Wahre Geschichten aus der Stadt ohne Engel

Sachlich richtig Erhard Schütz’ Begriff des Sachbuchs umfasst auch die literarische Reportage. Vier Neuerscheinungen im Überblick

Jan Brandt ist ein deutscher Dichter. 2011 mit seinem Wälzer Gegen die Welt auf den Plan getreten, aber schon vorher als Reporter bekannt. Vergangenes Jahr hat er sich mit einem vergnüglichen Bericht von der Turiner Buchmesse gemeldet. Nun legt er 400 Seiten Berichte aus Los Angeles vor, wo er 2014 als Stipendiat der Villa Aurora lebte. Brandt, der sich „manischen Realismus“ attestiert, ist ein begnadeter Hinseher und Nachgucker. Beeindruckt haben mich zwei Reportagen, die man komplementär lesen kann, die dabei sind, Dave Eggers dystopischen The Circle zum Schmunzeltraktätchen zu machen.

Eine Welt im Stande irrer Ähnlichkeit mit sich selbst. Die andere Reportage das antiquarische Gegenstück dazu, die Selfmadegeschichte des deutschen Promicaterers und – gescheiterten – Currywurstapostels Kai Löbach, der den amerikanischen Traum lebt: vom Tellerwäscher zum Millionär – oder wenigstens Millionärsfreund.

Zu den zigtausend Seiten von Marcel Prousts langwieriger Suche nach der verlorenen Zeit gehört nahezu spiegelbildlich ein ähnlich ungeheures Briefopus. Über 5.000 enthält eine 24-bändige französische Briefausgabe von 1993. Dagegen wirkt die deutsche Auswahlausgabe eher schmal: 572 Briefe auf insgesamt 1.500 Seiten, ausführliche, nützliche und kluge Anmerkungen, eine ausgiebige Chronologie eingeschlossen; wie ich mir von einer Kennerin habe versichern lassen: ausgezeichnet übersetzt. Jene Proust-Aficionados werden’s danken, deren Französischkenntnisse – wie die meinen – diesem Sprachberg nicht gewachsen sind. Hinzu kommen könnte der Dank von denen, die sich grundsätzlich für die Hintergründe von Autorschaft interessieren, sowie der von all jenen, die einfach sehr elegante, virtuos das eigene Leben umspielende, mal bemäntelnde, mal ausstellende Briefe lesen wollen. „Nicht weil die anderen sterben, lässt der Kummer nach, sondern weil man selber stirbt. Und man muss über sehr viel Lebenskraft verfügen, will man das ‚ich‘ von vor einigen Wochen unbeschädigt am Leben erhalten“, schreibt Proust im Herbst 1914.

Jetzt aber in aller Sachlichkeit: „Ein Nachwort zur Apokalypse“, lautet der hintersinnige Satz im Nachwort vom FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, „setzt voraus, dass nicht stattgefunden hat, was offenbart wurde.“ Enttäuscht werden könne „nicht die Erwartung eines Endes“ – denn bei aller sachlichen Erwägung wird es das angesichts unseres gewissen kosmischen Wissens wie das Amen in der Kirche geben – , „sondern nur die eines baldigen Endes“. Wer dieses Nachwort zur neuen Edition der Apokalypse liest, wird nicht enttäuscht. Es erinnert nicht nur daran, dass die Semantik der Apokalypse sich längst von erleuchtender Offenbarung in düstere Katastrophik verkehrt hat, es zeigt nicht nur die Herkunft solch endzeitlicher Vorstellungen und die speziellen Zutaten ihres Entstehungskontextes und ihrer Rezeption, es bezweifelt nicht nur gelinde, dass auch ein „gesundes apokalyptisches Bewusstein“ vorkommen könne, wie ein evangelischer Weltanschauungsdarsteller meint, sondern endet mit der kürzestgefassten Kommunikationsgeschichte Gottes, die hier zitiert sei: „Vom Schöpfer über den alttestamentarischen Sprecher, der sich vorzugsweise an Clanchefs und Priester wendet, zum Gott, der zwar Mensch wird und für alle und jeden gestorben sei, aber nur noch durch Lektüre erschlossen werden kann und dadurch sowohl in Konkurrenz zu anderen Texten gerät wie in die Komplikation seiner Auslegung und Erforschung.“ Kaubes Fazit: „So verstanden, hätten wir das Ende der Geschichte hinter uns, wüssten aber nach wie vor nicht, was es bedeutet.“ Das sorgfältig gemachte Buch ist auch noch toll illustriert ist – siebenfach, wie es sich für die Apokalypse ziemt.

Zu guter Letzt zum sächlichen Sachbuch, in Deutschland früher auch Tatsachenliteratur genannt. Die Klassiker handelten vorzugsweise von Material, von Stoffen – Anilin bis Kaffee. Heutzutage gibt es eine ganze Reihe Stoffgeschichten, die von Milch bis Dreck reicht. Aktuell kann man sich in einem flott geschriebenen, doch kundigen und zuverlässigen Buch über die Stoffe, die uns die Welt bedeuten, unterhaltsam informieren.

Es geht um „Wunderstoffe“, zehn Materialien, die, so lautet der Untertitel „unsere Zivilisation ausmachen“. Geschickterweise zählt der selbst zu den 100 einflussreichsten Wissenschaftlern gerechnete Materialwissenschaftler Mark Miodownik das Papier zu diesen Stoffen – unter dem Stichwort „vertrauenswürdig“. Das gebietet es geradezu, in einer vertrauenswürdigen Zeitung sein Buch als vertrauenswürdig zu würdigen. Es fällt aber auch leicht, da seine Kapitel über Stahl (und Metalle), danach gleich Papier (von Banknoten bis Liebesbriefen), Beton, Schokolade, Schaum und Gel, Plastik, Glas, Keramik und (künstliche) Knochen abhandeln. Eine eigenwillige Auswahl, aber in unwiderstehlichen Geschichten, witzig, nie albern vorgebracht. Danach sieht man die Welt mit anderen Augen, durch Plastik beispielsweise.

Info

Die Apokalypse Aus dem Altgriechischen übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann, mit einem Nachwort von Jürgen Kaube, Manesse 2016, 176 S., 49,95 €

Marcel Proust: Briefe. 2 Bände Jürgen Ritte (Hg.), Achim Russer, Bernd Schwibs (Übers.), Suhrkamp 2016, 1.479 S., 78 €

Stadt ohne Engel. Wahre Geschichten aus Los Angeles Jan Brandt Dumont 2016, 384 S., 22,99 €

Wunderstoffe. Zehn Materialien, die unsere Zivilisation zusammenhalten Mark Miodownik DVA, Deutsche Verlags-Anstalt, 2016, 304 S., 19,99 €

06:00 01.02.2017

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