Wahlwerbung

A–Z Wer Wahlkämpfe gewinnen will, braucht die richtigen Werbemittel: zum Beispiel Kondome, Protestsongs oder Spitzensoziologen. Unser Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 32/2016 1

A

Adbusting Es ist ja in Mode gekommen, Slogans auf Wahlkampfplakaten professionell zu überkleben. Anstatt „Gute Arbeit und neue Ideen“ steht dann „Rassismus und Ausbeutung“ vor dem CDU-Claim „So bleibt Deutschland stark“. Das ist redlich, manchmal tut es aber auch eine hingekritzelte Pimmelnase. Der Klassiker unter den entstellenden Gesichtsmodifikationen bleibt indes der Hitlerbart.

Für den, so ließ sich neulich in Wien begutachten, reicht ein Bleistift: Zwischen Nase und Oberlippe des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer schimmerte es so dezent wie unmissverständlich. Ambitionierte Bildstörer arbeiten aber längst in 3-D. Als die NPD (➝ Nationalismus) letzten Winter ihren Stand in die malerische Kulisse eines schwäbischen Wochenmarkts stellte, organisierte der Bürgermeister davor eine Leistungsschau städtischer Schneepflüge und Müllfahrzeuge. Der Kehraus könnte gewirkt haben: 15 Wähler weniger verbuchte die NPD bei der folgenden Landtagswahl. Christine Käppeler

B

Bayern Wo Werbung der parlamentarischen Opposition kaum Aussicht auf Erfolg hat, dort kommen die originellsten Aktionen von außerhalb des Parlaments. Lange lieferten sich die Landesschülervertretung Bayern und die CSU-Regierung Kämpfe um das Schulsystem des Freistaats und dessen Demokratiedefizite: Bayern war lange das letzte Bundesland ohne gesetzlich verankerteSchülervertretung auf Landesebene. Die als Verein organisierte LSV verteilte ( Give-aways) um 2002 herum Kondome mit dem Aufdruck: „Keine Kinder in dieses Bildungssystem!“ Ein Erfolg: In den Folgejahren hatte Bayern rückläufige Geburtenzahlen. Zuletzt sind diese wieder gestiegen, was damit zu tun haben könnte, dass das bayrische Erziehungs- und Unterrichtsgesetz seit 2008 einen Landesschülerrat vorsieht, den Kritiker zu gefällig gegenüber der CSU finden. Sebastian Puschner

D

Design Kritische Geister wissen: Das Design bestimmt das Bewusstsein. Ab und zu erinnert auch der Wahlkampf daran. Hans-Christian Ströbele etwa wirbt seit 2002 mit Postern des Comiczeichners und Karikaturisten Gerhard Seyfried. Die zeigen den Grünen-Politiker in einer bunten Kreuzberger Welt voller Revolte und Leben. Doch Design kennt keine ideologischen Grenzen. Das Plakat aus dem Jahr 1953, das unter dem Slogan „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“ für die CDU (Flüchtlinge) warb, hat durchaus gestalterischen Eigenwert.

Die roten Linien, die hin zu einem düster dreinschauenden Mann mit Sowjetmütze führen, gleichzeitig aber wie dessen dämonischer Blick wirken, avancierten zum ästhetischen Inbegriff des Antikommunismus. Unvergessen ist auch das von Shepard Fairey gestaltete „Hope“-Plakat der Obama-Kampagne 2008. Ein Pop-Art-Porträt, das in Blau-, Rot- und Pastelltönen gehalten und mit den Slogans „Hope“, „Change“ und „Progress“ versehen war. Obama wurde zum Heilsbringer stilisiert, das Plakat zum Bild der Kampagne und zu einem Höhepunkt politischer Ikonografie. Benjamin Knödler

F

Flüchtlinge Angela Merkels „Wir schaffen das“ war schon vor 70 Jahren Aushängeschild der Union (➝ Design). Vor allem das der CSU. 1946 richtete diese sich mit dem Slogan „Gemeinsam schaffen wir’s“ an Heimatvertriebene und forderte Geflüchtetenwahlkreise, keine geschlossenen Grenzen. Das war kein Widerspruch zum Nationalkonservatismus. Bei den Flüchtlingen handelte es sich zum großen Teil um Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Noch weiter trieb es die CDU 1949: „Das ganze Deutschland soll es sein“ stand auf einem Plakat, das die Wiedervereinigung mit den unter polnischer oder tschechischer „Besatzung“ stehenden Gebieten forderte: „zum ungeteilten Vaterland“. Louisa Theresa Braun

