Warten

A–Z Wer warten muss, ist meist arm dran. Timo Reuter hat für den Westend Verlag „Warten. Eine verlernte Kunst“ geschrieben – und für uns das Wochenlexikon
Timo Reuter | Ausgabe 46/2019

A

Alltag Ständig müssen wir warten – auf den Bus oder die Bahn, bei der Ärztin und an der Supermarktkasse. Obgleich dieser Zustand omnipräsent ist, wird er gerne verdrängt und vergessen. Das mag durchaus verwundern, denn das Warten gehört nicht nur zum Alltag dazu, sondern es reicht weit über das Alltägliche hinaus:

Wie wir warten, ist ein Taschenspiegel der Verhältnisse, in denen wir leben. Auf was dürfen wir hoffen? Wann warten wir freiwillig ab? Und von wem werden wir dazu gezwungen? Im Warten offenbaren sich nicht nur unsere Bedürfnisse und Wünsche (Hoffnung), sondern auch die Zwänge, die uns umgeben. Menschen halten andere hin, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren (Macht), Geflüchtete harren zu Hunderten in Zeltlagern aus, andere warten auf den Tod. Nicht immer ist das Warten also alltäglich und damit doch irgendwie harmlos – in jedem Fall aber lohnt es, darüber nachzudenken.

F

Frauen Während der antike Held Odysseus Abenteuer erlebt, wartet seine Gattin Penelope zu Hause auf ihren Liebsten. Die Rollen waren lange klar verteilt – nicht nur in der Literatur: Treue und die Bereitschaft, zu warten, galten als Ausdruck der weiblichen Liebe. Im Ostblock wiederum standen in den endlosen Warteschlangen überwiegend Frauen – und bis heute warten sie auf gleiche Bezahlung und Teilhabe. Die englische Queen Victoria, die 40 Jahre um ihren verstorbenen Mann trauerte, verfügte, dass um Ehemänner zwei bis drei Jahre, um Ehefrauen aber nur drei Monate zu trauern sei. Aber werden Frauen und Kinder zumindest bei Schiffsunglücken nicht zuerst gerettet, während Männer warten müssen, bis sie womöglich ertrinken? Auf der Titanic galt diese Regel – doch sie blieb die Ausnahme. 2012 fanden Forscher heraus, dass schiffbrüchige Männer größere Überlebenschancen haben. Einen Vorteil haben Frauen aber doch: Wegen ihrer höheren Lebenserwartung dürfen sie insgesamt länger auf den Tod warten.

G

Godot Wladimir und Estragon warten auf Godot. Wer das ist, das wissen sie selbst nicht so genau. Und obwohl die beiden Antihelden sogar bezweifeln, dass Godot jemals kommt, warten sie. Samuel Beckett musste lange nach einem Theater suchen, das bereit war, Warten auf Godot aufzuführen. Zu riskant erschien vielen das Stück, das heute weltberühmt ist und mit dem Beckett Theater gegen alle Regeln machte: Der Ire, der 1969 den Nobelpreis für Literatur gewann, ließ das ausfallen, woran sich das Publikum über Jahrhunderte gewöhnt hatte: den Höhepunkt. Godot kommt einfach nicht.

Warum also warten? Bis heute wird vor allem darüber gestritten, wer Godot überhaupt sein soll – ist es nun der Messias oder der Tod, ist es der letzte Strohhalm unserer Hoffnung oder doch ein Trickbetrüger? Vielleicht ist der Skandal der vermeintlich sinnlosen Warterei aber auch nicht das Warten oder dessen Vergeblichkeit, sondern die Tatsache, dass die Zeit vergeht – ob wir wollen oder nicht. Estragon spricht das Unausweichliche aus: „Wieder ein Tag weniger.“ In der Kürze dieser Wahrheit liegt die Kürze des Lebens – und zugleich ein großes Potenzial: dass wir uns überlegen, wie die Zeit vergehen soll. Und ob man sie immer mit Geld verrechnen kann (Kapitalismus).

