Wahllokal

A–Z Ein Unort, der früher mit Alkohol-Ausschank aufgepeppt wurde. Die Geborgenheit von Trennwänden inmitten des spröden Charmes öffentlicher Gebäude. Unser Wahllexikon
Wahllokal

Foto: Ulrich Baumgarten/Getty Images

A

Auto Die Vorstellung ist verlockend: Wie beim Burger-Brater am Schalter vorbeibrausen und seine Stimme abgeben. Tatsächlich ist das drive-thru voting in einigen US-Bundesstaaten möglich. Das soll die Hürden, wählen zu gehen, senken. Der tatsächliche Einfluss auf die Wahlbeteiligung ist unbekannt. Wählen en passant, Politik im Vorbeigehen, eine charmante Idee. Statt Schlange zu stehen in ungemütlichen öffentlichen Einrichtungen (➝ Lokal), geschieht die Stimmabgabe flott – und ich muss die eigenen mobilen vier Wände nicht verlassen. Vielleicht ist das ja auch auf dem Fahrrad möglich.

Das birgt allerdings Tücken, wirkt dieser kleinste Beitrag zur Demokratie doch sehr wie ein Kunden-Service-Verhältnis. Man ernennt Küchenkräfte, die das Menü der nächsten vier Jahre zusammenrühren. Demokratie aber ist anstrengend, muss immer wieder erstritten werden. Darum ist es vielleicht doch nicht verkehrt, in Schulhäusern wählen zu müssen. Die wecken böse Erinnerungen an die unfreieste Zeit des Lebens und führen damit vor Augen, dass Demokratie mit einer Wahl erst beginnt. Tobias Prüwer

B

Briefwahl Gewählt wird in Deutschland am Sonntag. An dem Tag also, den Menschen für gewöhnlich im Bett, vor dem Fernseher, im Zoo, am See oder bei aufgezwungenem Kaffeetrinken bei den Schwiegereltern verbringen. Der Gang zum Wahllokal bricht das Sonntagsritual.

Es gibt drei Möglichkeiten, damit umzugehen. Erstens: gehetzt mit Warnblinklicht (Auto) vor der sonntäglich leeren Schule, die zum Lokal umfunktioniert wurde, halten, rausspringen, Kreuze machen und weiter zum See, Kaffee, Zoo. Zweitens: zelebrieren. Den Wahlgang mit einem Sektfrühstück verbinden. Sich mit Freunden, Familie und Nachbarn verabreden, um die Volkssouveränität zu feiern. Dabei aus dem Grundgesetz vorlesen. Oder drittens: es sich im privaten Wahllokal gemütlich machen. Die Briefwahl ermöglicht das Wählen im Schlafanzug, 24/7. Beim Rotwein nach dem Abendessen, ja, sogar Kreuzchenmachen in Anwesenheit des Lebenspartners ist möglich. Das ist das Porto wert. Danke, lieber Erfinder der Briefwahl. Sarah Alberti

D

DDR Wahlkabinen sind vielleicht die letzte große Forschungslücke in der DDR-Geschichte. Wie waren sie konstruiert? Gab es Bein- und Bewegungsfreiheit? Lagen Stifte bereit? – Ulbricht, Honecker etc. zogen ihre Autorität (Sheriff) nicht aus freien Wahlen, sondern aus dem Gang der Weltgeschichte. Eine solche Herrschaft musste sich vom Bürger nicht legitimieren lassen, sie war das Ergebnis einer Art naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit. Und so wie man nicht über die chemische Zusammensetzung des Wassers abstimmen kann, erschien es geradezu unlogisch, die Verhältnisse einem wirklichen Votum zu unterziehen. Und dennoch (!) soll es beim „Zettelfalten“ immer wieder Menschen gegeben haben, die von der Wahlkabine Gebrauch gemacht haben; eine solche stand in jedem Wahllokal, oft ganz weit hinten. Was waren das für Leute? Karsten Krampitz

E

Eltern Sonntag ist für die meisten Menschen Familientag. Der Tag also, an dem man mit den Kleinen einen Ausflug macht oder die Eltern in ihrer Datsche auf ein Stück Kirschkuchen besucht. Bisweilen kollidiert der Familientag jedoch mit dem Wahltag. Was tun? Man nehme die Familie einfach mit ins Wahllokal!

