Während Raketen den Himmel teilen

Nachdenken über eine andere Welt An ruhigen Tagen lässt sich ihr Atmen hören

Auf dem gerade beendeten Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre wurde die indische Schriftstellerin Arundhati Roy gebeten, über das Thema: »Wie können wir der Weltherrschaft begegnen?« zu sprechen. Sie leitete ihren Vortrag mit dem Satz ein: »Sie haben mir eine schwere Frage gestellt, und ich habe keine einfachen Antworten.« Wir dokumentieren ihre Ausführungen leicht gekürzt.

Wenn wir über die Begegnung mit der »Weltherrschaft« reden, müssen wir definieren, was »Weltherrschaft« heißt. Meint es die US-Regierung (und ihre europäische Satelliten), die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds, die Welthandelsorganisation und multinationale Körperschaften? Oder ist es mehr als das? In vielen Ländern hat die »Weltherrschaft« ihre Ableger hervorgebracht - wie Nationalismus, religiöse Heuchelei, Faschismus und natürlich Terrorismus. Sie marschieren Arm in Arm mit dem Projekt der Globalisierung.

Lasst mich am Beispiel meines Landes veranschaulichen, was ich damit meine. Indien, die größte Demokratie der Welt, steht momentan ganz oben in der Rangordnung des Globalisierungsprojektes. Der »Markt« von einer Milliarde Menschen wird von der Welthandelsorganisation öffentlich angepriesen. Indiens Regierung und die Elite des Landes bitten die »Korporatisierung« und Privatisierung herein. Es ist kein Zufall, dass der Premierminister, der Innenminister, der Minister für Investitionen - die Männer, die den Vertrag mit Enron besiegelten und unsere Infrastruktur an die »korporativen« Multinationalen verkaufen, die Wasser, Elektrizität, Öl, Kohle, Stahl, Gesundheit, Erziehung und Telekommunikation privatisieren - ausnahmslos Mitglieder oder Bewunderer der RSS (*) sind. Einer rechtslastigen, ultranationalen Hindu-Vereinigung, die Hitler und seine Methoden freimütig bewundert.

Der Abbau der indischen Demokratie schreitet mit der Geschwindigkeit und Leistungsfähigkeit eines Strukturanpassungsprogramms voran. Zugleich vertreiben massive Privatisierungen und »Arbeitsreformen« die Menschen aus ihrem Land und ihrem Beruf. Hunderte verarmter Bauern begehen Selbstmord, indem sie Pestizide schlucken.

Die beiden Arme der indischen Regierung führen eine perfekte Zangenbewegung aus. Während der eine industrielle Filetstücke verschleudert, dirigiert der andere einen wüsten Lobgesang auf Hindu-Nationalismus und religiösen Fanatismus, führt Atomversuche durch, schreibt Geschichtsbücher neu, verbrennt Kirchen und reißt Moscheen nieder. Zensur, Überwachung, die Aufhebung der bürgerlichen Freiheiten und der Menschenrechte, der Hochmut der Entscheidung, wer indischer Bürger ist und wer nicht - all das wird allgemeine Praxis. Während die nationale Elite zu ihren imaginären Zielen irgendwo in der Nähe der Weltspitze aufsteigt, rutschen die Enteigneten hinunter in Verbrechen und Chaos. Wie uns die Geschichte lehrt, ist ein Klima von Frustration und nationaler Desillusion die perfekte Basis für Faschismus.

Im Staat Gujarat wurden im März 2002 über 2.000 Muslime in einem staatlich geförderten Pogrom abgeschlachtet, vor allem muslimische Frauen. Ihnen wurden die Kleider vom Leib gerissen, sie wurden vergewaltigt, bevor sie bei lebendigem Leibe verbrannten. Über 150.000 Muslime wurden aus ihren Wohnorten vertrieben. In wenigen Tagen waren die Fundamente der muslimischen Gemeinschaft in dieser Region zerstört.

