Waren wir was?

Untergang der Deutschland AG Ein Gespräch mit Constantin Gillies über die Nachwirkungen der New Economy

Als ich ihn zu Beginn frage, wann er seinen letzten Caipirinha getrunken habe, da muss er erst einmal in seinen Milchkaffee prusten. Dann stellt er aber zu seinem eigenen Erstaunen fest, dass er sich nicht mehr erinnern kann. "Ich glaube, das ist zwei Jahre her. Aber tatsächlich wird mir immer wieder gesagt, dass ich das Caipirinha-Trinken so oft erwähne."

So ist das inzwischen mit den Essentials der New Economy. Was noch vor drei Jahren ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens war, etwas, bei dem man unbedingt dabei sein musste, wenn man sich nicht von Existenzangst zerfressen lassen wollte, das ist heute ebenso vergessen wie Freundschaftsbänder, Moonwashed Jeans oder Tamagotchis. Wenn es sich nur um zermatschte Limetten oder Tretroller handeln würde, dann wäre es alles nicht so schlimm. Aber auf derselben Stufe vegetieren inzwischen auch Stichworte wie Aktien, Risikokapital, Existenzgründung und Internet.

Constantin Gillies musste das hautnah erfahren. Nicht nur, dass die Web-Beilage der Welt, die er mit aufgebaut hatte und für die er Aufstieg und Fall der New Economy dokumentierte, von einem auf den anderen Tag einfach verschwunden war, auch seine Bemühungen, Wie wir waren, den Rückblick auf die "wilden Jahre der Web-Generation" auf der Frankfurter Buchmesse Lektoren anzubieten, erzeugten die immergleiche Reaktion: "Bei den Treffen bin ich nur bis zum Wort ›Internet‹ gekommen, da haben die schon gesagt: Hören sie mir damit bloß auf!"

Anlass, um sich an die New Economy zu erinnern, war ein 30. Geburtstag im Freundeskreis, sowieso schon das Symbol für die große Krise. Da saßen sie nun zusammen und fast alle waren arbeitslos. Abgewickelte Dotcom-Beschäftigte. Einer fing dann an zu erzählen: "Wisst ihr noch, damals, vor anderthalb Jahren?" Und dann sprudelte es aus allen heraus. Gillies schnappte sich einen Pappteller (den er immer noch hat) und schrieb die Geschichten mit.

Die von Cybergene etwa, die Kunden ihren persönlichen virtuellen Charakter verkaufen wollten und die 200.000 DM-Präsentationen aufgrund eines Handschlags produzierten, an den sich der Andere dann später nicht mehr erinnern konnte. Oder die von Gratis-Solarium.de, bei denen man sich kostenlos bräunen lassen konnte, wenn einen die Webcam in der Kabine nicht störte. Auch von Snacker wurde erzählt, der Seite, auf der man umständlich seine Pizza beim Bringdienst um die Ecke bestellen konnte, ohne die zeit- und kostengünstigere Variante des Direktkontakts wählen zu müssen. Man wusste von der Sekretärin zu berichten, die den Iko aus Moers notierte, als es um E-Commerce ging, und von Ole von Beust, der an der Haustür fragte, ob er hier richtig beim Internet sei.

Auf dem Pappteller wurde der Platz knapp, so viele Lounge-Party-Exzesse, große Aktienoptionen-Wettläufe, fingierte Business-Pläne, berserkernde Risikogeldgeber, völlig verunsicherte Old-Economy-Chefs, irrlichternde Politiker, die sich in Greencard-Offensiven und Schulen-ans-Netz-Aktionen flüchteten, tummelten sich in diesen Erzählungen. Alles das, was vor nicht einmal drei Jahren wie das neue Gesellschaftsmodell aussah.

Eine volkswirtschaftliche Erklärung der New Economy und ihres Scheiterns, eine tiefenpsychologische Analyse gar, wie sie von manchen gewünscht wird, kann auch Gillies nicht bieten. "Das interessiert mich, ehrlich gesagt, nicht," sagt der studierte Volkswirt. "Eigentlich bin ich Entertainer. Wenn die Leute am Strand liegen und schmunzeln, dann bin ich happy." Also doch nur ein Dotcom-Lifestyle-Guide? Merchandising- und spin-off-fähig?

Ganz so weit will er dann doch nicht gehen. "Ich sehe mich nicht als der Nachlassverwalter der New Economy. Der jetzt immer nur darüber schreiben muss. Der jetzt sein Comedyprogramm aus dem Thema macht und über die Dörfer tingelt." Aber als was sonst? Inmitten all der Anekdoten, Accessoires und Gimmicks scheint dann plötzlich Wehmut durch. Etwas ist mit untergegangen vor einigen Jahren. Die Utopie einer neuen Unternehmenskultur, die es zu retten gälte. Gillies ist nicht der E-Illies, sondern eher der Trainer der U21-Wirtschaftsmannschaft bei der Videoanalyse nach dem Spiel.

