Wann platzt die China-Blase?

Pappkameraden verhauen Antwort auf Joachim Jahnkes Replik "Den Export-Weltmeister gelb anstreichen" im Freitag 43/06

In seiner Replik auf die China-Texte von Wolfgang Müller (Freitag 40 und 42/06) hatte der Ökonom Joachim Jahnke dem Autor vorgeworfen, vom Saulus zum Paulus geworden zu sein. Noch vor einem Jahr habe er vor einem globalen Job- und Kapitalexport in Schwellenländer wie China gewarnt - nun verwahre er sich gegen ein verbreitetes "China-Bashing" und kritisiere das Gerede über einen "Angriff aus Fernost". Die Artikel - so Jahnke - hätten gezeigt, "wie sich Gewerkschafter anpassen können, wenn sie im Aufsichtsrat eines Unternehmens wie Siemens sitzen". Müller behandle "sinkende Reallöhne hierzulande wie jeder lohndrückende Unternehmer als positiven Wettbewerbsfaktor". Jahnke lehnte zudem Müllers These ab, chinesische Unternehmen seien - allein schon dank des Lohndumpings - vorzugsweise nur Teilproduzenten internationaler Konzerne. Vielmehr seien sie seit Jahren verstärkt darum bemüht, eigene Technologien aufzubauen.

Es ist schwer, gegen Pappkameraden zu argumentieren. So geht es mir mit der Replik zu meinen China-Texten, denn Joachim Jahnke baut in seiner Erwiderung Pappkameraden auf, um dann kräftig drauf zu hauen. Dieser Stil dient nicht der Debatte um die hoffentlich gemeinsame Sache.

Zunächst zu den Pappkameraden: Beim Thema Verlagerungen (Offshoring) bin ich nach wie vor der Meinung, dass der von mir im Freitag 47/05 prognostizierte "Big Bang" - die große Verlagerungswelle - erst noch bevorsteht, vorrangig bei den Dienstleistungen und beschleunigt durch die nächste Krise. Ich bin allerdings für genaue Analysen - diffuse Ängste und Panik sind schlechte Voraussetzungen für betriebliche und gewerkschaftliche Strategien gegen Verlagerungen*. Zum Thema sinkende deutsche Reallöhne kann ich nur anmerken, mit Blick auf die rabiate Lohndrückerei als einer Voraussetzung für Wettbewerbsvorteile deutscher Unternehmen stets herausgearbeitet zu haben, dass dadurch die Billigkonkurrenz aus China andere Industrieländer auf den Weltmärkten stärker getroffen hat. Das belegen viele Studien. Daraus zu schließen, wie das Jahnke tut, dass ich Lohnabbau gutheiße, ist absurd.

Schließlich zum Thema Siemens-Aufsichtsrat: Dort sitze ich seit der Hauptversammlung im Januar 2003. Mit meiner Meinung zur Konzernpolitik - seien es die Verlagerungskonzepte, das komplette Managementversagen in der Kommunikationstechnik oder das Desaster bei der Handy-Sparte - habe ich mich niemals zurückgehalten. Die Herren Pierer und Kleinfeld oder notfalls Google-Recherchen können das bestätigen. Im Übrigen habe ich mehrere Jahre in China gelebt und das Land seither immer wieder besucht, nicht auf Siemens-Kosten, sondern privat oder als Gewerkschafter.

Zum Kern des Streits mit Jahnke: Ich plädiere für eine differenzierte Betrachtung der neuen Rolle Chinas in der Weltökonomie. Gegen die vorherrschende eurozentrische Sichtweise, die eine "Gelbe Gefahr" und den "Angriff aus Fernost" heraufbeschwört, habe ich versucht, einige Argumente zu liefern, um die vorgebliche wirtschaftliche Stärke Chinas zu relativieren und auf massive innere Probleme hinzuweisen.