Während Gujarat brannte, stellte der indische Premierminister im Fernsehen seine neuen Gedichte vor. Keiner wurde für den Genozid bestraft. Narendra Modi, Anstifter des Pogroms und stolzes RSS-Mitglied, begann seine zweite Legislaturperiode als Präsident von Gujarat. Wäre er Saddam Hussein, wäre jede der von ihm zu verantwortenden Scheußlichkeiten bei CNN zu sehen gewesen. Aber weil er nicht Saddam Hussein und der indische Markt für globale Investoren offen ist, gelten die Massaker noch nicht einmal als peinliche Unannehmlichkeit.

Über 100 Millionen Muslime leben in Indien. Da tickt eine Zeitbombe in unserem uralten Land. Hier zeigt sich, es ist ein Mythos, wenn behauptet wird, der freie Markt würde nationale Grenzen niederreißen. Der freie Markt bedroht nicht die nationale Souveränität, er untergräbt die Demokratie.

Währenddessen wird der Kampf um das Monopol an Rohstoffen intensiver - um unsere Ernten, die wir einbringen, das Wasser, das wir trinken, die Luft, die wir atmen, die Träume, die wir träumen. Um all das zu »korporatisieren«, benötigt die Globalisierung - oder sollten wir sie besser beim Namen nennen und Imperialismus sagen? - eine globale Liga aus loyalen, korrupten, autoritären Regierungen in ärmeren Ländern, um unpopuläre Reformen durchzusetzen und jede Meuterei zu ersticken. Parallel dazu stapeln die Länder des Nordens Massenvernichtungswaffen und verstärken ihre Grenzen. Schließlich müssen sie sicherstellen, dass es nur Geld, Waren, Patente und Dienstleistungen sind, die globalisiert werden. Nicht die freie Bewegung der Menschen. Nicht der Respekt vor Menschenrechten. Keine internationalen Verträge über rassische Diskriminierung oder Atomwaffen oder Treibhausgasemissionen oder - Gott, vergib - Gerechtigkeit. All dies ist »Weltherrschaft«, eine loyale Vereinigung und obszöne Akkumulation von Macht, ein sich stetig vergrößernder Abstand zwischen denen, die diktieren, und jenen, die darunter leiden.

Wie widerstehen wir der »Weltherrschaft«? Die gute Nachricht ist, dass es uns nicht zu schlecht geht. Es hat mehrere größere Siege gegeben. In Lateinamerika habt ihr Bolivien und Cochabamba (**). In Venezuela hält Präsident Chávez aus, ungeachtet aller Bemühungen der Amerikaner. Die Welt blickt auf die Leute in Argentinien, die versuchen, ein Land aus der Asche und Verwüstung zurückzugewinnen, die vom IWF hinterlassen wurden. Hier in Brasilien müssen wir fragen, wer war noch vor einem Jahr Präsident? Wer ist es jetzt?

Dennoch kennen viele von uns dunkle Momente der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Wir wissen, dass unter der weit ausgebreiteten Decke eines Krieges gegen den Terrorismus die Herren in Nadelstreifen hart am Wühlen sind.

Während Cruise Missiles den Himmel teilen, wissen wir, dass Kontrakte unterschrieben, Patente registriert, Öl-Pipelines verlegt, natürliche Rohstoffe geplündert werden, und George Bush in einen Krieg gegen den Irak zieht.

Wenn wir diesen Konflikt betrachten als direkte Konfrontation Auge in Auge mit der »Weltherrschaft«, könnte es scheinen, dass wir verlieren. Aber man kann es auch anders sehen. Alle, die wir hier versammelt sind, haben wir auf unsere Art einen Belagerungsring um die »Weltherrschaft« gelegt. Wir haben sie vielfach gezwungen, sich zu demaskieren. Sie steht nun auf der Weltbühne vor uns in all ihrer gefühllosen, schändlichen Nacktheit. Die »Weltherrschaft« mag zwar in den Krieg ziehen, aber sie muss es in aller Öffentlichkeit tun - zu hässlich, um ihr eigenes Spiegelbild zu ertragen. Inzwischen sogar zu hässlich, ihre eigenen Leute um sich zu scharen. Es könnte nicht mehr lange dauern, bis eine Mehrheit des amerikanischen Volkes unser Verbündeter wird. Erst vor zwei Wochen marschierte in Washington eine viertel Million gegen den Irak-Krieg.