Hier kann man bereits die Kleinsten an ihre zukünftigen demokratischen Pflichten, pardon, Rechte heranführen. Wer bereits über die ausreichenden motorischen Fähigkeiten verfügt, kann Mutti oder Vati zum Beispiel beim Kreuzchentest in der Kabine unterstützen. Das muss dann aber ein Familiengeheimnis bleiben! Die Wahrung von Familien- und Wahlgeheimnissen ist aber gar nicht einfach. Ich zum Beispiel erinnere mich an viel Gelächter unter den Anwesenden, als mein damals Fünfjähriger lauthals durchs Wahllokal quäkte: „Haben wir jetzt CDU gewählt?“ Die arme junge Seele (Zucker) konnte freilich nichts für die Fehlannahme, gehört er doch zur Generation Raute, jener also, die gar nichts anderes kennt als eine CDU-Regierung mit Mutti Merkel an ihrer Spitze. Marlen Hobrack

G

Grimm Die Gebrüder Grimm geben uns Aufschluss über das Zentralgestirnwort in Zeiten des Wahlkampfs: das Versprechen. Es beschwört alles Erdenkliche (Kleinstparteien) vom Himmel herab. Das Wort ist alles andere als eindeutig, weswegen es so verführerisch schillert. In seiner ältesten Überlieferung gilt es als verstärktes Sprechen im Sinne von Beratschlagen, was beleuchtet, dass ein Versprechen keineswegs als politische Lieferungszusage misszuverstehen ist, aber auch nicht vorschnell als leeres Gerede abgetan werden kann. Das Wort füllt bei den Brüdern Grimm viele Spalten.

Besonders fällt das Nebeneinander von positivem und negativem Sinn auf, was einen Augenblick der Selbstoffenbarung aufblitzen lässt. Diese Dialektik gilt übrigens für alle Formen mündlicher Willensäußerungen, was nicht den Trugschluss erlaubt, dass ein Versprechen in Schriftgestalt (als Wahlprogramm) ein höheres Maß an Glaubwürdigkeit für sich reklamieren darf. Für das Berliner Publikum sei noch hinzugefügt, dass in älteren Sprachtraditionen das Versprechen nahe dem Geloben lag, was durchaus etwas mit Glauben zu tun hat, aber lautmalerisch dem „Det gloob ick“ als Widerstand gegen die Bereitschaft, sich täuschen zu lassen, verblüffend nahekommt. Hans Hütt

K

Kleinstparteien Von Angesicht zu Angesicht mit dem Wahlschein lassen sich Parteien entdecken, von deren Existenz man vorher keine Ahnung hatte. Da wäre die Partei mit dem wohlklingenden Namen „Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklich-Sein aller“ oder die „V-Partei³“. Logo, dass man hier nicht sein Kreuz setzt (Grimm) – aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Denkt man nämlich genau darüber nach, kommen auch die pink-grünen Wahlplakate wieder ins Gedächtnis, die einem in den letzten Wochen auf ungute Weise ins Auge stachen. Und während man sich in seiner Wahlkabine so besinnt, tritt die Erinnerung immer deutlicher zutage: Denn auch wenn die Agentur der V-Partei³ es nicht für nötig hielt, auf den Plakaten zu erklären, für welche drei Begriffe das V im Namen steht, so verwendete sie es doch immerhin in jedem einzelnen der Wahlslogans: „Vrische Luft statt Diesel-Duft“, „Veil es getan werden muss“ oder „Vortschritt mit Zukunft“. Nun fügt sich also alles zusammen. Der Wahlzettel schlüsselt auf: Das pink-grüne Image steht für Veränderung, Vegetarier und Veganer. Trotzdem bleibt man dabei: Was in der Privatheit der Wahlkabine im Zwiegespräch mit dem Wahlschein an Wissen ward hervorgebracht – das darf auch getrost da bleiben. Alicja Schindler

L

Lokal Das Wahllokal – das war lange Zeit ganz wörtlich zu verstehen. In den Wahlen zum House of Commons lagen die Auswahl eines Wahlortes, eines Wahlleiters, die Bereitstellung von Wahlzetteln etc. bis ins späte 19. Jahrhundert hinein in der Eigenverantwortung der Kandidaten. Da bot sich das örtliche Wirtshaus an – auch um das obligatorische treating der Wähler, also ihre reichhaltige Versorgung mit Essen und vor allem Trinken, sprich Alkohol, zu sichern. Diese Praxis wurde dann in England erst durch den Corrupt and Illegal Practices Prevention Act von 1883 gestoppt.

