Warten auf Bilder

MEDIENTAGEBUCH Mit »Straight Shooter« versucht Thomas Bohn, deutsches Action-Kino zu machen

Die Bilder, die uns aus dem Kosovo, aus Makedonien und aus den Ministerien in den letzten Tagen erreichen, gleichen sich auf erschreckende Weise. Die Regisseure und die Fotoredakteure, scheint es, haben sich eingeschossen. Um nur einige Bilder zu nennen: Flüchtlinge, deren Verzweiflung aus der Halbtotalen aufgenommen ist, eine Gruppe von Belgrader Serben, die sich trotzig feiern, abhebende Bomber in Italien, Aufklärungsfotos und Pressekonferenzen im NATO-Hauptquartier, Ostermarschierer mit Kloß im Hals, der Verteidigungsminister, der mit der immer gleichen müden Stimme von vermuteten Greueltaten berichtet, Joschka Fischers ernst dreinblickende Augen und seine Halbbrille und schließlich: Soldatenmütter.

Was fehlt, ist ein für diesen Krieg spezifisches Bild. Von Milosevic gibt es kein typisches Führerbild, den klassischen Gesten und Auftritten der Diktatoren ähnelt seine Erscheinung nicht. Der »Balkan-Hitler« wirkt auf das Auge nicht schlimmer als Kohl oder Jelzin. Keine Leibgarden mit Maschinengewehren, keine öffentlichen Demonstrationen von Macht. Daher müssen für die Medien feiernde Serben das Bild der blöden Masse abgeben, andererseits die Flüchtlinge die Opfer. Für die NATO-Angriffe selbst fehlen ebenfalls die Dokumente, es gibt nur den Aufbruch der Bomber, nicht aber ihren unmittelbaren »Erfolg« zu sehen. Ansonsten gleichen die Aufnahmen den gewohnten: Die Flüchtlinge sind Flüchtlinge, die NATO ist die NATO, und irgendwer tut sehr sehr ernsthaft und besorgt ganz bestimmt das Richtige. Was diesem Krieg allerdings vollständig fehlt, zumindest aus deutscher Sicht, ist das Bild mit Symbolwert oder die schlagende Parole. Und auch der Pazifismus ohne Stahlhelm hat keine verbindlichen Belege für seinen Protest zu bieten.

Der Golfkrieg hatte einerseits den Slogan »Kein Blut für Öl«, kerzenlastige Demos vor evangelischen Kirchen, weiße Laken aus den Fenstern und auf der anderen Seite den ewig lächelnden General Schwarzkopf, der breit und gern die Luftaufnahmen der Aufklärer kommentierte. Sein Gegenspieler Saddam hat sich zugleich als Feindbild tief ins visuelle Gedächtnis eingegraben. Das medientechnisch herausragende Symbol des Krieges war CNN und das neue Fernsehversprechen: 24 Stunden live dabei. Der merkwürdige Somalia-Einsatz hatte als Begleiterscheinung die dubiose Führerfigur Aidid, die befremdlichen Bilder von Zerstörung infolge eines außerordentlich brutalen Vorgehens der US-Truppen und den hilflos im Wüstensand herumstolpernden Heerführer Volker Rühe als Beleg für die »Zahnlosigkeit« der Bundeswehr. Das Bild des Bosnienkonflikts war wesentlich geprägt von den Dokumentarfotos aus einem serbischen Lager, die sich inzwischen als Fälschung erwiesen haben.

All diese, wie und in welchem Sinne nun auch immer aussagekräftigen Bilder fehlen von diesem NATO-Einsatz. Das Privatfernsehen tut sich schwer mit seinen Grafiken und hat nichts anderes als den Tornado mit überdimensioniert deutscher Flagge, um den Willen und die Stärke der Allianz zu illustrieren. Die Boulevardpresse muß sogar auf Bilder des serbischen Fernsehens zurückgreifen, um ihre Behauptungen über »KZs« und Massenmord irgendwie zu illustrieren. Man sieht auf diesen wenig überzeugenden Fotos dann auch immer nur, was sie nicht tun, die Serben, obschon sie es eigentlich sollten: Oppositionsarbeit machen, verzweifelt sein, sich schämen.

Während es bei den Serben zwei Fahnen sind, auf die sich die Masse offfenbar einigen kann, nämlich die eigene und die mit Hakenkreuzen versehene Flagge der USA, haben die NATO-Staaten nichts Vergleichbares. Die NATO-Fahne war höchstens in den Hochzeiten des Kalten Krieges ein mit Emotionen aufgeladenes Symbol, jetzt hat sie eher die Qualität eines Firmenlogos. Lediglich die Vereinigten Staaten haben seit der Festsetzung dreier ihrer Soldaten in Belgrad ein Bild für ihr Engagement: Aufnahmen des serbischen Fernsehens, in denen die Soldaten, zum Teil mit Blutspuren im Gesicht, wie eine Trophäe behandelt werden.

Die deutschen Befürworter des militärischen Vorgehens haben solche Bilder nicht. Hektische Berichte aus den Bundeswehrcamps verschwanden relativ schnell wieder aus den Nachrichten, allzu deutlich herrscht dort der Alltag hinter der Front. Die Bilder aus den Flüchtlingslagern werden zusehends entdramatisiert, auch hier stellt sich Abnutzung ein. Und das vor Ernsthaftigkeit bebende Gesicht des Vizekanzlers hat kaum noch Nachrichtenwert oder die Qualität eines anstelle von Nachrichten handelbaren Symbols. Gleichfalls, wie gesagt, fehlen der Friedensbewegung einende Sätze oder Images - statt politischer Zeichen oder Handlungen (von wenigen Protestveranstaltungen einmal abgesehen) bekommt man höchstens Ströbele oder, seltener, Gysi als Kronzeugen pazifistischen Denkens gezeigt.

Die Bilder fehlen, daher kann da, wo es zu viele Argumente für die eine wie für die andere Seite gibt, auch das Herz nicht entscheiden. Verunsicherung geht um. Deshalb herrscht wohl auch seit Tagen von allen Seiten aus lediglich eine leicht verängstigte Stimmung: Man wartet gespannt auf den Einsatz von Bodentruppen. Das wird die Bilder bringen.

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00:00 16.04.1999

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