Walk on the wild side

Crossover Alle Songs von Lou Reed in einem Band

Loud Reed - das ist vor allem Velvet Underground, jene unnachahmliche, wiewohl x-mal erfolglos kopierte Gruppe aus der New Yorker Szene Ende der sechziger Jahre. Jedenfalls ist das die starke Meinung des legendären Sängers, der einmal davon gesprochen hat, dass "von Anfang an ein Prozess der Elimination" über der Truppe geschwebt habe. Wobei der 1942 in Freeport auf Long Island bei New York als Kind jüdischer Eltern geborene Mann in maßloser Eitelkeit und genialischer Selbstverliebtheit nie gesehen haben will, dass er selbst den anderen den Stuhl vor die Türe gesetzt hat: dem musikalischen Tausendsassa und klassisch ausgebildeten John Cale (Jahrgang 1942), dem introvertierten Gitarristen Sterling Morrison (1942-1995) und der begnadet über die längste Zeit hinweg den Takt haltenden Trommlerin Maureen (Moe) Tucker (1944). Hinz gesellte sich dann noch kurzzeitig die deutsche Diseuse Christa Päffgen, genannt Nico (1938-1988), deren berückende Schönheit und gnadenlose Kälte der gesamten Szene in New York rund um Andy Warhol nicht nur die Köpfe verdreht hat.

Velvet Underground - das ist infernalischer Krach und zugleich intensivste Kunst, ein bis dato in der Popmusik noch nie gehörter Minimalismus in extremster Überlänge - wodurch sich schon deshalb verbietet, einfach nur über Songs zu reden, wenn man etwa an Stücke wie Sister Ray mit nie endenden Improvisationen denkt - und der frühe Versuch des "crossover". Klar, dass das für die Zeitgenossen bizarr und schrill geklungen hat, dass diese Art von Musik von den wenigsten tatsächlich begriffen worden ist, sich dann aber kontinuierlich seit den siebziger Jahren in den unterschiedlichsten Richtungen und Stilen vom Punk und Post-Punk bis zur Neuromantik flächendeckend durchgesetzt hat. Und - wer einmal süchtig geworden ist, für den sind Leiber-Stoller, Whitfield-Strong, Lennon-McCartney oder auch Jagger-Richards nurmehr schwache musikalische Drogen.

Während insbesondere John Cale für den unverwechselbaren Sound von Velvet Underground - kurz VU - verantwortlich gewesen ist, hat Lou Reed die Lyrics beigesteuert - Texte, die jetzt in einem zweisprachigen Band neben Reeds späteren Soloprojekten und einzelnen, für andere geschriebenen beziehungsweise zu anderen Gelegenheiten entstandenen Songs komplett zum Abdruck kommen. Bereits das amerikanische Original von 2000 ist schnell zum begehrten Sammlerstück aufgestiegen, und auch die deutsche Veröffentlichung - wiewohl auf schlechterem Papier - hat die typographische Gestaltung des Originals beibehalten. Lou Reed hatte nämlich seinerzeit jedem einzelnen Album eine eigene graphisch-typographische Auszeichnung zukommen lassen und dadurch für besondere Aufmerksamkeit gesorgt. Das deutsche Buch druckt im ersten Teil das amerikanische Original nach und fügt dann die deutsche Übersetzung im zweiten Teil hinzu.

Herausgekommen ist ein wunderschön gestaltetes Buch, das den Leser dazu verführt - Schallplatten und CD-Spieler auf die entsprechende Lautstärke eingestellt -, nacheinander und zum wiederholten Male alle lichten Höhen und abgrundtiefen dunklen Schächte New Yorks zu durchqueren. Von den Dragqueens über die Kokser und Dealer in den Hinterzimmern führt der "walk on the wild side" bis zum "street hassle"; die gleißenden Lichter der Metropole erstarren immer wieder im Dreck und anderen menschlichen Ausscheidungen. Mal liefert Reed schlichteste Zustandsbeschreibungen, um dann hin und wieder grundsätzliche politische Statements hinterherzuschicken. Doch vor allem um eins sich selbst, seinen Zuhörern (und Lesern) klar zu machen: "life was saved by rock ´n´ roll".

Lou Reed sagt im kurzen Vorwort zu seinem Band, dass seine Liedtexte "mehr als nur Reportage" seien, ja, "dass sie emotional, allerdings nie moralisch, Stellung beziehen." Seine Gestalten, so fügt er dann noch hinzu, seien "immer unterwegs zu etwas, es gibt Konflikte und sie versuchen damit fertig zu werden." Oder aber auch nicht - oh sweet nothing ...

Lou Reed: Pass thru fire. Alle Songs. Aus dem Englischen von Manfred Allé. Fischer, Frankfurt am Main 2006, 800 S., 27,90 EUR


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00:00 03.11.2006

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