Wäre es möglich?

Rote Revue auf dem Flugplatz Der Kampf ums wahre Volkstheater findet in Niedergörsdorf statt

In Berlin wird gerade Rot-Rot diskutiert. Wir fahren zur Premiere von it works von Oliver Bukowski zum Sommertheater in Niedergörsdorf. Altes Lager bei Jüterbog, ehemalige Höhere Fliegertechnische Schule, "ein Standort, der seit dem Abzug der russischen Streitkräfte nach wie vor der zivilen Nutzung harrt", so Ministerpräsident Manfred Stolpe, Schirmherr des Projektes.

Einfahrt in ein Kasernengelände, links der Platz, rundherum Wiesen, Baum und Busch. Die Landschaft des Fläming spielt mit. Gestaffelte Holzbänke, Fressbuden, Kloboxen, Kinder und Hunde und allerlei sehr verschiedene Leute. Volksfestatmosphäre. It works (geht nicht geht nicht), von Oliver Bukowski als Filmdrehbuch verfasst und vom Regisseur des Theater 89 als Stück eingerichtet, handelt von einem westdeutschen Unternehmer, der im Osten auf alte rote Reste und neue rote Keime stößt. Der Held, Hermann Schuster, ist ein sattes Tier, das nicht weiter fressen mag. Das Verschlingen anderer Unternehmen und teurer Tiere ekelt ihn schließlich. Zu viel Eiweiß verklebt das Hirn. Er will aussteigen. Er geht in den Osten in eine abgewickelte Gegend. So eine Gegend ist Niedergörsdorf, Ort ehemaliger Garnisonen und abgewickelter LPGs. Es gibt ein Unternehmen aus dem Westen, das Wohnblocks des Kasernengeländes saniert hat und an Aussiedler aus Kasachstan vermietet. Dramatik am Ort des Geschehens. Die Leute aus der Gegend spielen selber mit, sie spielen ihre eigene Abwicklung. Das Spiel macht ihnen Spaß. Ihre Verwandten und Freunde winken ihnen zu. Das Theater ist Leben, das Leben Theater, geht das? Wir sind gespannt.

Und obwohl die einzelnen Figuren des Stückes wenig Zeit und wenig Sprache haben, um die Charaktere gründlicher auszubilden, kommt Stimmung auf, eine tragikomische, anrührende Stimmung. Chöre aus der Gegend singen. Es zerrt uns vor Rührung am Herzen und zieht uns vor Entsetzen die Schuhe aus. Was für ein gewagtes Spiel mit der Erinnerung und den entwerteten Werten. FDJ-Hemden, bunte Folkloretüchlein, Pionierdisziplin bis zu "Auferstanden aus Ruinen". Neben uns fangen sie im Publikum an mitzusingen. "Und alle" wird gerufen, ausgerechnet bei "Sag mir, wo du stehst!" Den Zuschauer packt der Wiedererkennungs-Schreck.

Im Stück heißt der Ort Klein Mnemnow (klingt wie mneme, griechisch für Erinnerungsvermögen). Seine Menschen sind durch Arbeitslosigkeit heruntergekommen und alkoholisiert. Hermann Schuster verbrüdert sich ein bisschen mit ihnen und versackt ein bisschen mit ihnen, und dann verliebt er sich in eine Frau aus dem Dorf. Sie verkörpert die kommunistischen Ideale, die in ihrer Gestalt voraussetzungslos für wertvoll und unausrottbar erklärt werden. Die Reden dieser Mechthild sind fesselnd, ihre Haltung zur Liebe und zum Leben mutig, ihr Körper begehrenswert. Das müssen wir einfach glauben. Der vermögende Mann kauft ihr das Land ab und die Leute und damit die in Resten vorhandenen Vorstellungen von etwas Verlorenem, das besser war als Saufen und Stütze. Sie bauen einen örtlich begrenzten "wer ausgerutscht ist, darf noch mal" Kommunismus da hin. Im Text taucht der Name Fourier auf, aber ernsthaft ist da nichts mit der Situation der utopischen Sozialisten oder Robert Owens vergleichbar. Der "Aufbau des Kommunismus" wird einfach durch ein rollendes Manöver von modernen Baufahrzeugen auf der Spielfläche ausgedrückt.

