Wann guckt das Schwein?

Sportplatz Kolumne

Ein Jahr noch bis zur Fußball WM - höchste Zeit also, dass Volk und Fans in Stimmung kommen. Und Stimmung wird gemacht, in sehr unterschiedlichem Maße allerdings. Während der "Confederations Cup" hierzulande zur "Mini-WM" hochgejubelt und -geworben wurde, kickten fast zeitgleich und nahezu unbeachtet die Frauen bei der EM in England. Die deutschen Weltmeisterinnen und Titelverteidigerinnen schossen sich, von den Öffentlich-Rechtlichen ignoriert, ins Endspiel, holten souverän den Titel und ernteten dafür leisen Beifall. Die eher bemühte als begeisternde männliche Auswahl sah sich auf allen Kanälen kommentiert, analysiert und zur "Mannschaft der Herzen" gekürt.

Auch auf der Insel stieß die Frauenfußball-EM auf geringes Interesse, regennasser englischer Rasen und nahezu leere Ränge gaben die trostlose Kulisse. Von der Tristesse betroffen, sann der UEFA-Präsident Lennart Johansson auf Abhilfe und teilte seine Lösung sogleich der BBC mit. Eine Veränderung des "dresscode" soll helfen, denn "attraktivere Kleidung" für die Spielerinnen könnte die Sache für Zuschauer ansehnlicher machen und natürlich auch Sponsoren locken. Der Gedanke ist nicht neu, vor einem Jahr schon forderte FIFA-Präsident Joseph Blatter knappere Hosen und Trikots für die Frauen. Die älteren Herren träumen, so scheint´s, von Beachvolleyball-Verhältnissen: In dieser Sportart sind die wenigen Zentimeter der Bikinis exakt vorgeschrieben. Nun soll es auch auf dem Rasen kürzer, knackiger und "sexyer" zugehen. Warum auch nicht. Die Bemerkung, dann würden wieder einmal Frauen auf Beine und Busen reduziert, weil ihre eigentlichen, in diesem Fall fußballerischen Fähigkeiten niemanden interessieren - ist heutzutage sinnlos. Nicht etwa, weil sie falsch wäre, sondern vielmehr überholt und verdächtig nach letztem Jahrhundert und Feminismus klingt. Stattdessen ist abgeklärt festzustellen:"sex sells", und gerade im Sport geht es um junge, schöne, scharfe Körper.

Sei dem wie es sei, ein Einwand ist jedoch nicht abzuweisen, und der betrifft - genuin sportlich - die Fairness. Sind es doch dieselben älteren Herren, die den Zuschauern beiderlei Geschlechts den Blick auf den männlichen Körper verwehren. Denn eine der Änderungen des FIFA-Reglements vom Februar 2004 schreibt in Regel Nr. 12 vor, dass ein Spieler, "der nach einem Torerfolg sein Trikot auszieht, wegen unsportlichen Verhaltens verwarnt wird". Seit Juli letzten Jahres ziehen die Schiris die gelbe Karte, wenn ein glücklicher Schütze "unsportlich" seinen Bauch entblößt. Die neue Regel, die erhebliche Fanproteste auslöste, wurde mit nicht näher erläuterten "ästhetischen Gesichtspunkten" begründet und mit dem Hinweis, die Geste werde in "bestimmten Ländern" als Provokation empfunden. Die Vorschrift zeigt außer bedauernswertem Mangel an Humor und Spielbegeisterung im FIFA-Board auch eine seltsame Logik: Ein nackter männlicher Oberkörper darf nicht beguckt werden, weil irgendwer irgendwo eventuell provoziert würde, wohingegen mehr weibliche Nacktheit dafür sorgen soll, dass überhaupt ein Schwein guckt? Wer beim "Confederations Cup" die neue Abseitsregelung genießen durfte, wundert sich über gar nichts mehr. Und doch bleibt die Angelegenheit rätselhaft, zumal die FIFA ebenfalls im letzten Jahr noch eine weitere Attacke gegen "sexy bodies" ritt. Die Kameruner Löwen, die im Afrika-Cup in eng anliegender, einteiliger Gewandung aufliefen, büßten ihre Extravaganz mit einer Geldstrafe und Punktabzug bei der WM-Qualifikation. Eine eher peinliche Überreaktion - der Punktabzug wurde denn auch ohne Aufsehen zurückgenommen. Puma - Ausstatter der Nationalmannschaft Kameruns - zahlte das Bußgeld und verklagte die FIFA auf Schadenersatz, weil der Verdacht nahe lag, dass bei der Bestrafung des ausgefallenen Outfits weniger Regelwerk und Sittlichkeit, als vielmehr der Konkurrent Adidas im Spiel war.

Fair ist es jedenfalls nicht, dass uns Zuschauer/innen die Sicht auf größere Teile Podolski und Kuranyi versperrt ist, während Prinz und Hingst mehr zeigen dürften. Den Ausweg aus dem Dilemma der Fußball-Bosse könnte ein italienisches Modell bieten: Francesco Totti - Lama hin oder her - weiß seine Attraktivität ganz regelkonform zur Förderung der Einschaltquoten einzusetzen. So weckte der Kapitän des AS Rom nach einem sehr dürftigen Spiel die weggedämmerten Fans auf, indem er sich rasch des vorschriftsmäßigen Trikots entledigte und in einem sonnengelben, hautengen Body durchs Stadion schlenderte. Fußball kann doch so schön sein.


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00:00 01.07.2005

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