Warten auf die Engel

USA Die Amerikaner haben für einen endlosen Krieg eigentlich keinen Magen

Nachts hört man sie gelegentlich, unsere metallenen Schutzengel hoch oben im Himmel. Vor dem 11. September 2001 kreisten die bewaffneten Heerscharen nur über anderen Erdteilen. Das sanfte Dröhnen beruhigt und verunsichert zugleich. Beruhigung, unsinnig vielleicht, aber trotzdem: Dass in Zukunft kein feindliches Flugzeug mehr in ein Hochhaus crashen kann. Unruhe, weil doch ein Signal, dass die Welt seit jenem Septembertag anders geworden ist, wie man so schön und so platt sagt. Und dann kommt der neue Homeland Security-Zar mit Warnungen, dass wir alle in voller Alarmbereitschaft sein müssten, weil Hinweise auf drohende Anschläge vorlägen. Gleichzeitig sollen wir patriotisch sein und einkaufen gehen, um "der Wirtschaft" den Rücken zu stärken. Mein Sohn kriegt den Gameboy Advance zu Weihnachten. Aber den hätte er dank intensiver Lobbyarbeit auch ohne den 11. September bekommen.

In der Jetzt-Zeit fehlen die historischen Bezugspunkte. Hatten wir doch eben wieder festen Boden gespürt, der mit dem Ende des Kalten Krieges weggerutscht war. Politische Kategorien versagen. Geschichtliche Vergleiche (Pearl Harbor angesichts des Überraschungsangriffs oder die so genannten Palmer Raids gegen ausländische Kommunisten und Anarchisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die McCarthy-Hetze der fünfziger Jahre angesichts der Verfolgung Linker und muslimischer "Verdachtspersonen") sind bestenfalls Orientierungshilfen, schlimmstenfalls verwirren sie. Die arroganten, vermeintlich unantastbaren Mächtigen, die meinten, das Ende der Geschichte sei erreicht, und nur das falle ins Gewicht, was in New York, Los Angeles, Tokio und Berlin beschlossen wird, haben doch keine Kleider. Gleichzeitig muss eingeräumt werden, dass fast reflexiver Protest gegen den Krieg, der den Amerikanern grundsätzlich nichts Gutes zutraut, hinterfragt werden muss. Denn wer kann es bestreiten: Warnungen mancher Kriegsskeptiker vor einem langen und nicht zu gewinnenden Krieg (hätten die Afghanen doch schon die Russen vertrieben....) haben sich nicht bewahrheitet.

Dutzende Gespräche, geführt mit Freunden und Bekannten: Wir verstecken uns gern hinter Litaneien, was Amerika schon alles Böses getan hat in der Welt. Denn wir ziehen ungern Konsequenzen aus der Tatsache, dass die theologisch-faschistische al-Qaida nicht durch Verhandeln aufgegeben hätte, dass sie auch uns - die aufgeklärte Linke, Pazifisten und Humanisten mit einer Schwäche für die Dritte Welt - als Feind betrachtet. Internationale Polizeiaktion, die Vereinten Nationen, sagen wir alle, wären besser gewesen. Und wären sie auch. Aber ohne Blutvergießen wäre das auch nicht abgelaufen. Es erinnert an die Debatte vor einem Jahrzehnt: Kein Krieg im Golf, forderten die Friedensbewegten, statt dessen Wirtschaftssanktion gegen Saddam. Bekommen haben wir beides. Und inzwischen wissen wir, dass Wirtschaftssanktionen gegen einen totalitären Staat mehr Menschenleben kosten können als ein Krieg.

Kürzlich haben wir uns lustig gemacht über die Entscheidung des Pentagons, einen Raketenabwehrtest wegen schlechten Wetters zu verschieben - Krieg nur bei günstiger Witterung? Der Krieg in Afghanistan hat die überwältigende Macht der amerikanischen Streitkräfte vorgeführt. Fast ohne eigene Verluste und angesichts der zahlreichen Bombardierungsflüge relativ zielgenau haben die amerikanischen Piloten die angeblich todesbereiten und fanatischen Taleban in ein paar Wochen zerschlagen. Diese Disproportionalität erinnert an das Zeitalter der Kolonialmächte, deren Soldaten "Eingeborene" einfach niedermachten und nur ein paar Kratzer abbekamen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis diese Übermacht gebrochen wurde. Und der Hass der Unterdrückten und Entrechteten staut sich.

Meine Nachbarin, wir tratschen oft über die Katzenplage in unserer Straße, hat nun schon seit Wochen eine Fahne am Haus hängen. Wie viele in meinem Wohnort, einer Arbeitervorstadt von Washington. Die Regierung habe völlig recht, wenn sie die Ausländer einsperre, sagt sie. Man wisse ja nie. Beschwerden, dass die "Rechte" mutmaßlicher ausländischer Terroristen oder Zeugen verletzt würden, ließen sie kalt. Wir sind in Amerika, und die verdächtigten Ausländer hätten keine Rechte. Sagt sie mir, dem Ausländer, und rechnet mit meiner Zustimmung. Ein deutscher Kollege, der schon seit Jahren in den USA arbeitet, bemüht sich jetzt um die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Als Ausländer ist man schnell rechtlos in den USA. Ein paar Wochen nach dem 11. September hatte ich bei einer Recherche ausführlich Gelegenheit, mit Menschen in New York und Washington über die Anschläge zu sprechen. Der Schmerz saß tief, vor allem in New York, wo die Feuerwachen zu Pilger- und Gedenkstätten für die mehr als 300 umgekommenen Feuerwehrleute geworden waren. Die Menschen forderten Vergeltung, wollten beschützt werden gegen derartige Angriffe. Nur selten aber hörte ich Forderungen nach einem totalen Krieg in Afghanistan und nach polizeistaatlichen Maßnahmen gegen muslimische Einwanderer in den USA.

Definiert worden ist das Ausmaß der "Vergeltung" aber von amerikanischen Machtpolitikern (mit deutscher "Solidarität"), denen es um viel mehr ging als Afghanistan. In den USA bekommen wir jetzt Militärtribunale und hören Warnungen vom Justizminister, dass Kritiker doch nur den Terroristen hälfen. Die Regierung hat sich einen Blankoscheck für Interventionen weltweit ausgestellt. Nicht nur gegen al-Qaida, sondern gegen alles, was als "terroristisch" definiert wird. Die Amerikaner haben für einen endlosen Krieg eigentlich keinen Magen. Aber jetzt, mit des angeblich allumfassenden Drohung vom "Terrorismus", gelingt es der Regierung, Kritik abzuwürgen. Und dabei verstehen viele Amerikaner nicht, "warum es Menschen gibt, die uns hassen".

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00:00 21.12.2001

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