Warnschuss ins Knie

Erfahrungsbericht eines DDR-Grenzsoldaten DDR, 1983/84, nahe der Grenze zu Westberlin: Im Grenzregiment 33, in der Kaserne Babelsberg steht eine Kompanie zur Vergatterung bereit. Die ...

DDR, 1983/84, nahe der Grenze zu Westberlin: Im Grenzregiment 33, in der Kaserne Babelsberg steht eine Kompanie zur Vergatterung bereit. Die Postenpaare werden ausgerufen und auf die Postenpunkte von Griebnitzsee bis Teltow befohlen. Der Befehl lautet: Grenzverletzer sind aufzuspüren, festzunehmen, notfalls zu vernichten! Mehrmaliges Anrufen und Warnschuss sind vorgeschrieben. Wir dürfen nicht auf Kinder oder Schwangere, auf Luftziele, sondern flach, nicht gen Westen oder auf von daher kommende Personen schießen, das Leben des Grenzverletzers schonend, möglichst auf die Beine.

So weit, so theoretisch und Gesetz für die gewöhnlichen Grenzer. Wie: Grenzdienst ist Gefechtsdienst! sowie Befehlsausführung vor Diskussion! Vor Ort am Draht erfolgte seitens des Postenführers die Präzisierung des Abschnitts und des Schusssektors. Im Fall einer Handlung wegen eines versuchten Grenzdurchbruchs befahl der Postenführer den Laufweg, ob und wie der Posten zu schießen habe, setzte per Grenznetz-Telefon eine Meldung ab: "Berta Emil, Handlung links", und handelte vom Turm aus oder rannte auf einem anderen Weg zum Ort des Geschehens. Die Abläufe waren im Ausbildungshalbjahr praktisch geübt worden - auch um ein gegenseitiges Erschießen zu vermeiden.

Gesetze, Bestimmungen, Mittel änderten sich, die obersten Gebote blieben. Sie fanden im Polit-Unterricht wie nebenbei Erwähnung, wurden im Zuge der Kompliziertheit von Wetter bis Gelände eingeflochten, an schlechten Beispielen konsequent gezeigt, unter den Genossen Soldaten und Gefreiten diskutiert. Als ärgste Verfehlung galt, dass auf dem Kontrollstreifen Fußspuren auftauchten, also jemand unbemerkt geflohen war. Erste heimliche Überlegung: Nichts wie hinterher und auch weg. Sonst warteten "Schwedter Gardinen", drohte Militärknast, wurde erzählt von Unteroffizieren, im Feldlager. Die Drohung genügte. Gleiches wenn ein beschossener Flüchtling in den Westen fiel. Wurde ein Fluchtwilliger gestellt, lebendig oder tot, regnete es Belobigung bis Sonderurlaub. Der Warnschuss ins Knie! - ein geflügeltes Wort. Von sämtlichen Vorkommnissen im jeweiligen Abschnitt, versuchten oder gelungenen Durchbrüchen, Provokationen und Folgen erfuhren wir vorsorglich für den eigenen Ernstfall. Ein Jahr lang aktiver Grenzdienst hieß, 228 Acht-Stunden-Schichten bei jedem Wetter im nervenzerrüttenden Wechsel von Früh-, Spät-, Nachtdiensten, bedeutete zusätzliche Schikanen, Arbeiten, Feldlager, kurze Wechsel, Wachgänge im Hinterland, Entfaltungen genannt ...

Das rechtschaffen aggressive Klima war ein geschürtes, schon um dem Stumpfsinn abzuhelfen, die Spannung für die etwaige Sekunde zu halten. Das gegenseitige Misstrauen hatte System, das vielgestaltige Zerrissensein der Gemeinen wurde gezielt benutzt, jede neue Lage modernisierte die Methoden des Umgangs. An der Tagesordnung: Rotlicht-Bestrahlung ("Agitation und Propaganda"), Bekanntgabe von Großfahndungen, Streuung von Gerüchten über aktuelle Geschehnisse und Schicksale anderswo an der Grenze, die Allgegenwart der Abteilung 2000 (die regimentseigene Stasi). Im Hinterland schlichen Aufklärer durch das Gesträuch, kontrollierende Stabsoffiziere rasten im Trabant-Kübel ohne Licht den Kolonnenweg entlang. Unter Lebensgefahr, denn das Postenpaar hatte absolute Handlungsmacht im jeweiligen Sektor. Einmal musste ein Major knien und wurde festgenommen, weil die Unterschrift auf seinem Passierschein angeblich unleserlich war. Er hatte vor der Nachtschicht als Offizier vom Dienst die Truppe mehrmals im Kreis marschieren lassen, dass diese schließlich geschlossen das Abendbrot verweigerte. Ein verqueres Beispiel des ständigen Gratwandelns, unzählige ähnliche bereicherten den Alltag, verhärteten und entsicherten zugleich die diensttuenden Grenzgänger.

Und jetzt das: Auf der Mauer auf der Lauer liegt ne kleine Wanze - und erschießt im Zweifelsfall ohne Zweifel eine Mitwanze. Wer hätte das gedacht: Die auf Wacht Stehenden wurden bewacht, wie diese Wachhabenden wiederum wache Blicke im Nacken spüren sollten und so fort? Paradoxe Dialektik wie die oft plakatierte Losung: Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alles für das Volk!

Eine Randnotiz: Wie soll einer erklären, was er nur insgeheim und punktuell für jeden Grenzabschnitt und jede Schicht streng durchdachte: Wie er es vermeidet, die Waffe zu benutzen, geschweige zu treffen - und immer wieder: Fliehen oder nicht, wenn, dann wie? Stoff für mehr als eine Maueroper.

1963 in Dresden geboren, von April 1983 bis April 1984 Grenzsoldat an der Berliner Mauer, am 7.10.1989, dem 40. Jahrestag der DDR, legale Übersiedlung nach Westberlin nach Ausreiseantrag vom Dezember 1988

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00:00 17.08.2007

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