Nick Reimer
10.03.2012 | 07:00

War da was?

Zukunft Der Schock von Fukushima ist vergangen. Überall auf der Welt entstehen neue Atomkraftwerke. Gebremst werden die Planer nur von den steigenden Kosten

Als es zur Abstimmung kam, standen vier Stimmen gegen eine: Zum ersten Mal seit 1978 hat die Nuclear Regulatory Commission, die US-Regulierungsbehörde, im Februar den Bau von zwei neuen Atomreaktoren zugestimmt. Der Energiekonzern Southern Company erhielt die Lizenz, das Atomkraftwerk Vogtle in Georgia zu erweitern. Umgerechnet 10,5 Milliarden Euro sollen investiert werden, die Reaktoren 2016 und 2017 ans Netz gehen.

„Dies ist ein historischer Tag“, jubelte Marv Fertel, Präsident des Nuclear Energy Institute, einem Think-Tank der US-Atomlobby. 29 Jahre nach dem GAU von Harrisburg steht in der energiehungrigsten Nation der Welt eine „Renaissance der Atomkraft“ an – wie der Focus titelte. Der Regulierungsbehörde liegen 20 weitere Anträge auf neue Reaktoren vor, US-Präsident Barack Obama stellte staatliche Kredite für den Bau in Aussicht.

Fukushima? War da was? Rund um den Globus scheint dem GAU zum Trotz die Atomkraft alles andere als ein Auslaufmodell zu sein. Der nächste Reaktor dürfte in wenigen Wochen im südindischen Kudankulam in Betrieb gehen, seit 2002 wird hier gebaut. Ebenfalls noch in diesem Jahr soll ein weiterer Reaktor an das indische Netz geschaltet werden, und das wird in den nächsten Jahren so weiter gehen. Der Energiehunger des Subkontinentes ist riesig, insgesamt zwölf Reaktoren hat die Nuclear Power Corporation of India bis 2020 in Russland geordert.

Ähnlich energiehungrig ist Brasilien. Luiz Inácio Lula da Silva, der frühere Präsident, hatte eine atomare Versorgungsstrategie festgezurrt, die vier neue Reaktoren bis 2025 vorsieht, zwei im Nordosten, zwei im Südosten. Angra 3 soll als erster ab 2016 Strom produzieren. Vietnam will 2014 beginnen, sein erstes Atomkraftwerk zu bauen. Und Indonesien setzt auf südkoreanische Technologie, 2016 sollen die Reaktoren Muria 1 und Muria 2 auf Java ans Netz gehen.

Malaysia, auf den Philippinen, in Russland oder Pakistan: Überall gibt es Planspiele, nach denen in den kommenden Jahren neue Atomkraftwerke entstehen. Aber so weit weg braucht man gar nicht zu gehen. Auch in Polen sind zwei Atomkraftwerke mit einer Leistung von jeweils 3.000 Megawatt geplant. Warschau hatte sein Atomprogramm nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl aufgegeben. Um in den Zeiten des Klimaschutzes von der Kohle weg zu kommen – 94 Prozent des polnischen Stromes werden in Kohlekraftwerken produziert – setzt das Land wieder auf Nuklearenergie. Drei Orte an der Ostseeküste sind in der engeren Auswahl: Żarnowiec, Choczewo und Gaski. 2020 soll der erste Reaktor Strom produzieren.

Explodierende Kosten

Stell dir vor, es ist der erste Jahrestag von Fukushima – und alle Welt baut Atomkraftwerke! Überall laufen die Projekte nach demselben Muster. „Der 1971 gebaute Reaktorentyp von Fukushima ist nicht zu vergleichen mit der neuesten Technologie, die bei uns zum Einsatz kommt“, sagt etwa der türkische Energieminister Taner Yildiz. Im Mai 2010 hatte die Türkei ein Abkommen mit dem russischen Staatskonzern Atomstroiexport unterzeichnet, demzufolge 2013 Baubeginn an der Mittelmeerküste in Akkuyu sein soll. „Ich kann garantieren, dass in Brasilien niemals das passiert, was in Tschernobyl passiert ist. Niemals“, erklärte Brasiliens Staatschef Lula gegenüber dem Spiegel. Der Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, schrieb in einem Gastbeitrag für den Berliner Tagesspiegel: „Die modernen Systeme der automatisierten Steuerung minimieren heutzutage die Möglichkeit menschlichen Versagens.“ Er glaube „auch im Rückblick auf die Tragödie von Tschernobyl fest an die Zukunft der Atomenergie“. Mindestens vier neue Blöcke sind im zweitgrößten Land Europas geplant.

Wird die Atomkraft also doch noch weltweit die Energieressource der ersten Wahl. Auf dem Papier auf alle Fälle. Wenn nicht das Geld wäre. Und das sitzt nicht nur wegen der Finanzkrise nicht mehr so locker, wie es sich die Befürworter der Atomenergie wünschen.

