Wahn und Verbrechen

Mythopoesie Der Masochist, der Monomane und das Mädchen von hierzulande - Der Marburger Revolutionsforscher Gerd Koenen rechnet mit Che Guevara, Fidel Castro und Tamara Bunke ab

Ein narzisstisch gestörter, hasserfüllter, brutaler Zwangsneurotiker – das soll der „Puritaner und Masochist“ Che Guevara gewesen sein. Der 1944 in Marburg geborene Historiker, Politikwissenschaftler, Revolutions- und Kommunismusforscher Gerd Koenen geht mit seinen einstigen Vorbildern hart ins Gericht. Als Schüler des Marxisten Helmut Fleischer hat er von der SDS-Mitgliedschaft 1967 bis zu den maoistischen Zirkeln „das volle Programm des linksradikalen Aktivismus“ durchgemacht. Seit den frühen neunziger Jahren rechnet der ehemalige Revoluzzer nunmehr radikal mit Lenin und Mao ab. Mit dem vorliegendem Band also auch mit Ernesto Guevara, Fidel Castro und einem „Mädchen von hierzulande“, Tamara Bunke alias „Tania la Guerillera“.

Der Figur Che Guevaras, die Ikone jener Traumpfade der Weltrevolution, die alle Enttäuschungen, Mythen, Rituale und Verbrechen des „roten Weltzeitalters“ überlebt habe, schenkt Koenen jedoch die größte Aufmerksamkeit. Mit seinem Buch will Koenen (nach seinen Studien zu Lenin, Stalin und Mao Tse-Tung, zur russischen Revolution und zur RAF) die Linie des „roten“ Totalitarismus weiter nachzeichnen und vervollständigen.

Vom egalitären Paradies zur menschenverachtenden Hölle

Zur Analyse des stalinistischen und poststalinistischen Terrors benötigt Koenen allerdings einen kategorischen Rückgriff auf die Verflechtung von Mythos, Epos und Wahn, um der Geschichtsphilosophie dieses Totalitarismus nachzugehen. Hier soll eine diskursive Bilanz der mit kryptoreligiösen Elementen durchsetzten, kommunistischen „großen Erzählung“ gezogen werden.

Das rigoros verfolgte Programm der roten Utopisten, ein egalitäres Paradies zu errichten, habe nur zur Einrichtung einer menschenverachtenden Hölle geführt. Der sowjetische Gulag, die osteuropäischen, staatssozialistischen Despotien, Chinas Kulturrevolution und die planmäßige Demontage jeglicher Freiheit und ökonomischer Initiative, wie sie etwa in Kuba geschehen sei, zeugten vom unmenschlichen Antlitz sozialistischer und kommunistischer Experimente. Vor Nachauflagen sei unbedingt gewarnt.

Diese Argumentation war auch das Leitmotiv der „antitotalitaristischen“ Philosophie des Franzosen André Glucksmann, der wie Koenen als Maoist und Aktivist der 68er-Revolte das ganze linksradikale Repertoire durchlief, bevor er dieses Programm entwerfen konnte, das auch Koenens Kommunismus-Kritik und somit auch die Kritik des hier geschilderten „Guevara-Projektes“ bestimmt.

Castros Königsreich auf der Insel

Zur Kontextualisierung der „roten“ Tyrannei in Lateinamerika zeichnet der Marburger das Bild vom im Vergleich zu Guevara nicht minder rücksichts- und erbarmungslosen Fidel Castro, das Bild eines „Monomanen mit seinem zielgerichteten Anspruch auf die Macht daheim auf seiner Insel, die er als sein legitimes Königreich betrachtete“.

Tamara Bunke rundet Koenens „entmythologisierendes“ Bild ab: die Argentinierin deutsch-jüdischer Herkunft, die in einer „Welt voller Gift und voller Reinlichkeit“, in der DDR der fünfziger Jahre, erwachsen wurde. Hier rage „das Phänomen einer revolutionären Bravheit“ heraus, das „als Sozialisationstypus und Habitus“ psychoanalytisch als „ein hypertroph ausgebildetes Über-Ich“ illustriert werden könne.

Totalitarismus „pur“

Es zeige sich einerseits in „Kampfsituationen als ‚revolutionäre Disziplin‘“; in Situationen „etablierter Macht und diktatorischer Ordnung“ schrumpfe es andererseits „zu einem Kanon leerer Sekundärtugenden, mittels derer die Heranwachsenden konditioniert werden – wofür es freilich der ständigen Beschwörung eines draußen wie drinnen lauernden Feindes und der steten Mobilisierung von ‚Wachsamkeit‘ bedarf.“ Totalitarismus „pur“ in protestantischem Gewand, der auch Brücken schlagen konnte – hin zum katholischen Lateinamerika.

Damit suggeriert Koenen das fortan aufzuklärende, innere Band von Wahn und Verbrechen, das den Kommunismus in all seinen Ausformungen kennzeichnete, der als Todfeind der demokratischen Zivilisation im 20. Jahrhundert eine über Europa hinausgehende, universelle Bedeutung erlangt habe. Grund genug für ihn, sich das utopische Motiv anzuschauen, das, in die Realität umgesetzt, zur monströsen Ideologie geworden sei, die im psychopathischen Dreigespann Guevara-Castro-Bunke Gestalt angenommen habe: „Alle Postulate und Träume der historischen Arbeiterbewegung vom guten Leben verdampfen hier spurlos in der Salz- und Schweißpfanne eines terrorisierenden Über-Ichs.“

Mit dieser Ideologie der Utopie habe sich der Patriarch Castro ein Insel-Paradies aufgebaut, dem „seine Kinder“ bis jetzt, trotz alltäglicher Miseren, Demütigungen und Ängste, im Namen des sozialistischen Imperativs folgen müssen.

