Wahlparty

Berliner Abende Ich war gut präpariert. Noch am Abend zuvor hatte mir ein Freund alles Wissenswerte über die Tücken unseres Wahlsystems erklärt, vor allem über jenes ...

Ich war gut präpariert. Noch am Abend zuvor hatte mir ein Freund alles Wissenswerte über die Tücken unseres Wahlsystems erklärt, vor allem über jenes unbegreiflichste aller Verrechnungsregelwerke, das Überhangmandat. Gierig lauschend hatte mich das wohlige Vorgefühl überfallen, dass sich dieses frisch erworbene Wissen binnen kurzem bezahlt machen würde. Ich war nämlich zu einer Wahlparty geladen.

Nicht zu einer echten Wahlparty mit Prominenteneinzug und Freigetränken, nein, nur zu einer sogenannten Wahlparty, will heißen: zum gemeinsamen Fernsehen im Freundeskreis; Getränke und Knabberzeug müssen hier selbst mitgebracht werden. Ich hege gemischte Gefühle gegenüber solchen Veranstaltungen, erweist sich das gemeinschaftliche Fernsehen in der Durchführung doch immer wieder als schwierig. Das Problem liegt in der Verteilung der kommunikativen und der kontemplativen Anteile eines solchen Abends. Stummes Starren gilt als ungesellig; ständiges Kommentieren wiederum nervt erfahrungsgemäß die Umgebung noch sehr viel schneller. Die gegenseitige Toleranz von Schweigern und Vielrednern wird darum lediglich zu großen Sportereignissen strapaziert. Aber sportiv im Sinne eines dramatischen Zieleinlaufs versprach er ja zu werden, der Wahlabend.

Dementsprechend abgehetzt kam ich zu A.; auf dem Weg dahin hatte mich Nervosität erfasst, ob ich es noch rechtzeitig schaffen würde vor der ersten medialen Zahlenverkündung. Es war ein bisschen wie in der Neujahrsnacht, wo man sich leicht verloren fühlt, wenn man nicht pünktlich um Mitternacht menschliche Gesellschaft erreicht hat. Erleichtert betrat ich A.´s Küche, in der Menschen um einen großen Holztisch saßen und einträchtig Kartoffeln schälten, ganz offensichtlich war noch Zeit. Im Wohnzimmer hatte eine weitere kleine Gruppe bereits die Coach in Beschlag genommen und ließ, versorgt mit Bierdosen und einem ansprechenden Sortiment aus Erdnussflips, den Fernseher schon nicht mehr aus den Augen.

Von Politikmüdigkeit konnte hier keine Rede sein; wegen des großen Andrangs wurden neben der Coach noch zweireihig Stühle aufgestellt, wobei die Zuspätkommenden auf Plätze mit Sichtbehinderung verwiesen wurden - die große Palme ließ sich so schnell nicht umstellen. Gerade als A. die Aschenbecher strategisch günstig verteilte und andere Menschen letzte Hand ans kalte Bufett in der Küche legten, ertönten von der Coach aufgeregte "Jetzt! Jetzt!"-Rufe: "Die erste Hochrechnung!" Schnell nahmen alle ihre Plätze ein, und ins darauffolgende angespannte Schweigen hinein erklärte L., es handle sich bei diesen ersten Zahlen nicht um eine Hochrechnung, sondern um eine Prognose. Er wusste sogar, was der Unterschied ist. Und K. ergänzte, diese Prognose sei so manches Mal präziser gewesen als folgende Hochrechnungen. Offensichtlich hatten sich auch andere gut vorbereitet.

Die Prognose wurde mit Jubel begrüßt - anscheinend wählte dieser Freundeskreis relativ homogen eine bestimmte Partei -, woraufhin A. sofort vor verfrühter Freude warnte und K. die Anwesenden mit der Aussicht schreckte, dass sie sich bei einem bestimmten Wahlausgang mit der Flasche Champagner alleine aufs Klo verziehen wolle. Im wilden Zuruf - ist das wie mit Geburtstagen, bringt das Unglück, wenn man zu früh anstößt? - einigte man sich auf ein Prozedere: Sobald sich der Trend in den Hochrechnungen stabilisiert hätte, sollte Sekt getrunken werden, je nachdem aus Freude oder zum Trost. Mit Champagner aber wollte man erst das gesicherte Ergebnis begießen.

Wann kommt die nächste Hochrechnung?, war ab da ständig die Frage, meist begleitet von der Aufforderung, doch endlich umzuschalten. Dankenswerterweise hatte H. die Fernbedienung und damit die Bildregie übernommen. Souverän zappte er auf Zuruf und eigenständig zwischen Bildschirmtext und den Kanälen unserer Wahl hin und her. Wir waren versessen auf Zahlen. Immer wenn welche zu sehen waren, wurde laut gerechnet, auch wenn es immer wieder die gleichen waren. Und immer wieder kamen wir auf unterschiedliche Ergebnisse. C. schließlich machte sich Notizen, weil sie mit Kopfrechnen nicht nachkam. Niemand wollte Politiker reden hören, trat dagegen die technische Intelligenz in Erscheinung, jene Herren mit den schmucken Laptops und den Tortendiagrammen, versiegte augenblicklich jedes Einzelgespräch. "Es reicht!"-Rufe lösten "Es reicht nicht!"-Rufe ab, zwischendurch ging jemand zum Telefonieren raus. Irgendwann, einige hatten sich bereits in Ungewissheit über die künftige Regierung nach Hause verabschiedet, wurde der Champagner geöffnet.

Mein Wissen über Überhangmandate hatte ich zu gegebener Zeit anbringen können. C. meinte, für den Moment hätte sie es auch wirklich verstanden, aber leider wieder sofort vergessen.

00:00 27.09.2002

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