H

Hoffnung Menschen, die nach einer Flucht auf die Rückkehr in ihre Heimat warten, erfahren das Exil nicht selten als Provisorium – als großen Wartesaal. Manch einer findet eine neue Heimat, anderen bleibt nur die Hoffnung. Sie trägt die Wartenden durch die entbehrungsreiche Zeit, indem sie diese mit positiven Visionen füllt. Auch das religiöse Warten auf Erlösung ist in Hoffnung getränkt. Solch ein Warten kann Passivität bedeuten, gar Unterordnung – oder mit revolutionärem Geist gefüllt sein.

Ernst Bloch jedenfalls war sich sicher: Weil Hoffnung auf etwas Besseres ziele, das „noch nicht“ existiert, liege in ihr eine utopische Kraft. Diese kann sich beim Warten entfalten – zu lange dürfen wir aber nicht abwarten. Why We Can’t Wait, so der Titel eines Buchs von Martin Luther King, dem Mann der großen, hoffnungsvollen Träume – und der Taten.

K

Kapitalismus Die heilige Formel unserer Epoche ist das „Weiter, höher, schneller“. Zeit zum Warten bleibt da kaum. Außer wenn wir sie zum Konsum nutzen. Digitale Shoppingangebote verführen uns wie die Quengelware an der Kasse zum Kauf, während wir doch eigentlich nur warten. Zeit ist eben Geld. Und wer sich dennoch nicht anstellen mag, kann sich freikaufen: Überall lassen sich professionelle Schlangesteher anheuern, die gegen Bezahlung ihre Zeit für einen opfern. Aber auch am VIP-Eingang oder bei der Privatärztin zeigt sich: Geld wartet nicht.

L

Langeweile Man kann nichts mit sich anfangen, aber auch die Ruhe kaum genießen. Warten ist heute meist sinnlose Zeit und Stillstand. Aber liegt darin nicht auch eine Chance? Walter Benjamin hielt die Langeweile für den „Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet“. Nur wer den Leerlauf aushält, für den öffnet sich das Tor zur Muße. Die Frucht des fruchtbaren Einfalls muss nämlich erst reifen. Daraus kann dann Großes entstehen: René Descartes philosophierte am liebsten im Bett, und Isaac Newton saß grübelnd und wartend im Garten, bevor er den Apfel vom Baum fallen sah und die Gravitationslehre entwickelte. Was wohl gewesen wäre, wenn er ein Smartphone dabeigehabt hätte? Im digitalen Zeitalter jedenfalls ist die Langeweile selten geworden.

M

Macht Wer über die eigene Zeit verfügt, hat Macht. Und wer über die Zeit anderer verfügt, hat noch mehr davon. Nicht selten müssen Menschen ausharren, weil andere es wollen. Bereits im alten Ägypten mussten Boten jahrelang an fremden Herrscherhöfen warten. Aber auch Könige wurden Opfer dieser Machtrituale: Angeblich ließ Papst Gregor VII. den König Heinrich IV. an drei kalten Januartagen des Jahres 1077 vor der Burg Canossa ausharren, bis er ihn endlich empfing.

Die Möglichkeit, andere hinzuhalten, entsteht selten im luftleeren Raum, sie ist das Resultat bestehender Hierarchien. Die Chefin kann ihre Angestellten hinhalten – aber können die das umgekehrt auch? Es sind vor allem die Armen, die Machtlosen und Marginalisierten, die unter der Warterei leiden (Frauen). Und sogar der Staat erniedrigt die Menschen, indem er sie unnötig warten lässt: auf dem Arbeitsamt oder bei der Ausländerbehörde. So werden Bürger zu Bittstellern, zu gebückten Gestalten, wie schon Franz Kafka die Wartenden beschrieb.

N

Nichtstun So schwierig es ist, den Leerlauf (Langeweile) auszuhalten, so wenig können wir den ständigen Übersprungshandlungen widerstehen. Wir sind es gewohnt, dass immer was passiert – dem Nichtstun hingegen haftet ein bitterer Geschmack an. Im frühen Christentum war die Trägheit eine Todsünde, aber auch der Kapitalismus verdammt die Faulheit ins Reich der Arbeitslosen. Dabei gehört zum Glück des Menschen nicht nur das aktive, sondern auch das beschauliche Dasein – heute aber ist die „Vita activa“ zum einzig guten Leben geworden.

