Wandel durch Annäherung

Korea Während der Olympischen Winterspiele gingen Nord und Süd auf die Suche nach neuen Freundbildern
Wandel durch Annäherung
Viel beachtet: Kim Yo-Jong (2. von links), Kim Jong-Uns Schwester, und Südkoreas Präsident Moon Jae-In (3. von links)

Foto: South Korean Presidential Blue House/Getty Images

Lange hatte es den Anschein, als ob die Spiele von Pyeongchang wegen der prekären Sicherheitslage auf der koreanischen Halbinsel gefährdet seien, wenngleich mit Moon Jae-In seit Mitte 2017 ein gesitteter Zivilist in Seouls Blauem Haus residiert. Es gab immerhin Drohungen von US-Präsident Trump, dem Regime in Pjöngjang, speziell dem „Raketenmann“ Kim Jong-Un, mit „Feuer und Zorn“ den Garaus zu machen. Ungeachtet dessen hielt der Norden an seinem Nuklearprogramm fest und ließ Anfang Dezember auch Langstreckenraketen testen, um zu signalisieren, dass man als Atommacht über eine „effektive Selbstverteidigung“ verfüge. Nur dadurch sei garantiert, sich gegen den von Washington angestrebten „regime change“ à la Irak 2003 und Libyen 2011 zu schützen.

Aller schrillen Rhetorik zum Trotz gab es mit dem Jahreswechsel plötzlich Zeichen der Entspannung, die nach 1972, 1991 und 2000 auf den vierten Versuch zur Annäherung zwischen Nord und Süd deuteten. Möglich wurde das nicht zuletzt durch den nordkoreanischen Staatschef Kim Jong-Un, der – in hellem Anzug mit passender Krawatte – bei seiner Neujahrsansprache die Tür zum Dialog unerwartet aufstieß, als er verkündete, mit eigenen Sportlern an den Spielen teilzunehmen und als Goodwill-Geste Künstler wie eine politisch hochrangige Delegation in den Süden zu schicken.

Wozu es tatsächlich kam: 500 Sportler, Cheerleader, Musiker und Beobachter reisten an, darunter erstmals ein Familienmitglied der Kim-Dynastie. Als Kim Yo-Jong, eine Schwester von Kim Jong-Un, zusammen mit Gastgeber Moon Jae-In bei der Eröffnungsfeier auf der Ehrentribüne saß, wurde sie weit mehr beachtet als der in ihrer Nähe platzierte US-Vizepräsident Pence. Begleitet wurde Frau Kim von Nordkoreas nominellem Staatsoberhaupt Kim Yong-Nam, der dem Großvater ihres Bruders, Staatsgründer Kim Il-Sung, viele Jahre treu gedient hat, zwischen 1983 bis 1998 Außenminister war und derzeit mit der Obersten Volksversammlung (OVV) dem Parlament Nordkoreas vorsteht.

Kim lobte das herzliche Klima

Nach der Rückkehr der beiden Spitzenpolitiker zeigte sich Kim Jong-Un hocherfreut über deren Aufenthalt im Süden. Laut amtlicher Nachrichtenagentur KCNA lobte er ausdrücklich das „warmherzige Klima der Versöhnung und des Dialogs“, das man erhalten müsse. Schließlich war durch seine Schwester eine Einladung zu einem Pjöngjang-Besuch an Südkoreas Präsidenten übergeben worden. Für Moon Jae-In verheißt die Dialogpolitik mehr Spielraum gegenüber den USA. Noch während der Spiele betraute er seinen 51-jährigen Stabschef Im Jong-Seok damit, sich um den innerkoreanischen Dialog zu kümmern. Man müsse „das Momentum“ wahren. Ausgerechnet Im Jong-Seok dafür zu nominieren, birgt eine gewisse Brisanz. Der war in den 1980er Jahren ein exponierter Studentenführer, den Südkoreas Behörden als „pro-nordkoreanisch“ einstuften. Und der wegen seiner Auffassungen eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen musste.

Sorgen die Winterspiele für mehr als vorübergehende Deeskalation? Fraglos gibt es die Tradition einer Entspannungspolitik, die leider in der Vergangenheit über vielversprechende Ansätze nicht hinauskam. Es lohnt ein kurzer Rückblick auf die Jahrtausendwende, um zu zeigen, wie man schon damals auf der koreanischen Halbinsel hätte Konflikte lösen können, mit denen man heute noch immer konfrontiert ist. William J. Perry, von 1994 bis 1997 US-Verteidigungsminister, war als Sonderemissär von Präsident Clinton mit einer Ostasien-Shuttle-Diplomatie betraut und sollte Richtlinien für die künftige Nordkorea-Politik der USA entwerfen. In seinem am 12. Oktober 1999 veröffentlichten Report gelangte Perry zu der Ansicht: Entgegen früheren Annahmen sei nicht davon auszugehen, dass Nordkorea kurz- bis mittelfristig der Zusammenbruch drohe. Deshalb plädiere er dafür, die „Sonnenschein“-Politik des damaligen Süd-Präsidenten Kim Dae-Jung zu billigen.

Pence als Olympionike

Nordkorea verzichtete seinerzeit auf weitere Raketentests, woraufhin Washington Wirtschaftssanktionen lockerte und aufgestockte Hilfslieferungen an die Volksrepublik versprach. Die „Sonnenscheinpolitik“ kulminierte, als Kim Dae-Jung (im Amt 1998 bis 2003) im Juni 2000 zum ersten innerkoreanischen Gipfel seit der Gründung beider Länder im Jahr 1948 nach Pjöngjang flog, um dort Kim Jong-Il, den Vater Kim Jong-Uns, zu treffen. Beide Staatschefs unterzeichneten eine historische „Nord-Süd-Erklärung“, wodurch Familienzusammenführungen, Wirtschaftskontakte, ständige Meetings der Verteidigungsminister und eine gemeinsame Teilnahme an den damals anstehenden Olympischen Sommerspielen in Sydney vereinbart wurden. Es war eine Konsequenz dieses Durchbruchs, dass am Morgen des 11. Oktober 2000 im Weißen Haus ein sichtlich gut gelaunter Bill Clinton per Handschlag Vizemarschall Jo Myong-Rok, damals die Nr. 2 im Norden, als Gast willkommen hieß. Kurz darauf verhandelte Außenministerin Madeleine Albright in Pjöngjang, niemals zuvor war Derartiges zustande gekommen – ein Clinton-Besuch in Pjöngjang schien möglich.

Als im Januar 2001 dessen Nachfolger George W. Bush ins Amt kam, war es mit der Entspannung schnell vorbei. Zwar hatte der neue Außenminister Colin Powell zunächst versichert, man werde die „vielversprechenden Elemente“ von Clintons Nordkorea-Politik weiterführen, dann aber verortete Bush die Volksrepublik neben Irak und Iran auf einer ominösen „Achse des Bösen“, die es zu zertrümmern gelte. Sofort war verspielt, was sich abgezeichnet hatte. Auch nach Pyeongchang sind Rückschläge wahrscheinlicher als Fortschritte. Noch vor der Eröffnung der Spiele hatte Pence am 7. Februar in Tokio erklärt, dass seine Regierung demnächst „die härteste und aggressivste Runde der Sanktionen“ einläuten werde, um anzufügen: Er werde es Nordkorea nicht erlauben, die olympische Botschaft zu kapern.

06:00 14.03.2018

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