Wahn und Sinn

IM KÄLTESTROM DER GESCHICHTE Alexander Tismas Roman »Treue und Verrat«

Sie sind alle schon Jahre und Jahrzehnte alt und dabei zunächst eher zufällig ins Deutsche übersetzt worden, die Erzählungen und Romane Aleksandar Tismas. Aber welche Gewalt, was für eine Sprach- und Gestaltungsmacht zeigt sich in diesen Texten, deren beherrschendes Thema die Unbehaustheit, die Heimatlosigkeit des Menschen in unserem Jahrhundert ist! Der neue Roman - oder sagen wir präziser: der soeben ins Deutsche übersetzte Roman aus dem Jahre 1983 - drückt das im Titel genauestens aus. Tismas Themen sind Faschismus und Gewalt, das Lagersystem und der Holocaust, sind Krieg und Vertreibung, Nationalismus und Chauvinismus. In historischen Romanen, die man ebenso als Desillusions- wie Entwicklungsromane zu entziffern vermag, versucht er, das Werk notwendiger Erinnerungsarbeit zu forcieren, Spuren festzuhalten, die der »Kältestrom« (Ernst Bloch) der Geschichte in Gestalt der Wahnsysteme (insbesondere des Faschismus) den Menschen zugefügt hat. Und er schreibt diese Geschichten selbst wiederum kalt auf - denn das Material muß, wie wir seit Benn wissen, kühl gehalten werden! -, um seine Leser damit tatsächlich existentiell und bis ins innerste Mark zu treffen. Physische, nackte Gewalt und Gewalttätigkeit hinterlassen eine breite Blutspur in der Geschichte insbesondere Osteuropas, die Tisma in Romanen wie Der Gebrauch des Menschen«, Das Buch Blam oder Kapo mit alttestamemtarischer Geste und damit eigentlich in einer ans antike bzw. mittelalterliche Epos gemahnenden Form beschreibt. Die Phänomenologie herrscht hier über die Psychologie, das Aufschreiben und Notieren rangiert vor jeder Deutung und Erklärung. Aber immer handelt es sich dabei zugleich wieder um lehrhafte Dichtung - nur, daß das Geschäft des Deutens, der Interpretation jeder Leser selbst zu besorgen hat. Also, wenn man will: Aufklärung pur. Freilich in aktualisierter Form, der die immanente Dialektik eingeschrieben ist. Denn Tisma weiß und sagt es auch in Interviews, daß man, um die Wahrhheit zu sagen, lügen muß. Eine Paradoxie? Nein, weil Literatur per se Lüge oder, in Hegelscher Terminologie, eine Welt des Scheins ist, die jedoch - möglicherweise sehr viel klarer sogar - das Wesen des Seins, der Realität und Geschichte herausbringt, nämlich zur Erscheinung. Das Wesen wäre nicht, wenn es nicht schiene und erschiene. Ob man so etwas überhaupt noch sagen darf: das Wesen des Menschen im Sozialismus oder unter dem Sozialismus? - Früher gab es noch solche Titel wie Die Seele des Menschen im technischen Zeitalter oder Die Antiquiertheit des Menschen, aber da gab es schließlich auch noch Ontologie und Metaphysik. Auf geradezu prämoderne, Irritationen auslösende Weise erzählt Tisma aber genau hiervon. Denn er schildert die Geschichte eines Mannes, seines Protagonisten Sergije, und einiger anderer Menschen, die im Sozialismus angekommen sind. Wie in den früheren Texten auch beschreibt Tisma sein Biotop Novi Sad, diese Kleinstadt in der Vojvodina, in der die verschiedensten Sprachen, Völker und Kulturen nebeneinander leben: Deutsche, Österreicher, Ungarn, Jugoslawen. Im Sozialismus angekommen sein, das heißt vor allen Dingen: Stagnation. Der Krieg und die Befreiung, sie sind schon in weitere Fernen gerückt; der Alltag regiert jetzt unangefochten. Sergije ist inzwischen 38 Jahre alt geworden, blickt auf einen einzigen Scherbenhaufen seines Lebens zurück, ohne sich das selbst immer eingestehen zu können: zwei Ehen hinter und keine Hoffnung vor sich. Ein Dahindümpeln. Er verdient zwar gut als Lektor in einem Verlag, der erkannt hat, daß diesseits ideologischer Zurüstungen der sozialistisch gebildete Mensch auch noch der Herz-und-Schmerz-Abenteuerkolportagen bedarf, aber wozu soll ihm das alles noch nützen? Etwas fehlt im Leben zum Glück. Von Wochenende zu Wochenende macht er sich gleichgültig auf die Reise von Belgrad nach Novi Sad, seinem Geburtsort und Wohnort der Eltern wie seines Freundes Eugen, des Juden, seines Sancho Pansa, wie es verschiedentlich heißt.

