Walter

Kehrseite II Vor zwei Wochen hat Walter begonnen, morgens Kaffee zu trinken statt Tee, und seither bekommt er keine Post. Morgens aufzustehen fällt ihm schwer. ...

Vor zwei Wochen hat Walter begonnen, morgens Kaffee zu trinken statt Tee, und seither bekommt er keine Post. Morgens aufzustehen fällt ihm schwer. Aber sobald er es geschafft hat, nimmt er eine Postkarte aus Italien von der Kommode. Mit Palmen und einer Promenade am Lago Maggiore. Einmal, zweimal, mehrmals täglich. Und dabei wird ihm immer ein wenig anders.

Heute ist der Postbote noch nicht dagewesen. Die ganze Nacht über hat es geregnet, und das tut es auch noch am Morgen. Bei dem Regen, da wird der Postbote irgendwo unterstehen, er wäre doch sonst längst hier. Es gibt Zusammenhänge, die sich Walter gut erklären kann.

Die Beine schmerzen, aber das Kopfweh scheint dieses Mal nicht näherzukommen. Tagsüber Schlaf zu finden, das klappt, aber nachts, vor allem wenn es regnet, und dann dieses Quietschen - unmöglich. Der Arzt sagt, das dauere einfach seine Zeit. Und er sagt noch allerhand andere Sachen, die Walter einfach nicht verstehen will. Er schüttelt stattdessen bloß sekundenlang den Kopf.

In der dritten Woche gibt es morgens immer noch keine Post. Keine Briefe, keine Prospekte, nichts. Walter sitzt einfach da. Leere. Er wartet und wartet, und dann nimmt er den Hörer ab und wählt. Er wolle nur fragen, ob die Rechung schon raus sei, käme ihm komisch vor, dass die noch nicht eingetroffen - ach so, das Quartal. Er legt auf. Es ist kurz vor 16 Uhr.

Normalerweise würde er um diese Uhrzeit seine Jacke vom Haken nehmen und nach Hause gehen. Aber er ist bereits daheim. Wochenlang schon. Ohne sich zuhause zu fühlen. Und immer, wenn es besonders schlimm ist, geht er zur Kommode und greift nach der Postkarte, deren Text er längst auswendig kennt. Er wendet die Karte und betrachtet das Bild. Ein paar Momente verfängt sich sein Blick im Grün der Palmen, ehe er mit dem Finger spazieren geht am Ufer des Lago Maggiore. Wenn man wochenlang daheim ist, ohne sich zuhause zu fühlen, dann ist es normal, mit dem Finger in Italien spazieren zu gehen. Da ist sich Walter sicher. Evelina würde das auch so sehen. Ganz bestimmt.

Tagsüber keine Post, nachts keine Antworten. Bloß dieser Regen, der aus der Vergangenheit kommt. Aus vierwöchiger Entfernung. Der herunterprasselt auf Blech und Asphalt, während Walter verloren auf der großen Matratze liegt und nichts entgegen zu setzen hat. Auch keine Postkarten zum Schutz.

Nach fünf Wochen tut sich etwas. Nicht viel, aber immerhin. Im Briefkasten die Arztrechnung. Mit schönen Grüßen. Der Arzt persönlich hat unterschrieben, mit einem Riesenschnörkel. Aber nachts die Bremsen, kein bisschen leiser.

Es gibt Zusammenhänge, für die Walter eine Erklärung sucht, doch einfach nichts zu finden scheint. Vor fünf Wochen hat er aufgehört, an ein Wunder zu glauben, aber begonnen, Kaffee statt Tee zu trinken. Und seither. Unstillbare Sehnsucht nach Italien.

Jochen Weeber, geboren 1971 in Vaihingen/Enz, lebt in Reutlingen, im November erschien sein neuer Erzählband Apothekenbäume.


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