War es ein sunnitischer Kopf?

Al Qaida und die Anschläge von Bagdad und Kerbala Warum redet die US-Besatzungsmacht soviel von einem Bürgerkrieg?

Vor ein paar Wochen hatten die US-Besatzungsbehörden in Bagdad vor einem drohenden Bürgerkrieg gewarnt. Sie verwiesen auf einen Brief, der angeblich von einem al Qaida-Anführer verfasst wurde und einen sunnitisch-schiitischen Konflikt heraufbeschwor. Normalerweise zurechnungsfähige Journalisten übernahmen dieses Thema enthusiastisch. Bürgerkrieg - obwohl al Qaida zuvor nie Drohungen gegen Schiiten ausgesprochen hatte.

Ich kann an einen solchen Plan von al Qaida ebenso wenig glauben wie an Mutmaßungen, die Amerikaner könnten hinter dem Blutbad vom 2. März in Bagdad und Kerbala stecken - trotz der anklagenden Schreie von irakischen Überlebenden. Aber ich verfolge mit Sorge, dass irakische Gruppierungen im Exil durch ihre Aktionen genau das hervorrufen könnten, was die Amerikaner wollen: Die Angst vor einem Bürgerkrieg derart zu schüren, dass die Politiker im Irak schließlich jeden Plan befolgen, den die Vereinigten Staaten für Mesopotamien vorlegen.

Ich denke an die französische OAS (*) in Algerien, die 1962 die muslimisch-algerische Gemeinschaft in Frankreich mit Bombenattentaten überzog. Und ich erinnere mich gleichermaßen gefährlicher Bestrebungen der damaligen Regierung in Paris, kurz vor Ende des Unabhängigkeitskrieges algerische Muslime gegen algerische Muslime aufzubringen, was einer halben Million Menschen das Leben kostete. Mir haben sich auch die Bombenanschläge in Dublin und Monaghan 1974 eingeprägt, bei denen - was erst nach Jahren offenbar wurde - gewisse Verbindungen zwischen protestantisch "loyalistischen" Paramilitärs und britischen Sicherheitskräften in Nordirland eine Rolle gespielt hatten.

Ohne Zweifel waren die Anschläge von Kerbala und Bagdad koordiniert. Dahinter steckte der gleiche Kopf. Nur, war es ein sunnitischer Kopf? Wenn der Sprecher der US-Besatzungsbehörde so davon überzeugt ist, dass die Verantwortung bei al Qaida liegt, muss er wissen, was er sagt: dass al Qaida eine sunnitische Bewegung ist und die Opfer Schiiten waren.

Nicht, dass ich al Qaida für unfähig halte, ein solches Blutbad anzurichten, nur frage ich mich, warum betonen die Amerikaner ausdrücklich den Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten? Wenn eine verbrecherische sunnitische Bewegung existiert und alles tut, um die Amerikaner aus dem Irak hinauszutreiben - und es existiert tatsächlich eine Widerstandsfront, die mit ausgesprochen grausamen Methoden vorgeht, um das zu erreichen -, warum sollte sie die schiitische Bevölkerung, warum sollte sie 60 Prozent der Iraker gegen sich aufbringen? Das Letzte, was eine solche Formation riskieren könnte, wäre eine Konfrontation mit der Mehrheit des Volkes.

Was also hat es mit den Mutmaßungen über al Qaida auf sich? Die Amerikaner erklären uns: die Selbstmordattentäter waren "Ausländer". Das mag sein. Aber wäre es vielleicht denkbar, etwas zur Identität und den Nationalitäten der Täter zu erfahren? Verteidigungsminister Donald Rumsfeld spricht von Hunderten "ausländischer" Kämpfer, die Saudi-Arabiens höchst "poröse" Grenze überschritten hätten. Die amerikanische Presse hat das pflichtbewusst wiederholt. Und die irakische Polizei verkündet, sie habe die Pässe der Attentäter gefunden - könnte man deren Nummern erfahren?

Wir erleben eine dunkle und üble Periode der irakischen Geschichte. Aber eine Besatzungsmacht, die nichts mehr fürchten und verwünschen sollte als einen Bürgerkrieg, brüllt laut und ununterbrochen "Bürgerkrieg" in unsere Ohren. Ich höre das mit größter Sorge - besonders, wenn die Bomben diesen Ruf zur Realität werden lassen.

(*)Organisation de l´Armée Secrète, rechtsradikale Geheimorganisation nationalistischer Algerienfranzosen und von französischen Armeeangehörigen 1961 - 1963.

Übersetzung: Jürgen Albers

00:00 12.03.2004

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