Warten auf ein Wunder

Kein "Dritter Weg" Viele wollen Veränderungen, aber nicht aufgeben, was sie haben

Dem Kubaner muss man nicht beibringen, positiv zu denken; er tut es aus Prinzip. Ein buntes T-Shirt, das man in der einstigen Sklaven- und Zuckermetropole Trinidad kaufen kann, zeigt neunmal sein lachendes Gesicht, aber immer in einem anderen Gemütszustand - von glücklich über zufrieden bis traurig und wütend. Wie sich der Kubaner auch fühlt, will das sagen - er zeigt ein lachendes Gesicht. Für Leo, den ich in Havanna treffe, liegt darin die Erklärung dafür, dass die kubanische Revolution den Zusammenbruch des sich sozialistisch nennenden Weltsystems überlebt hat. "Der Alltag ist hart, aber wenn es Musik gibt und dazu Rum" - sagt Leo - "dann ist das tägliche Elend vergessen".

Auch am 26. Juli, als Fidel Castro in Santiago de Cuba seine Rede zum 50. Jahrestag des Sturms auf die Moncada hält. Vor ihm sitzen - mit Blick zum frisch gelb getünchten einstigen Kasernengebäude Batistas, des letzten Diktators von Amerikas Gnaden - die schwarz und rot eingekleideten Claqueure, die unaufhörlich ihre Fähnchen in den Landesfarben schwenken. Unter ihnen mögen noch viele sein, die mit dem Herzen dabei sind, andere entledigen sich einer unumgänglichen Pflicht. Auf den Straßen der Stadt, die sich schon im Kampf gegen die fast vier Jahrzehnte währende spanische Kolonialherrschaft hervorgetan hatte, warten Tausende ungeduldig auf die Aufhebung des bis zum Ende der Kundgebung verfügten Alkoholverbots. Und dann ist es so weit. Auf großen Tabletts werden Spanferkel, das Festessen der Kubaner, herbeigetragen. Aus riesigen Fässern kann preiswert Bier gezapft werden, mit Krügen, Töpfern und Eimern steht man in der Schlange. Von überall her klingt Musik, sie lässt die Füße zucken. Die beengende Menge stört die Tanzenden nicht. Kurz vor Mitternacht beginnt gar ein Festumzug, Santiago gilt auch als Stadt des kubanischen Karnevals, der allerdings des fehlenden Geldes wegen auf eine Minimalvariante reduziert ist. Dennoch wird bis zum Morgengrauen gefeiert, denn heuer fiel der Revolutionstag besonders günstig auf einen Samstag.

Doch auch nach einem langen Wochenende kommt der Montag. Der reale Sozialismus war überall eine Mangelwirtschaft, auf Kuba ist er es im Extrem. In Boca de Sama, einem Fischerdorf unweit jener Bucht, von der aus Christoph Kolumbus das Eiland zum ersten Mal sah und es seiner Schönheit wegen in höchsten Tönen lobte, kommt ein Alter einkaufen. Er zieht ein kleines Büchlein aus der Tasche, die Tarjeta; eine Art Lebensmittelausweis, in dem seine Einkäufe von Grundnahrungsmitteln verzeichnet werden, die er bis zu einer Höchstgrenze für wenige Pesos erhält: Zucker, Reis, Öl, Bohnen, wenige Eier, etwas Fleisch, sofern er Kinder hat, auch etwas Milch. Die Rationen sind gering, ohne Zukauf kommt kaum ein Kubaner aus, doch die Bauernmärkte verlangen ungleich höhere Preise oder gar Dollar wie die zaghaft entstehenden Supermärkte auch. Der Alte möchte auch einige Zigarren, und natürlich kann er sie bekommen. Aber auch da muss er mit Dollar zahlen. Kleidung, Schuhe, technische Konsumgüter - lediglich qualitativ minderwertige Waren - sind noch für den Peso zu haben; wer etwas Besseres sucht, braucht die grünen Scheine aus dem Land des unversöhnlichen Feindes im Norden.