G

Give-aways Neben Feuerzeugen und Kugelschreibern wird im Straßenwahlkampf oft auch Abseitiges verteilt. Originell war die SPD-Streichholzbox mit zwei abgebrannten Zündhölzern und dem Spruch: „Auch hier sind wieder nur die Roten zu gebrauchen.“ „Damit nichts anbrennt“, ließ die CSU (➝ Bayern) auf Holzgrillzangen schreiben. Ebenso mäßig war das Skatspiel mit „Grün sticht“. Noch peinlicher erschien der Piraten-Sticker zum Christopher Street Day: „Solidarische Hete“. Statt Kondomen verschenkte die Linke einst rote Strampler („Mit LINKS gemacht“). Und mit Hanf-Setzlingen verlieh sich das alternative Bündnis „Wien Anders“ den Ruch des, nun ja: Andersseins. Tobias Prüwer

K

Kiffen Das Adjektiv alternativ kann mittlerweile ja unterschiedlich ausgelegt werden. Wer früher an Hippies oder an Reggae dachte, hat 2016 wohl Rechtspopulisten (➝ Nationalismus) im Kopf. Nun besinnt sich die AfD womöglich auf den ursprünglichen Inhalt ihres Namens. In Berlin versucht sie, neue Wählerkreise für sich zu gewinnen. Nicht nur konservative WHM („white heterosexual males“), auch die jungen, urbanen Unzufriedenen sollen dazugehören.

Die neue Strategie offenbart sich deshalb in Form einer Kifferkampagne. „Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben komplett vom Staat finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul, und deshalb wähle ich die Alternative“ ist nur einer der Sprüche, mit denen derzeit Werbelastwagen durch Berlin fahren – ganz ohne AfD-Logo. Subtiler Rassismus durch subtile Manipulation. Fragt sich nur, warum der marokkanische Dealer eigentlich noch Drogen dealen muss. Louisa Theresa Braun

L

Luhmann „Am Montag, den 18. 05. 1998 unterschrieb Niklas Luhmann vor der Humboldtuni überraschend das Unterstützungsformular“ hieß es in einer Meldung von CHANCE 2000. Das klang unwahrscheinlich. Die von Christoph Schlingensief gegründete Kleinstpartei, die bei der Bundestagswahl 1998 0,058 Prozent der Zweitstimmen erhielt, fiel sonst nämlich eher durch Aktionen auf, die nicht gerade zum Doyen der Systemtheorie passten. Etwa mit dem Aufruf an Millionen Arbeitslose, im Wolfgangsee zu baden, um das Ferienhaus Helmut Kohls zu überschwemmen (➝ Satire).

Die Meldung findet sich nun aber auch in einem 2014 erschienenen Sammelband mit Luhmann-Interviews. Stimmt sie also doch? Der Soziologe, so vermeldete damals die Kleinstpartei, „begeisterte sich spontan für die Schlingensiefsche Variante der Systemtheorie“, wonach „System 1“ durch „System 2“ ersetzt werden müsse. Das bedeutete aber wiederum das Ende der Luhmannschen Systemtheorie. Deshab heißt es am Ende der Meldung: „Schön, daß Niklas CHANCE 2000 trotzdem unterstützt!“ Im Mai 1998 war der schon länger erkrankte Soziologe, so vermerkt schließlich auch der Sammelband, aber nicht mehr in der Lage, sein Haus in Bielefeld zu verlassen. Also wohl doch eine Erfindung Schlingensiefs. Aber eine sehr schöne. Nils Markwardt

N

Nationalismus Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei der AfD oft auseinander: In einer Wahlwerbung zum Beispiel gab sie rumänische Models als eigene Anhänger aus. Von solchen Peinlichkeiten kann die NPD ein Lied (➝ Zeitgeschichte) singen. 2013 zeigte sie in einem Spot eine Familie, mit der zuvor ein finnischer Quarkhersteller warb. Die Forderung „Konsequent abschieben“ untertitelte sie mit „Unser Volk zuerst“. Ähnlich bei der Schweizer SVP: Deren Vizepräsidentin Nadja Pieren hielt in einem Clip ein Schild mit „Zuwanderung begernzen“ hoch. Mit der Sprache hadert wiederum auch die AfD. Auf einem aktuellen Plakat heißt es: „Ich möchte, dass mein Sohn richtig deutsch sprechen lernt, weil das die Voraussetzung ist, für einen guten Beruf.“ Tobias Prüwer

