans von schräg gegenüber wollen wenigstens mal gucken, was sich so entwickelt. Um Gotteswillen, nur keine Große Koalition. Der eine hüh, der andere hott - und wen zerreißt es dabei? Na also. Irgendwann am Abend sagt Angela Merkel: Ich will regieren. Und Gerhard Schröder antwortet: Ich auch. Die drei Gäste am Stammtisch in Karstädt lachen, und einer wettet, dass "die dafür alles machen".


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