Slums wie in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern gibt es auf Kuba nicht; dafür hat ein Wohnungsbauprogramm in den ersten Revolutionsjahren gesorgt. Doch inzwischen verfallen die überall hoch gezogenen Plattenbauten, wegen des Devisenmangels und des US-Embargos fehlt es an Baumaterial. Der Mangel geht auch an der Altbausubstanz - oft noch aus kolonialer Zeit - nicht vorüber. Zwar verleiht er den Altstädten von Havanna, Santiago oder Trinidad einen morbiden Charme, verschlechtert aber ständig die Lebensumstände.

Doch gerade Trinidad, eine der ältesten Städte der Insel, verrät auch viel vom Stolz und der Würde der Kubaner. Hinter den haushohen, nur mit schmiedeeisernen Gittern versehenen Fenstern zeigen sie ihre alten Möbel, Einrichtungsgegenstände, die von Generation zu Generation weitergegeben und erhalten wurden - als Zeugnisse der Familiengeschichte. "Wir schätzen sehr, was wir selbst geschaffen haben", sagt Ernesto, der sich im Hinterland der Touristenregion Guardalavarca gerade ein Häuschen baut.

Auch das wohl einer der Gründe dafür, dass viele Kubaner an ihrer Revolution festhalten wollen. "Niemand muss bei uns verhungern", meint Ernesto, "auch wenn es manchmal schwierig ist, das Lebensnotwendige zu bekommen". Er, der "Comandante Fidel" die Treue hält, verweist auf die Überwindung des Analphabetentums und auf Arztstationen in jeder Gemeinde, auf das fast problemlose Zusammenleben der vielen ethnischen Gruppen. An einen "dritten Weg" mögen viele nicht glauben. Dafür ist das Amerika Bushs zu nahe, sind die Exilanten in Miami zu laut, ihre Forderungen nach altem Eigentum zu unverschämt. Neben der allgegenwärtigen Überwachung und den oft wenig differenzierten Reaktionen des Staates auf abweichendes Denken mag auch das eine Ursache für den geringen Einfluss kubanischer Oppositioneller sein.

Für Bush ist Kuba ein "Schurkenstaat", auch das hilft Fidel Castro

Wenig Wirkung entfaltet allerdings auch eine gerade groß aufgezogene Kampagne zur Befreiung der "fünf Helden" aus US-Gefängnissen. Die jungen Männer, die auf vielen Plakatwänden der Insel prangen, waren von der kubanischen Staatssicherheit mit Exilantengruppen in die USA geschleust und dort enttarnt worden. Ihr Schicksal interessiert angesichts der eigenen Probleme nur wenig, vor allem die Jugend ist des revolutionären Pathos überdrüssig, das ihrem Lebensgefühl fremd ist - auch weil sie es nicht nachvollziehen kann. Besonders unter den 20- bis 30-Jährigen ist der Drang, die Insel zu verlassen, außerordentlich stark. Und Castro lässt sie gehen, wie 1965, als eine "Luftbrücke" zwischen Havanna und Miami existierte, wie 1980, als die peruanische Botschaft besetzt wurde und danach 130.000 in die USA reisen konnten. Allerdings dringt Kuba seither auf ein geregeltes Verfahren. Die USA haben jährlich 20.000 Visa zugesagt, bei 30 bis 40 mal so vielen Anträgen - und selbst diese 20.000 wurden bisher nie erteilt, um den Druck auf die Regierung zu erhöhen.

Für George Bush ist Kuba ein "Schurkenstaat" - auch das hilft Fidel Castro, die Mehrheit seiner Landsleute trotz latenter Unzufriedenheit hinter sich zu halten, und dazu braucht er nicht einmal seine einseitige Propaganda. Viele erinnern sich noch der Jahre des amerikanischen Protektorats, das 1902 die spanische Kolonisation ablöste. Eindrucksvoll wurden die Kubaner gerade im Vorjahr durch den Vertrag über Guantanamo an ihre Zweitklassigkeit erinnert. Der lief zwar 2002 formell aus, aber er gilt eben weiter, solange die USA Verhandlungen darüber ablehnen. "Wir wollen nicht unter die Herrschaft der Amerikaner geraten", meint Ernesto, man trifft nur wenige auf Kuba, die ihm widersprechen. Viele wünschen sich Veränderungen, aber sie wollen nicht aufgeben, was sie haben. Sie mögen ahnen, dass beides kaum zu haben ist, so warten viele - wohl auf ein Wunder.

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00:00 05.09.2003

Ausgabe 38/2020

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