Abwechslung in das Gleichmaß des Lebens bringen die Wohnungsangelegenheiten seiner Eltern, denn die Erben des früheren Hauseigentümers haben sich gemeldet, und es drohen Unerquicklichkeiten. Da begegnet Sergije der Deutschösterreicherin Inge, er verliebt sich halsüberkopf, und plötzlich scheint ihm die Richtung seines Lebens wieder klar zu sein, gibt es einen neuen Zielpunkt. Er will, nein, er muß mit dieser Frau zusammensein, die selbst verheiratet ist, aber weder glücklich noch unglücklich, sondern gleichgültig an der Seite ihres Gatten in Wien voranlebt. Die Situation spitzt sich zu, nachdem Inge von Sergije schwanger geworden ist. Sergije plant daraufhin, den Ehemann Balthasar umzubringen - damit einen weiteren Mord zu begehen, nachdem er schon einmal, aber in Notwehr während seiner Zeit als Botschaftsangehöriger in Warschau und ebenfalls in Zusammenhang mit (s)einer Frau einen Mann getötet hat. Eugen soll ihm behilflich sein, er soll das präparierte Boot zum Kentern bringen, damit der Nichtschwimmer Balthasar in der Donau ertrinkt und den Weg für das Liebespaar freimacht. Doch Eugen, der Menschenfreund - vielleicht der einzige in diesem Roman -, erkennt am Ende, daß Sergije nie wirklich sein Freund und Bruder gewesen ist, daß er, Eugen, ihn zwar bewundert, jedoch nie geliebt hat; anstelle Balthasars bringt er sich selbst um, und Inge wirft sich ihrem Mann (sic!), »dem einzig trockenen Balthasar an die Brust« und teilt ihm mit, »daß Eugen, der eben noch unter ihnen weilte, auf unerklärliche Weise ertrunken ist.« - Noch irgendwelche Fragen offen? Treue und Verrat ist ein Roman über die Lebens- und Denkweise der Menschen im Sozialismus - wie auch immer der in den einzelnen Ländern dieses ehedem real existierenden und real die Menschen pervertierenden Sozialismus ausgesehen haben mag, ob eher stalinistisch oder vielmehr moderater als Gulaschkommunismus oder Titoismus. Der Effekt, macht Tisma in seinem Roman deutlich, ist immer derselbe: die Treue hat etwas ebenso Sklavisches an sich, wie deren Revers, der Verrat, etwas Selbstverständliches zu sein scheint. Tatsächlich ist - mit Ausnahme des für die Ewigkeit geplanten Systems - nur auf wenig Verlaß, auch in den menschlichen Beziehungen; ein doppelter Boden ist aufgespannt, die Lüge bestimmt die Beziehungsmuster. »Ich bin ihr Freund, aber bauen sie nicht auf mich«, hat es schon in Strindbergs »Fräulein Julie« geheißen. Das trifft in prägnanter Weise auf die privaten Beziehungen im Sozialismus zu, wo, wie auch Sergije, die Paare miteinander fröhlich kopulieren, während hart nebenan und neben dem Paravent der Ehemann sein eigenes Leben führt. Im Privaten, das behandeln die großen Texte der Weltliteratur, spätestens seit es so etwas wie Privatheit und die Kategorie des Privatlebens gibt, zeigt sich - oft genug auf dramatische Weise - der Weltzustand. Und im Rückblick auf die Jahrzehnte des Realsozialismus erscheint ein großer historischer Zeitraum in den Ländern der ehemaligen Volksdemokratien, das machen Autoren wie Kundera, Nadas und Dalos, wie Klima oder Tisma auf verschiedene Weise in ihrer Prosa deutlich, als bleierne Zeit der Stagnation, wo nach dem kurzen ´Tauwetter der fünfziger Jahre eine neue Eiszeit einsetzt. Die alternativen sozialistisch-kommunistischen Lebensentwürfe taugen nichts mehr, sie tragen nicht weiter, wie nicht zuletzt Tismas Protagonist schmerzlich erkennen muß, der zunächst voller Überzeugung an die Aufgaben des sozialistischen Aufbaus herangetreten ist, um schnell zu erkennen, welche menschliche Mittelmäßigkeit und Perfidität sich im Partei- und Staatsapparat breitgemacht hat. Er resigniert zwar nicht, leistet aber auch keinen Widerstand. Stoisch hält einzig noch Eugen stand; er lebt zurückgezogen in seiner Bücherwelt, entzieht sich dem politischen Auftrag und weitestgehend auch den Formen des gesellschaftlichen Leben, um auf die Frage, wie lange er denn wohl noch so gedenke, in seinen Welten der Literatur und Fiktion zu schwelgen, sophistisch zu antworten: »Bis zur Revolution, du Dummkopf!«

Man sollte schließlich Kritikpunkte nicht verschweigen. Zu Recht haben die Rezen senten im Blick auf die früheren Romane und Erzählungen Tismas davon gesprochen, daß kein Satz überflüssig ist in Texten, die dramaturgisch von einer nicht abreißenden Serie von Wahnsinnshandlungen und -taten beherrscht sind. Hinsichtlich von Treue und Verrat, das ähnlich erzählt ist und keine Luft zum Atmen und Reflektieren läßt, wirkt dieses Prinzip jedoch (ver-)störend. Was roman intern für die Figuren zwar verständlich ist, die ihre Handlungs- und Perspektivlosigkeit häufig durch äußere Hektik und innerlichen Reflexionsverzicht kompensieren, wirkt auf die Leser eher kontraproduktiv: Denn es geht dem Roman doch darum, diesem großen »Prinzip Hoffnung« - genannt Sozialismus - gründlich seine Stagnation und Erstarrung, seinen verblendeten Wahn im System Sinn vorzurechnen. Alltäglichkeit aber auf eine nicht-alltägliche Weise widerzugeben, das wußte schon Flaubert, gehört zum schwersten überhaupt von Literatur, will sie uns noch existentiell berühren. Diese existentielle Betroffenheit aber, so großartig Tismas dies in seinen früheren Romanen und Erzählungen gelungen ist, hat sich mindestens bei meiner Lektüre von »Treue und Verrat« leider nicht eingestellt.

Aleksandar Tisma: Treue und Verrat. Roman. Hanser-Verlag, München 1999, 303 S., 39, 80 DM.

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00:00 26.03.1999

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