R

Regeln Loriot wird der Satz zugeschrieben, das Wahlplakat sei der beste Ort für einen Politiker: Dort sei er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen. Aber so einfach ist es nicht. In Nordrhein-Westfalen werden Autofahrer vor verkehrsgefährdender Ablenkung (➝ Kiffen) geschützt: Plakatwerbung darf nur in den drei Monaten vor der Wahl erfolgen und ist „unzulässig im Bereich von Kreuzungen und Einmündungen, vor Bahnübergängen und am Innenrand von Kurven“. In dieser Hinsicht kann man sogar rechte Parteien loben. Die bringen ihre Plakate häufig in enormer Höhe an – wenn auch eher aus Angst vor Vandalismus. In Zukunft werden sie wohl an Hochspannungsmasten hängen, dann müssen Regelungen zum Schutz des Luftverkehrs getroffen werden. Uwe Buckesfeld

S

Satire Noch vor der Gründung der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (PARTEI) machten ihre Gründer durch spektakuläre Aktionen (➝ Luhmann) von sich reden: Unter anderem griffen sie der SPD in Landtagswahlkämpfen unter die Arme. Da 2003 der hessische Spitzenkandidat Gerhard Bökel laut Umfragen den Wählern unbekannt war, schickten die PARTEI-Gründer sieben verschiedene Bökels, darunter eine Frau, zum Klinkenputzen – und alle wurden von den Angesprochenen als Bökel wiedererkannt. Anschließend unterstützten sie die bayrische SPD mit Slogans wie „Mit Anstand verlieren. SPD“ oder „Wir geben auf. Dabei sein ist alles. SPD“. Andrea Wierich

T

The Simpsons Das Drama, das wir im US-Wahlkampf erleben, ist ein doppeltes. Entgegen allgemeiner Panikmache besteht nicht nur eine geringe Chance, dass mit Trump ein lupenreiner Antidemokrat an die Macht kommt. Auch radikalisieren sich die Fronten zwischen Gut und Böse über jede Verhältnismäßigkeit hinaus. Anders ist kaum zu erklären, wie auch auf liberaler Seite der Hass auf Clinton gewachsen ist – inklusive der bigotten Einschätzung, zwischen ihr und Trump gebe es letztlich keinen relevanten Unterschied.

Wenn nun auch die „Simpsons“ mit einem eilig produzierten Zweiminüter aktiv in den Wahlkampf einsteigen, um Schlimmstes zu verhindern, ist das nett gemeint, gut gemacht (Adbusting) und natürlich nachvollziehbar. Wenn aber ein Unterhaltungsformat sich gezwungen sieht, bei seinem Stammpublikum offene Türen einzurennen, indem es die drohende Wahl zur Alternativlosigkeit erklärt, ist das weder progressiv noch mutig, sondern Symptom einer akuten Krise der Demokratie. Timon Karl Kaleyta

Z

Zeitgeschichte Joseph Beuys war nicht nur Künstler, er gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern der Grünen, kandidierte 1979 für das Europaparlament und nahm 1982 an deren Bundesparteitag teil. Mehr noch: Im gleichen Jahr spielte er mit Musikern von BAP ein friedensbewegtes Lied ein, das implizit auch Wahlwerbung war. Eigentlich sollte Wolfgang Niedecken den Text schreiben, der hielt Beuys’ Anfrage aber für einen Witz (➝ The Simpsons). Es übernahm ein Werbetexter. Heraus kam der Song „Sonne statt Reagan“. Ungelenk intonierte Beuys den eigenwilligen Text. Da heißt es: „Hau ab mit deinen Nuklearstrategen / deinen Russenhassern, deinem Strahlenregen / Mensch Knitterface, der Film ist aus / nimm die Raketen mit nach Haus!“ Und im Refrain schließlich: „Wir wollen: Sonne statt Reagan /ohne Rüstung leben! / Ob West, ob Ost /auf Raketen muss Rost!“ Nils Markwardt

06:00 24.08.2016

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