Warten auf Pilawa

Reich werden Es wäre so leicht, richtig reich zu werden. Ein Erfahrungsbericht

Wissen Sie, wie oft man als Bundespräsident kandidieren darf? Oder welcher Fußballverein die Saison 2001 als Tabellenführer beendete? Ob Estragon eine Figur in Dürrenmatts Physikern, Brechts Der kaukasische Kreidekreis oder Becketts Warten auf Godot ist? Wer das Quiz mit Jörg Pilawa spielen und dabei zu bester Sendezeit dienstags bis freitags von zwanzig nach sieben bis zehn vor acht abends zwischen Heute Journal und Tagesschau in der ersten Reihe steuerfrei reich werden will, der sollte das wissen.

Klar, Reichtum ist relativ. Bei Günter Jauch kann man Millionär werden, mit dem richtigen Los Multimillionär und mit der richtigen Softwarefirma Multimilliardär - aber mit 300.000 Euro Maximalgewinn Bei Pilawa lässt sich für einen durchschnittlich arbeitslosen Akademiker auch schon einiges machen. Jahrzehntelanger Urlaub vom Arbeitsamt beispielsweise, fürstliches Überbrückungsgeld zur Gründung einer Ich-AG oder ganz simpel die fällige Anschaffung eines neuen Fahrrads, die längst überfällige Wohnungsrenovierung und die eigentlich schon gar nicht mehr aufschiebbare Rückzahlung aller Darlehen und Hypotheken.

Bis es soweit ist, muss Schweiß fließen, der Schweiß, den die öffentlich-rechtlichen Fernsehgötter vor den Preis gesetzt haben. Den und etwas Glück braucht es nämlich schon. Danach wirds nur noch leichter. Eine 50.000-Euro-Belohnung, wenn man weiß, woher das Wort Mandat kommt, liegt im Bereich des unlängst Geschehenen. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass Kandidaten die 500-Euro-Eröffnungsfrage nach dem Namen einer dreiviertel langen Damenfreizeithose jämmerlich versiebt haben. Es scheint redaktionsinterne Wettbewerbe zu geben, ob man selbsternannte Sympathieträger lieber an ihrem Narzissmus oder an ihrem Pseudowissen scheitern lassen sollte. Umgekehrt kann man mit dem Wohlwollen des immer gutgelaunten Moderators genauso rechnen.

Einfach ist es nicht, überhaupt einmal infrage zu kommen als Kandidat. Anders als beim marktschreierischen NeunLive genügen bei diesem Rateformat nicht der schnelle - und meist vergebliche - Griff zum Telefon, sondern eine ganze Portion mehr Einsatz. Regel Nummer Eins: wer auf die rasche Einladung wartet, ist meistens Neese. Potentielle Kandidaten brauchen elefantöses Stehvermögen, unerschütterlichen Optimismus und eine Engelsgeduld. Mit links geht gar nichts, denn vor der Teilnahme liegen mehrere Auswahlrunden.

Ich kann da kompetent mitreden. Denn bis zur zweiten Runde habe ich es geschafft. Warum es nicht auf den Platz ins vor- und zurückfahrbare Studiogestühl in Hamburg reichte, wird mich bis ans Ende meiner Tage beschäftigen. Ganz ehrlich: ich liebe diese Sendung. Nirgendwo ist Fernsehen derzeit interessanter, keine Talkshow, kein Frühschoppen, keine Dschungelshow kann der Dramaturgie aus sich steigernder Fragenspezialisierung, widersprechendem Vetoeinsatz, Zweierteamarbeit und schauspielerischem Einsatz aller Beteiligten das Wasser reichen. Wobei der Moderator natürlich derjenige ist, der ganz nach Belieben ein Pokerface oder wohlwollendes Nachhaken einsetzen darf. Regel Nummer Zwei: Dein Partner ist alles. Das Quiz ist das einzige Rateformat, bei dem man zu zweit antreten muss. Und wer auch nur ein paar der letzten Sendungen verfolgt hat, weiß eines gewiss: positive Ausstrahlung ist ein absolutes must. Genügten in der ersten Zeit - mittlerweile feierte Das Quiz die 500. Sendung und ist Kult am Vorabend - sympathische Vater-Tochter- oder Mutter-Sohnpaarungen, müssen es jetzt schon originellere Konstellationen sein. Auch Quizmaster haben offenbar wachsende Ansprüche an Mitspieler und wenn Kollege Günter Jauch bei RTL allzu blauäugige Zeitgenossen, die glauben, mit einer Herde von Maskottchen ihr Glück gepachtet zu haben, eiskalt hängen lässt, ist ein öffentlich-rechtlicher NDR-Showmaster wie Jörg Pilawa qua persönlich-charakterlicher Anlage zu Nettigkeit verpflichtet. Showtalent, Sympathieträgertalent und unverwüstliches Selbstvertrauen, die Grundwerte von Fernsehunterhaltung sollten schon dabei sein, und ein Kübelböckfaktor schadet nie. Ordenstrachten machen sich gut, originelle Berufspaarungen auch. Aber ganz gleich, wie beschaffen die Paarungsverhältnisse sind: echte Performance ist angesagt. Langweiler und Abzocker sind nicht gefragt.