Die entscheidende Frage lautet: Findet dort eine nachhaltige Industrialisierung und Modernisierung - unter kapitalistischen Vorzeichen - statt? Handelt es sich sozusagen um ein sozialdemokratisches Modell, wie vor einiger Zeit im Freitag zu lesen war? Oder ist Chinas Wirtschaftssystem ein neuer Frühkapitalismus in seiner schlimmsten Form? Geprägt durch spekulativen Raubbau an den Produktionsfaktoren Mensch und Natur - befördert durch Kapitalflüsse, die vorzugsweise weltweiten Liquiditätsüberschüssen zu verdanken sind? Eine erschöpfende Antwort darauf steht aus. Die offizielle Politik der KP Chinas tendiert sicher in die erste Richtung - besonders in den vergangenen Jahren. Die Armut auf dem Lande und das krasse Entwicklungsgefälle zwischen Stadt und Land, zwischen den in den Weltmarkt integrierten Küstenprovinzen und den zurückgebliebenen Gebieten in Südwest-, West- und Nordostchina, die Kluft zwischen einer wohlhabenden Mittelschicht und 150 bis 200 Millionen deklassierten Wanderarbeitern - das sind zentrale Herausforderungen. Nicht zufällig hat die KP Chinas angesichts eskalierender sozialer Konflikte eine "harmonische Gesellschaft" zum Staatsziel erklärt.

Andererseits sind regionale Parteigrößen mehr der neuen Bourgeoisie und den Investoren aus Hongkong und Taiwan oder aus den USA und Deutschland verbunden und betrachten die Marktgesetze als den Regulator sozialer Verhältnisse - nicht etwa Mindestlöhne, Arbeits- oder Umweltschutz. Alles ist käuflich, die menschliche Arbeitskraft kaum etwas wert, ein sozialer Korrekturmechanismus nicht etabliert. Als Entwicklungsmodell kann das nicht dauerhaft funktionieren.

Daher wird seit Jahren darüber debattiert, ob und wann die China-Blase platzt, angeregt nicht zuletzt durch Gordon Changs Buch The Coming Collapse of China (New York 2002). Die pessimistische Fraktion der China-Beobachter wird dabei nicht müde, auf das marode Finanzsystem zu verweisen, für das die Banken (die meisten bislang staatlich) und deren faule Kredite verantwortlich seien. Denn ein Großteil des industriellen Wachstums oder des Erwerbs von Immobilien ist auf Pump finanziert - durch Kredite, für die oft nicht einmal Zinsen gezahlt werden. Als jüngst die chinesische Großbank ICBC an die Börse ging, sprach das Handelsblatt von offiziell 110 Milliarden Dollar ungesicherten Krediten. Und doch ist das Kreditvolumen in China von Januar bis September 2006 noch einmal um 15 Prozent gewachsen. Aber an diesem großen Rad wird nur solange zu drehen sein, wie die internationalen Finanzmärkte in Liquidität ertrinken.

Wer von einem "Angriff aus Fernost" und über die unerträglichen Arbeitsbedingungen etwa in den Elektronik-, Schuh- und Textil-Sweatshops im Perlflussdelta redet, sollte über deren Auftraggeber nicht schweigen: die Markenartikler und Handelsketten aus Nordamerika, Japan und Westeuropa. Der Zynismus besteht darin, dass die gleichen Einkäufer von Apple, Metro, WalMart, Karstadt und so weiter, die Jahr für Jahr niedrigere Preise zahlen, gleichzeitig keinerlei Skrupel kennen, soziale Mindeststandards vorzuschreiben - den Preis dafür zahlen regelmäßig die Wanderarbeiter. Ich war vor einem Jahr in Südchina Zeuge, als diese Verlogenheit auf einer Konferenz über Sozialstandards durch einen einheimischen Schuhhersteller beklagt wurde, der das sich stets als "nachhaltig" präsentierende Label Timberland belieferte.

Und damit zur Rolle der internationalen Konzerne. Kein fortschrittlicher Mensch kann ernsthaft dagegen sein, dass China - wie jedes andere Schwellenland - Interesse an neuen Technologien hat, den Status der verlängerten Werkbank internationaler Konzerne überwinden und eine nachhaltige Industrialisierung in Gang setzen möchte. Die Frage ist nur: Inwieweit kann sich Chinas Ökonomie überhaupt noch selbst steuern? Trotz "Transrapid-Technologieklau", trotz aller Bemühungen, eigene chinesische Konzerne aufzubauen? Fallen die wesentlichen Entscheidungen über die Weltmarkt integrierten Küstenprovinzen nicht längst in den Konzernzentralen in New York, London, Tokio oder München? Sind die "Angreifer aus Fernost" nicht vielmehr diese Global Players mit ihren chinesischen Einkaufs-, Produktions- und Entwicklungsabteilungen?

(*) Näheres dazu in einer demnächst vom Münchener ISW herausgegebenen Broschüre.


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00:00 10.11.2006

Ausgabe 42/2021

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