Was würde also näherliegen, als beim Warten nichts zu tun, um so die Kräfte zugunsten von Kontemplation und Langsamkeit zu verschieben? Schließlich bemerkte schon Cicero, der berühmteste Redner im antiken Rom: „Mir scheint selbst ein freier Bürger nicht wirklich frei zu sein, der nicht irgendwann auch einmal einfach nichts tut.“ Heute wohnt dem Nichtstun eine subversive Kraft inne: Faulsein, das ist provokante Freude an der Ineffizienz, während überall dem effizienten Leben gehuldigt wird.

V

Vorfreude Als der Wirtschaftswissenschaftler George Loewenstein seine Studierenden fragte, wie viel sie wann für den Kuss ihres Lieblingsfilmstars bezahlen würden, war die Antwort klar: Sie bekämen den Kuss lieber erst in einem Jahr als auf der Stelle. Am liebsten würden sie drei Tage darauf warten und wären bereit, dafür rund 70 Prozent mehr zu bezahlen als für den sofortigen Kuss. Nicht nur in der „freudigen Erwartung“ der Schwangerschaft oder in der Adventszeit ist Vorfreude das Glück der Wartenden.

Auf etwas hinzufiebern steigert oft sogar den Wert dessen, worauf wir warten. Der Außenseiter freut sich deshalb mehr über das Gewinnen eines Fußballspiels als der Favorit, weil er es weniger erwarten konnte und länger darauf gewartet hat. Umgekehrt heißt das aber auch: Das Glück wird geschmälert, wenn wir bereits fest mit etwas rechnen – oder wenn es ständig verfügbar ist. In Zeiten von übervollen Regalen, Leasingkauf (Kapitalismus) und Same-Day-Delivery hat es die Vorfreude also nicht leicht. Aber wir können sie zurückerobern: Auf Erdbeeren im Winter verzichten, um das Klima zu schonen – aber auch, um die Vorfreude wachzuhalten? Vielleicht einfach nicht bei Amazon bestellen? Niemand will ewig auf das Glück warten, doch das Verlangen kann eben gesteigert werden, indem wir etwas länger abwarten. Dabei ist Vorfreude harmlos und kraftvoll zugleich, weil sie sich vor allem in unserem Kopf abspielt – und dort sind der Fantasie bekanntlich kaum Grenzen gesetzt.

W

Warteschlange Je länger die Schlange, desto größer der Frust. Ihr wohnt aber auch ein Versprechen inne: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Die Zeit eines jeden soll dort also dasselbe wert sein. Kein Wunder, dass die Briten sich gern als Erfinder der Warteschlange sehen. Der Komiker George Mikes urteilte 1946 über die Menschen im Königreich: „Sie genießen nicht viele Dinge, aber sie lieben es, in der Schlange zu stehen.“

Aber was ist die Gleichheit am Ende überhaupt wert, schließlich wird doch überall gedrängelt? First come, first served – man nennt es auch das Windhundprinzip, weil der schnellste Hund zuerst drankommt, während andere leer ausgehen. Manchmal gewinnen aber auch diejenigen, die es sich leisten können, andere für sich anstehen zu lassen (Kapitalismus). Nicht alle haben also die gleiche Chance, zuerst bedient zu werden. Und manche haben gar keine. Aus gutem Grund wird in der Notaufnahme zuerst behandelt, wer die schlimmste Verletzung hat, und nicht, wer zuerst da war.

Z

Zeit Oft scheint die Uhr beim Warten besonders langsam zu ticken (Langeweile). Was wir dabei zu spüren bekommen, ist nicht nur die Angst, etwas zu verpassen, oder Ohnmacht, weil andere Menschen uns hinhalten (Macht) – es ist auch die Zeitlichkeit unseres Daseins. Meist vermischt sich die Zeit nämlich mit unserem Tun und bleibt daher unsichtbar. Erst wenn der gewohnt schnelle Fluss der Ereignisse stockt, spüren wir die Zeit – als Lebenszeit, die vergeht. Das Wissen um unsere Endlichkeit macht die Warterei also mitunter zu einer existenziellen Erfahrung (Godot). Erscheint es da nicht umso absurder, dass wir das vielleicht Wertvollste, was wir haben, beim Warten totschlagen wollen? Unsere Zeit.

06:00 07.12.2019

Ausgabe 13/2020

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