Wahrheits-Helfer

gestellt Das Internet als Medium des Fälschens und des Widerlegens der Fälschung

Schaut genau hin! - so lautet der implizite Aufruf, den die Blogosphäre an die MSM, die Mainstream-Medien, richtet. Erst am vorvergangenen Samstag entdeckte eine Gruppe von Bloggern, dass ein Bild der Nachrichtenagentur Reuters, das der libanesische Fotograf Adnan Hajj in seiner Heimat, dem Krisengebiet aufgenommen hatte, nachträglich bearbeitet worden war. Die Zeitungen, die in der Folge darüber berichteten, nannten meist keine Namen, sondern sprachen lieber anonymisierend von "Bloggern", die zur Aufklärung beigetragen hätten.

Schauen wir also genauer hin: Vor dem 11. September 2001 kannten vor allem Webdesigner Charles Johnsons Blog Little Green Footballs (LGF). Nach 9/11 aber war nichts mehr wie zuvor, und deshalb ist LGF heute ein dezidiert politisches Blog. Prominent plaziert findet man dort die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Zeitung Jyllands-Posten; an anderer Stelle wirft Johnson den Mainstream-Medien vor, sie würden vor der Wahrheit über den radikalen Islam die Augen verschließen. "Little Green Footballs hält alle Muslime für Terroristen, so lange ihre Unschuld nicht bewiesen ist", zitiert die englische Wikipedia das L.A. Magazin vom Januar dieses Jahres. Tatsächlich bringen Johnson und seine Mitstreiter recht wenig von dem Anstand auf, den sie von anderen lautstark einfordern.

Im eigenen Milieu ermittelt Charles Johnson kaum - Ansichten allerdings, die seinen eigenen widersprechen, haben seinen detektivischen Geist seit jeher inspiriert. So auch vor zwei Jahren, als der in den USA legendäre CBS-Reporter Dan Rather vermeintliche Beweise dafür vorlegte, dass George W. Bush seinen Dienst fürs Vaterland nicht ganz ehrenhaft abgegolten hatte. Gemeinsam mit anderen Bloggern - darunter sachgemäß einige Ex-Militärs - brachte Johnson zahlreiche Argumente dafür vor, dass es sich bei den Dokumenten um plumpe Fälschungen handelte. Johnson war einer derjenigen, die die angebliche Siebziger-Jahre-Schreibmaschinenschrift der Aktennotizen als Microsoft-Word-Type enttarnten. Völlig zu Recht verließ Dan Rather CBS nur wenig später.

Auf "Rathergate" folgte nun der zweite patriotische Akt: "Reutersgate". Die Agentur Reuters hat den Fotografen Hajj mittlerweile entlassen, weil Johnson schlüssig demonstrieren konnte, dass dessen Aufnahme von Bombenbränden in Beirut mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms sichtlich aufgepeppt worden war. Die Rauchwolken wiesen mehrmals dasselbe Muster auf, ein Haus befand sich gleich doppelt auf der Fotografie. Hajj hatte sich offenbar der wunderbar schlichten Copy-and-Paste-Methode bedient, um den Rauch ein wenig schwärzer zu machen als er wirklich war.

Als er wirklich war? Wie schwarz war der Rauch über den zerbombten Häusern denn "in echt"? So schwarz, wie der Wert der einzelnen Pixel des digitalen Bildes aussagt? Oder so schwarz, wie der libanesische Fotograf ihn sah? Gut möglich, dass Hajj den Eindruck hatte, sein Bild wäre etwas blass gegen die Realität und deshalb nachhalf. Wie "authentisch" also ist dieses Bild, wer möchte das beurteilen?

Für Johnson jedenfalls ist Hajjs Tat nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Hisbollah den hinterhältigsten aller Kriege, den Krieg der Bilder führt und die westlichen Medien entweder darauf hereinfallen oder der Hisbollah absichtlich in die Hände spielen. Johnson wittert den totalen Betrug an der Wirklichkeit und dagegen will er angehen. "Du bist der oberste amerikanische Bürger-Soldat und wir begrüßen deine unermüdlichen Anstrengungen, den Feind zu besiegen - die Medien sind der Feind - und Bürger-Soldaten können den Krieg gewinnen", ermuntert ihn einer seiner Fans in den Kommentaren. Die Medien-Paranoia entfaltet sich offenbar gerade im Internet besonders gut. Ein Wunder? Kein Wunder?