Ein Blick zurück. 1997, vor 15 Jahren war die Atomkraft schon einmal „im Vormarsch“. Zumindest hieß es reichlich unbeholfen so in einer Annonce des „Informationskreises Kernenergie“. In den 28 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) arbeiteten damals 357 Atomreaktoren. „13 sind im Bau, vier fest bestellt, 31 Anlagen geplant“, hieß es im Anzeigentext. Und: Die Atomstromproduktion in den OECD-Staaten werde „bis zum Jahr 2010 voraussichtlich weiter um rund 13 Prozent zunehmen“.

Tatsächlich aber waren zum Jahresbeginn 2010 in den OECD-Mitgliedstaaten lediglich 340 Reaktoren am Netz – 17 weniger als noch 1997. Eine peinliche Bilanz, und sie wäre noch schlimmer ausgefallen, hätten nicht osteuropäische Länder wie die Slowakei oder Slowenien durch ihre OECD-Beitritte zusätzliche Reaktoren in die Statistik eingebracht. Als „fest vereinbart“ wurden 2010 nur noch 24 Neureaktoren geführt. Irgendwie scheint der „Vormarsch“ der Atomkraft ins Stocken geraten zu sein.

Wesentliche Gründe dafür lassen sich eindrucksvoll am europäischen Vorzeigeprojekt EPR studieren. Als die Anzeige des „Informationskreises Kernenergie“ vor 15 Jahren erschien, hatten die beiden führenden Atomkonzerne Europas, Siemens und Areva, ihren „European Pressurized Water Reactor“ gerade zur Einsatzreife entwickelt. Der als wesentlich sicherer gepriesene, neue Reaktor sollte im finnischen Olkiluoto gebaut werden. Areva/Siemens verkauften den Finnen das AKW schlüsselfertig für 3 Milliarden Euro, die „kommerzielle Inbetriebnahme“ sollte Mitte 2009 sein.

Es folgte ein gigantisches Debakel. 2008 schlugen die Baukosten bereits mit 4,5 Milliarden Euro zu Buche, ein Jahr später waren es 5,47 Milliarden. An eine Schlüsselübergabe war noch nicht zu denken: Aktuell geht Areva davon aus, den Reaktor vielleicht im Jahr 2014 betriebsfertig zu bekommen. Die Kosten sind mittlerweile explodiert, sie liegen bei 6,6 Milliarden Euro – und das, obwohl herausgekommen ist, dass auf der Baustelle polnische Bauarbeiter für 2 Euro Stundenlohn schuften mussten.

Die Stimmung dreht sich

Areva selbst muss in seinem ersten Geschäftsjahr nach Fukushima einen beispiellosen Gewinneinbruch verkraften: 2,42 Milliarden Euro. Der französische Staatskonzern musste Auftragsstornierungen mit einem Volumen von insgesamt 464 Millionen Euro hinnehmen. Vor Fukushima hatte Areva noch einen Gewinn von 883 Millionen Euro erzielt. Geld verdiente Areva 2011 lediglich in seinem noch jungen Geschäftsfeld „Erneuerbare Energien“. Der Umsatz hatte sich auf 297 Millionen Euro fast verdoppelt. In Olkiluoto versucht der Konzern noch, die Kosten des EPR-Abenteuers auf den finnischen Auftraggeber abzuwälzen – wegen der gestiegenen Sicherheitsanforderungen.

Zu unsicher, zu langwierig, zu kostspielig – nicht der politische Wille setzt der Atomkraft weltweit zu, sondern das gigantische und unüberschaubare Investment. Die Kosten für die 6.000 Megawatt Atomleistung in Polen werden mit 100 Milliarden Zloty veranschlagt – rund 22,2 Milliarden Euro. In den USA wird inzwischen bereits mit 15 Milliarden Euro für die neuen Blöcke von Vogtle gerechnet. Die Entsorgungskosten für den atomaren Müll hat dabei noch niemand auf dem Block.

Teuer wird den Reaktorplanern vielleicht auch noch kommen, dass sich in vielen Ländern die Stimmung deutlich gewandelt hat. In einer Umfrage hat das Marktforschungsinstitut Ipsos im Auftrag von Reuters News Menschen aus 24 Ländern befragt. Ergebnis: Nur in Indien, Polen und den USA gibt es eine knappe Mehrheit für die Energiegewinnung durch Kernspaltung. Am deutlichsten sprechen sich die Deutschen, Italiener, Südkoreaner und Mexikaner gegen die Atomkraft aus. In diesen Länder unterstützt nur jeder fünfte Bürger die Kerntechnik.

Nach Fukushima ist die ganze schöne Statistik des „Informationskreises Kernenergie“ endgültig durcheinander geraten: Zu den 52 zerstörten oder abgeschalteten japanischen AKW kommen acht deutsche und altersbedingt zwei Reaktoren im britischen Oldbury. Macht noch 278 Reaktoren, die in den OECD-Staaten laufen – 79 weniger als 1997. In einem Prognos-Gutachten im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz hieß es bereits 2009: „Wir erwarten bis zum Jahr 2030 keine Renaissance der Kernenergienutzung.“ Was die Gutachter allerdings bereits lange vor Fukushima bilanzierten, ist eine „Zunahme der Ankündigungen von Kernkraftwerken“.

Nick Reimer ist Chefredakteur von klimaretter.info