Auch in Frankreich galt in der Dritten Republik noch bis in die 1890er Jahre die grobe Regel: ein Parlamentssitz = 500 Gläser Wein, obwohl das französische Wahllokal dann ganz offiziell ein öffentliches Gebäude wurde, keine Kneipe. In den Kneipen allerdings war zunächst der Demokratie als Herrschaft auf Zeit eine kleine Zeit trunken-anarchischer Herrschaftslosigkeit vorgeschaltet, die Wahl als hohes Fest der Demokratie (Briefwahl) hatte tatsächlich karnevaleske Züge – was man sich im Bundestagswahlkampf 2017 gar nicht mehr so recht vorstellen kann. Philip Manow

P

Polizeistation Kurz vor der Jahrtausendwende verbrachte ich sechs Monate als Europäische Freiwillige in Schweden. Manche Klischees über die anderen Länder der EU bestätigten sich damals. Mein Kollege Thomas aus Toulouse zum Beispiel stolperte bei seiner Ankunft bedröppelt aus dem Flugzeug, weil seine Rotweinflasche im Handgepäck geplatzt war. Außerdem ärgerte es ihn als Franzosen maßlos, dass nicht er der beste Koch unter uns war, sondern Periklis, der Grieche. Von Periklis lernte ich dafür Dinge über Griechenland, die mir neu waren.

Eines Sonntagabends fiel ihm in der Kneipe nach dem dritten Bier ein, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte. Irgendeine Kommunalwahl. In Panik rief er einen Verwandten an, der sagte, ihm bliebe nur der Gang zur Polizei. Uns anderen kam das übertrieben vor, aber in einem Akt bierseliger europäischer Solidarität begleiteten wir ihn. Die schwedischen Polizisten waren auch perplex, aber sie bestätigten Periklis schließlich, dass ein Arbeitsaufenthalt in ihrem Land seinen Urnengang verhindert hatte. Eine Wahlpflicht besteht in Griechenland noch immer, doch seit 2001 werden Verletzungen nicht mehr sanktioniert. Die Wahlbeteiligung ist massiv gesunken. Bei den Parlamentswahlen 2015 lag sie bei 56,57 Prozent. Christine Käppeler

S

Sheriff Er war der Lieblingsfotograf von Marilyn Monroe: Der 1912 in New York als Sohn russischer Immigranten geborene Sam Shaw war ein engagierter Fotojournalist, dessen Serie „How America Lives“ immer wieder den Rassismus in seiner Heimat ins Bild brachte.

Eine Fotografie ist besonders bekannt geworden. Sie zeigt einen Sheriff (Polizeistation) vor einem Wahllokal, während den Demonstranten abseits der Absperrung das Recht, zu wählen, immer noch abgesprochen wird. 1946 entstand das Bild – und es sollte noch fast 20 Jahre dauern, bis schwarze Bürgerrechtler ihr Wahlrecht erkämpften. Shaw bezieht in der Art, wie er die in Mississippi fotografierte Szene zeigt, deutlich Position. In der klaren Gegenüberstellung des weißen Sheriffs und der schwarzen Demonstranten verdeutlicht er, um was es ihm geht: „Je klarer die Entscheidung, was man zu sehen auswählt, desto sicherer kann man sein, dass sich die eigene Handschrift und Individualität entwickelt“, so hat Shaw seine fotografische Strategie einmal beschrieben. Der Fotograf starb 1999 in New York. Marc Peschke

Z

Zucker Wir schreiben das Jahr 2005. Ich habe gerade mein Abitur hinter mich gebracht. Zusammen mit meiner Mutter (Eltern) betrete ich die Grundschule bzw. das Wahllokal. Etwas stolz bin ich schon, volljährig und wahlberechtigt zu sein. Als ich das mit meinem Personalausweis bestätige, ist die Wahlhelferin ganz begeistert, einen Frischling vor sich zu haben. „Ah, da habe ich etwas für dich!“, ruft sie und streckt mir einen riesigen knallbunten Lolli entgegen. „Moment mal“, schießt es mir durch den Kopf, „ich dachte, ich werde jetzt ernst genommen?“ Aber gut, bloß nicht aus der Rolle fallen. Mit dem riesigen Lolli in der Hand trotte ich in die Kabine und setze aufgeregt meine Kreuzchen. Da weiß ich noch nicht, dass zwölf Jahre Merkel folgen werden. Oder sechzehn? Johanna Montanari

06:00 24.09.2017

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