100 Darsteller insgesamt machen mit. Profis und Amateure spielen ein possenhaftes Spiel um die noch immer nicht zu Ende diskutierte Frage: "Warum ist es nicht gegangen?" Und jene durch das Märchen vom reichen Sponsor hervorgerufene Frage: "Wäre es möglich, käme es irgendwo wieder?" wird mit der doppelten Verneinung "Geht nicht - geht nicht" trotzig bejaht. Von den karikierten Vertretern der Verwaltung und der Macht aber wird sie verneint mit der Formel "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf".

Das Experiment der Gemeinschaftsarbeit der Unterqualifizierten scheitert am Übereifer beim Bau eines Tanzpalastes, der einfällt, weil die Statik nicht berechnet ist. Am Ende beim Kampf gegen "Regierungstruppen" zielt Schuster mit der MP in die falsche Richtung, auf seine rote Liebe. Typisch? Überall widerlegt alles sich selber tragikomisch, auch dort, wo die Solidarität der Obdachlosen und Raver heranrollt. Sorgenvoll oder selig ernst nehmen kann man während des Spieles nur die Rührung, die einen befällt bei manchem Lied und manchem Bild.

Wenn das Stück dicht am Drehbuch inszeniert ist und wenn die Weite der Spielfläche und die Masse von Material wirken darf, dann ist es ein bisschen wie Kino. Kino ist auch die unsere Gefühle ständig belagernde Filmmusik von Jörg Huke. Zum Kino wird die Entkleidungsszene der zwei verliebten, dicken Helden. Weit, weit vor uns im Grünen sieht man die weißen Beine schlenkern, die Hemden fliegen, der Ton kommt über den Lautsprecher, aus dem Off, hinter dem Zuschauer.

Kabarett und Klamauk bieten die Fernsehmoderatorin (Sonja Hilberger), das Machtgehabe des Kanzlers (Johannes Achtelik) und die zurückgelassene Unternehmergattin mit dem ironischen Überblick (Simone Frost). Es gibt viel Zirkus und Arenaspiel mit alten Traktoren, einem neuem BMW, einer "Jacht", einem Menschen jagenden Panzerwagen, mit über das Gelände kurvenden Go Carts, und mit einem bedrohlich kreisenden Agrarflieger über den Köpfen. Sogar "Stunt" kommt vor. "Stunt: Hans Joachim Frank", so steht es im Programmheft, der Regisseur selber? Einer zündet sich an, rennt brennend über den Bühnenboden.

Das Ende? Zu viel Fete und immer die Flasche, fragwürdige Freunde und Feinde, kopfloser Fanatismus, Manipulierung durch Fernsehen, polizeiliche "Abriegelungen" zerren an dem lokalen Kommunismus herum, bis er kaputt ist - das Experiment, nicht aber die Liebe. Es steigen, laut Legende, die beiden Helden von Baikonur mit einer Rakete auf. Feuerwerk. Applaus. Pfiffe. Rufe. Trampeln.

Gearbeitet wird von der Truppe des Theater 89 und ihren Verbündeten mit allen Mitteln. Es wird um eine Idee von Volkstheater gekämpft für die und mit der Gegend. Viel Erfolg wünschen wir dem Sommertheater und dass der gewagte Höhenflug zwischen einer wiederbelebten Idee und ihrer Persiflage nicht zu Abstürzen führt.

Weitere Aufführungen: 22./23./24./29./30. Juni, 1./6./7./8./ 13./14./15. Juli. Kartenvorbestellungen: (033741) 71 304

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00:00 22.06.2001

Ausgabe 42/2021

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