Vom Epos zum Mythos zum Wahn

Trotz aller berechtigten Kritik verliert der Autor kein Wort über die sozialen Errungenschaften der kubanischen Revolution, die in der westlichen Hemisphäre ihresgleichen suchen. Dekonstruktion der Ideologie geht hier vor historischer Abwägung. Will er doch vor allem den verbrecherischen Mythos „Bruder Che“, „Vater Fidel“, „Schwester Tania“ schonungslos demaskieren.

Zur Illustration dient Koenen das 1932 veröffentlichte Epos Wie der Stahl gehärtet wurde von Nikolai Ostrowski, das die nach Mythen suchenden lateinamerikanischen Revolutionäre für ihre Zwecke vereinnahmt hätten. Diese fatale Rezeption sei eine der ideologischen Quellen des stalinistisch geprägten revolutionären Heldenwahns gewesen.

Koenen analysiert, wie der Epos in den Mythos umschlägt – und dieser in den Wahn führt. So lokalisiert er Guevara im „Reich der Mythopoesie“. Und zieht Guevaras quichoteske Züge kurzerhand ins Grotesk-Lächerliche.

Koenen verkennt jedenfalls die Tatsache, dass die revolutionären Entwürfe insbesondere im 20. Jahrhundert weniger mit „Wahn“ zu tun hatten als mit dem Zerfall des Kapitalismus selbst, der das Gros der Weltbevölkerung mit Armut, Ausgrenzung und Ausbeutung konfrontiert hatte. Dass dieser Kapitalismus mit all seinen Modifikationen auch heute auf den legitimen Aufruhr der „Revolutionsirren“ stößt, ignoriert Koenen vollends.

Und eines scheint Koenen sehr wichtig zu sein: Wer in der Folge von Guevara oder Castro sich antikapitalistisch gibt, gerate in die Gefahr, Teil ihres terroristischen Projektes zu werden. „Dieser skrupellose Stalinist“ Che Guevara sei „nebenbei Säulenheiliger einer großen deutschen Partei.“ Gemeint ist die „stalinistisch“ vorgeprägte „Linkspartei“: „Lafontaine predigte unter einem Bildnis des Bärtigen; im Online-Shop der Linken gibt‘s den Che-Button zu einem Euro, im Button-Mix sind sie gar vereint: Lafontaine, Gysi, und der ‚heroische Guerillero‘“, stellte der Koenen-Adept Uwe Stolzmann unlängst fest.

Gewiss, Che Guevara oder Fidel Castro können als mythische Figuren eines häretischen Christentums im kommunistisch säkularisierten Gewand charakterisiert werden. Das macht gerade ihre fortdauernde Popularität vor allem in Lateinamerika aus. Und selbst die Theologie der Befreiung, die „Göttliches in der Schöpfung“ als „sozialistische Gleichheit“ weiterhin reklamiert, bleibt auch noch heute mit dem „wahnhaften Mythos“ der Überwindung der kapitalistischen Welt verbunden.

Ein neuer Apostel

Koenens Rekonstruktionen verharren in der Abstraktheit einer als „totalitaristisch“ gezogenen Linie zwischen Platon, Hegel, Marx, Lenin, Stalin, Mao und auch Guevara oder Castro. Dazu gehören auch „irregeleitete“ Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre, der Che als „den vollkommensten Menschen seines Zeitalters“ bezeichnete. Unberücksichtigt bleibt aber die lange Emanzipationsgeschichte vom Kapitalismus selbst, in die der „Psychopath“ Che Guevara zweifelsohne auch gehört.

Der Dramatiker Heiner Müller, der einen Blick für die Größe solcher „Irren“ hatte, forderte 1991: „Im nächsten Jahrtausend muss es zur Allianz von Kommunismus und Katholizismus kommen. Die Realität gibt nur nach, wenn man sich gegen sie verbündet. Che Guevara ist ein Heiliger, ein neuer Apostel. Das setzt die Fusion von Rom und Byzanz voraus. Dagegen ist der Kapitalismus eine Fußnote. Alles andere ist ephemer, Tagespolitik.“

So könnten sich Mythopoesie und realhistorische Tendenz verklammern. Dem Imperativ des Kapitalismus steht weiterhin ein kategorischer Konjunktiv entgegen: Die Chance zur Überwindung der bisher „besten Welt aller möglichen“. Dieser demokratischen Herausforderung stellt sich Lateinamerika, indem es – auch in Anlehnung an Che Guevara – sozialistische Alternativen zum Kapitalismus entwirft.

Koenens Identifizierung von antikapitalistischer Utopie, Wahn, Mythos und Verbrechen geht nur formal auf, nicht historisch. Lesenswert an diesem Buch ist jedenfalls das Zeugnis einer fundamental gewendeten politischen Sicht, die als unbedingt verurteilenswert zeigen will, was man einst unbedingt liebte.

Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-ProjektGerd Koenen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 602 S., 24,95

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