Denn obwohl man den Eindruck haben könnte, dass da vor ein paar Jahren alle Regeln ignoriert worden sind und nur blind einem momentanen Trend hintergerannt wurde, sieht Gillies darin eine grundsätzliche Veränderung. "Das war das erste Mal richtige Marktwirtschaft, in Deutschland zumindest. Business is everybody´s business, sagt man in Amerika, aber hier war das vorher undenkbar. Mit der New Economy ist das Konzept Unternehmertum durch Schichten gezogen, die vorher nichts damit zu tun hatten."

Vor allem ist die Deutschland AG in der New Economy untergegangen. Diese Oligarchie der sich gegenseitig deckenden Großunternehmen, die das gesamte Wirtschaftsgeschehen unter sich ausgemacht haben. Statt dessen gab es so etwas wie einen demokratischen Markt, auf dem jeder anbieten durfte, was er wollte. Und dass von den unzähligen Unternehmungen die meisten wieder untergingen, gehört einfach zur Logik des Systems dazu. Das Gleiche passierte, als die Eisenbahn aufkam oder die Filmindustrie begann. Die durch Subventionen und ministerial abgesegnete Kartellbildung erzeugte Langlebigkeit von Unternehmen war eine Fiktion, in der wir viel zu lange gelebt hatten.

Möglich gemacht hat diese Demokratisierung das Internet. Und wenn Gillies davon erzählt, wie das Internet "damals" war und wie es heute verstanden wird, dann lässt sich daran auch der Reifeprozeß der New Economy ablesen. "Das Internet war der Messias, der Heilsbringer, der alles gut macht," erklärt er. "WWW, das wurde mit ›Wunder werden wahr‹ übersetzt. Gehuldigt wurde allerdings nicht der Technik, sondern ihrer Möglichkeiten. Und die schienen unbegrenzt zu sein. Grenzenlosigkeit in allen Bereichen, das war die Botschaft."

Und was ist das Internet heute, frage ich ihn. Ziemlich leise sagt er: "Eine kleine Stellschraube in einer großen Maschinerie." Was nichts über seine Bedeutung sagt, sondern nur über seine Wahrnehmung. Er zitiert einen amerikanischen Manager, der sagt "Internet is given". Es ist selbstverständlich wie Wasser und Strom. Aber so wie es sehr skurril wäre, eine ganze Magazinpalette über Elektrizität herauszuhauen, so wäre es jetzt eben seltsam, über das Internet zu reden.

Das will auch Gillies nicht. Sondern eher ein Bewusstsein dafür schaffen, was denn das Erbe des Dotcom-Goldrausches sein wird. Nämlich eine Gesellschaft, die an die alte Mär vom Schritt-für-Schritt-Hocharbeiten nicht mehr glaubt. Die erkannt hat, dass die Marktwirtschaft von allen dasselbe Engagement verlangt, um nur wenige dann dafür zu belohnen. Wenn Erfolg sowieso ein Lotteriespiel ist, warum dann nicht gleich an die Karrierespitze gehen, alles auf Rot setzen und wenn man verliert, einfach wieder zurückgehen?

Es ist sicherlich kein Zufall, dass zur selben Zeit, als der New Economy Boom waltete, Sendungen wie Wer wird Millionär? oder Popstars aufkamen. Man kommt aus dem Nichts und man geht in das Nichts. Was hat man also zu verlieren? Nichts! Man kann nur gewinnen. Mit dieser Botschaft hat die New Economy allerdings auch eine ungeduldige Gesellschaft erzeugt. Jeder wollte mit seinen hundert T-Aktien am Jahresende zum Millionär werden. Manfred Krug hatte schließlich so etwas angedeutet. Gillies sieht darin den eigentlichen Grund für das Scheitern der New Economy. "Wenn man es mal mit der Autobahn vergleicht, dann hat man uns gesagt: Ihr müsst nicht alle auf dem rechten Streifen fahren. Wenn ihr wollt, dann könnt ihr auch links überholen. Das Dumme war dann nur, dass plötzlich alle links gefahren sind. So gab´s dann den Stau."

Aber wer weiß, vielleicht werden Gillies´ Erzählungen in ein paar Jahren wieder herausgekramt, weil die Versager von heute morgen in den Vorstandsetagen und Aufsichtsräten sitzen und sich ihrer Anfänge vergewissern wollen. Dann lesen sie sich wie die Flakhelfer- oder die Straßenkampf-Literatur der Vorgängergenerationen. Vielleicht gibt es dann die Retro-Welle mit Asahi-Bier, iMacs und Comdirect-Depots. Im Kino läuft die Verfilmung mit Heike Makatsch als Snacker-Gründerin Sima von Hoensbroech, Moritz Bleibtreu als der Heavy-Metal-hörende Business-Plan Frisierer von Cybergene und Till Schweiger in einer Gastrolle als der geheimnisvolle Nemax. Jürgen Teipels Punk-Chronik Verschwende deine Jugend ist schließlich auch so ins Kino gekommen.

Constantin Gillies: Wie wir waren. Die wilden Jahre der Web-Generation." Weinheim: Wiley-VCH, 2003, 279 Seiten, 19,90 EUR

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00:00 24.10.2003

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