Vor dem 11. September 2001 hatte Amerika eine geheim gehaltene Geschichte. Geheim vor dem eigenen Volk. Jetzt sind Amerikas Geheimnisse Geschichte, und seine Geschichte ist öffentliches Wissen. Sie ist Tagesgespräch auf den Straßen. Heute wissen wir, dass jedes Argument, das benutzt wird, um den Krieg gegen den Irak voranzutreiben, eine Lüge ist. Die Lächerlichste davon ist die »tief empfundene Verpflichtung« der Bush-Regierung, dem Irak Demokratie bringen zu wollen.

Menschen zu töten, um sie vor Diktatur oder ideologischer Korruption zu erretten, ist alter amerikanischer Regierungssport. Wo wüsste man das besser als in Lateinamerika. Keiner zweifelt, dass Saddam Hussein ein skrupelloser Diktator ist, ein Mörder, dessen schlimmste Exzesse von den Regierungen der USA und Großbritanniens unterstützt wurden. Ganz gewiss wäre der Irak ohne ihn besser dran. Aber die ganze Welt wäre auch besser dran ohne einen gewissen Mister Bush, der tatsächlich weit gefährlicher ist als Saddam Hussein. Also, sollten wir Bush aus dem Weißen Haus bomben?

Es ist mehr als klar, dass Bush entschlossen ist, gegen Irak in den Krieg zu ziehen, ungeachtet der Tatsachen - und ohne Rücksicht auf die internationale öffentliche Meinung. Bei ihrer Werbekampagne um Alliierte sind die Vereinigten Staaten bereit, Tatsachen zu erfinden. Die Scharade mit den Waffeninspektoren ist dabei ein besonders widerwärtiges und beleidigendes Zugeständnis an eine verbogene Form internationaler Etikette. Es ist, als ob man das »Hundetürchen« offen hält für »Verbündete« in letzter Minute. Ein Türchen, durch das vielleicht auch die Vereinten Nationen hindurch kriechen.

Voller Absicht hat der Neue Krieg gegen den Irak begonnen. Was können wir noch tun? Wir können unser Gedächtnis schärfen, wir können aus unserer Geschichte lernen. Wir können weiter an der öffentlichen Meinung arbeiten, bis sie ein Ohren betäubendes Dröhnen wird. Wir können den Krieg gegen den Irak in ein durchsichtiges Goldfischglas für die Maßlosigkeit der US-Regierung verwandeln. Wir können George Bush und Tony Blair - und ihre Verbündeten - bloßstellen als Kindermörder und kleinmütig verzagte Langstreckenbomber. Wir können zivilen Ungehorsam in millionenfacher Weise wiederentdecken.

Wenn George Bush sagt: »Ihr seid entweder mit uns oder ihr seid mit den Terroristen«, können wir ihm bedeuten, dass die Menschen der Welt nicht zwischen einer böswilligen Mickey Mouse und den verrückten Mullahs wählen müssen. Unsere Strategie sollte nicht nur sein, der »Weltherrschaft« zu begegnen, sondern sie zu belagern. Ihr den Sauerstoff zu nehmen. Sie zu beschämen. Mit unserer Kunst, unserer Musik, unserer Literatur, unserer Widerspenstigkeit, unserer Freude, unserem Scharfsinn, unserer reinen Schonungslosigkeit. Und der Fähigkeit, unsere eigenen Geschichten zu erzählen, die sich von denen unterscheiden, denen wir dank Gehirnwäsche glauben sollen

Die Revolution der globalen Allmacht wird in sich zusammenfallen, wenn wir uns weigern, das zu kaufen, was sie verkauft - ihre Ideen, ihre Geschichtsversion, ihre Kriege, ihre Waffen, ihre Vorstellung von Unvermeidlichkeit. Denkt daran: Sie brauchen uns mehr als wir sie. Eine Andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist unterwegs. An einem ruhigen Tag kann ich ihr Atmen hören.

Übersetzung: Martin Lohrmann

(*) Rashtriya Swayamsevak Sangh, eine faschistoide Milizorganisation, die in Indien einen reinen Hindu-Staat durchsetzen will.

(**) bezieht sich auf den Hauptort des indianischen Protestes.

00:00 07.02.2003

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