Momentan befindet sich Johnson jedenfalls auf der Spur des "Green Helmet Man", einem Mann mit grünem Helm, der auch auf Adnan Hajjs Aufnahmen aus Kana zu sehen ist, tote Kinder vor die Linse haltend - auf eben jenen Bildern also, die mit dazu beitrugen, dass Kana zum Ort eines "Massakers" und also Symbol für die "israelische Aggression" avancierte. Laut Presseagenturen handelt es sich bei dem Mann um einen libanesischen Rettungshelfer, Johnson dagegen hält ihn für einen bedeutenden Regisseur der libanesischen Propagandamaschinerie, die nurmehr unter der Bezeichnung "Hisbollywood" firmiert. Das Medienmagazin Zapp (NDR) sendete vergangene Woche ein Video, das den "Green Helmet Man" zeigt, wie er Gaffer zur Seite schiebt - Blogger sagen: damit die Kamera einen besseren Blick hat; dann beschreibt der Mann mit seinen Fingern einen Kreis - Blogger sagen: damit wolle er den Kameramann zum Weiterdrehen auffordern; dann wird ein Leichnam in den Rettungswagen ein- und wieder ausgeladen - Blogger sagen: überflüssigerweise (woher sie das wissen wollen, sei dahingestellt). Tatsächlich nährt dieser Film den ohnehin bestehenden Verdacht, dass die Realität fürs Fernsehen dramatisiert wird - es wäre nicht das erste Mal. So klar, wie einige behaupten, ist das allerdings nicht. Es ist schon seltsam: Manche Bilder scheinen von Anfang an zu lügen, anderen dagegen traut man blind - als gäbe es keine Inszenierung hinter der Inszenierung und als würden sich "falsche Bilder" gleichsam selbst entlarven.

"Das digitale Bild lässt die Fotografie verschwinden, während es das Fotografische festigt, glorifiziert und verewigt", schreibt Lev Manovich über diesen doppelten Umgang in seinem Aufsatz Die Paradoxien der digitalen Fotografie. Das Fotografische, das ist die erste Gestalt der Fotografie: Lichtstrahlen, die auf ein Material treffen und dieses irreversibel verändern. Jenseits einer Gestelltheit oder der Wahl des Ausschnitts war jedes so gewonnene Bild tatsächlich ein Dokument des So-ist-es-gewesen. Die digitalen Bilder von heute dagegen: selbstreferentiell erzeugte Datenketten, reversibel und umprogrammierbar zu jedem Zeitpunkt. "Computerbilder sind ... die Fälschbarkeit schlechthin", konzedierte Friedrich Kittler. Und Bernd Stiegler schreibt in seiner Theoriegeschichte der Photographie: "Es ist nun gerade die subjektive Eingriffsmöglichkeit in die (objektiven) Daten, die den Zweifel ins Herz der Photographie eingepflanzt hat." Wie damit umgehen, ist die Frage.

Doch der nicht enden wollende Tadel der Blogger an die Mainstream-Medien bringt die tatsächlich notwendige Diskussion um Wert und Aussagekraft des digitalen Bildes garantiert nicht in Gang. Statt mit den Mainstream-Medien in einen Dialog zu treten, wird stur und pathetisch deren Untergang beschworen. Man klinkt sich zwar gerne in die Historie des investigativen Journalismus ein - siehe die Wortwahl "Rathergate" und "Reutersgate" -, Autoren, die sich kritisch über Blogs äußern, werden jedoch meist umgehend als Dilettanten denunziert. Florian Klenk etwa, der in der Zeit den Skandalismus-Faktor von Adnan Hajjs Tat anzweifelte, wurde unter anderem die Befähigung zum Journalisten abgesprochen. Oder anders herum: Als die Süddeutsche Zeitung übers Bloggen schrieb und ebenfalls nicht restlos begeistert war, raunte ein Kommentator auf Medienkritik Online: "Für wen ist es wohl ein schlechtes Zeichen, wenn die SZ jetzt schon zu solchen Parolen greifen muss? Die Lage scheint langsam ernst für die MSM zu werden." Danke der Nachfrage, aber keine Sorge: uns geht´s gut! Und selbst? Schaut genau hin!


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00:00 18.08.2006

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