Diese Mischung in meinem Bekanntenkreis zu finden, war schon außerordentlich schwierig. Kreuzworträtselcracks mit ausgeprägtem Fernsehexhibitionismus sind dort eher selten. So brauchte es einige Überredung, bis ich eine ehemalige Arbeitskollegin zum Rätselraten überreden konnte.


Nachdem ich die Bewerbungshotline 0190636637 vorwärts, rückwärts und im Schlaf kannte (und bei jedem Telefonat zwei bis drei Minuten zu 41 Cent in die Beantwortung von Auswahlfragen investierte), versuchte ich es mit einer schriftlichen Bewerbung über die im Abspann angegebene Postfach- und E-Mailadresse in Hamburg. Dass diese Anfragen unbeantwortet blieben, führte zu einem innigen Schreiben meiner Ratepartnerin an eine Kandidatenagentur in Hürth, worin sie auf unsere besondere Teamkonstellation hinwies, "Ex-Arbeitskollegen und in skorpionischer Sonnenzeichenkonstellation freundschaftlichst miteinander verbunden", woraufhin wir nach drei Monaten endlich zu einem Casting, einer Vorauswahlrunde an einem frühen Samstagmorgen in einem Berliner Hotel in der Nähe des Alexanderplatzes eingeladen wurden.

Fast pünktlich, Samstagmorgen um zehn beginnt das Casting. Ungefähr 30 Anwesende warten vor dem Saal "Rembrandt". Eine sehr junge Redakteurin, die sich als Henriette, ihre Assistentin als Elke und einen ebenso jungen Markus als Kameramann vorstellt, kommt ohne Umschweife zur Sache. Hektografierte Namensaufkleber mit Nummern werden an Revers geklebt. Alle Anwesenden sollen sich der Reihe nach vorstellen und verraten, warum sie mit dem Partner ihrer Wahl spielen wollen. Vom Rentnerpärchen "wir verstehen uns blind" bis zum Brautpaar "mit dem Geld wollen wir heiraten" ist alles vorhanden. Natürlich sind alle möglichen familiären Beziehungspaarungen anwesend. Diskret bleibe ich erst einmal bei den vagen "Arbeitskollegen". Sehr nachhaltig ist diese Vorstellung für die Kandidaten nicht. Nur Henriette hört interessiert zu und macht hin und wieder Notizen. Alle sind gespannt auf die anschließende erste Auswahlrunde. Offenbar stellen die 30 Fragen eher eine Art Idiotentest dar, bei dem geklärt wird, ob man unter Zeitdruck halbwegs seine fünf Sinne und seine Allgemeinbildung zusammenkratzen kann und nicht völlig durch das Normalraster rutscht. Zielgruppenorientierte PISA-Studie im Schnelldurchgang sozusagen. Henriette ermahnt denn auch vorsorglich, nicht beim Nachbarn zu spicken, sondern bei Bedarf "etwa bei der Frage neun" mutig zu raten. Und was man nicht weiß, das weiß man eben nicht. Authentisch nichts zu wissen, ist seliger als beschubsen. Schließlich gibt´s ja in der letzten Instanz Jörg Pilawa, der beispielsweise einer sympathischen, des Englischen jedoch völlig unkundigen Mamutschka ungefähr in Folge 387 mit wohlwollendem Augenbrauenheben, unnachahmlichem "Glauben Sie wirklich?" und kalkuliertem Zögern zur - natürlich - richtigen Antwort auf die Frage verhalf, ob der Satz "I have a dream" von Martin Luther King stamme, und dafür dann zur allgemeinen Publikumsgaudi von seiner neuen Englischschülerin diesen ihren ersten Satz in Englisch "Ei häff ä dröim" hören wollte und damit gewiss Quizgeschichte schrieb.

Jeder hat einen Klemmhefter bekommen mit einem Blatt, seinem Nummernkästchen und einer Exceltabelle mit 30 Dreier-Spalten darauf. Henriette wird gleich die Fragen vorlesen und Elke, "rücken Sie ruhig näher, damit Sie alles sehen können", sie sicherheitshalber noch einmal auf DIN-A-4-Kartons gedruckt über ihren Kopf halten, während wir in der Tabelle die richtige Antwort ankreuzen. Das geht zügig und bleibt im Rahmen durchschnittlichen Allgemeinwissens, nicht schwerer als die allabendlichen 500 - 1.000-Euro-Fragen im Studio. Frage neun war wirklich etwas für Kenner der modernen Musikszene: welcher Musiker bildete mit dem und dem Musiker die und die Boygroup. Ich muss raten und bin sicher, dass ich falsch liege.

Egal, nach zehn, 15 Minuten ist alles vorbei, die Blätter werden eingesammelt und von den drei Castern ausgewertet, während wir eine Pause haben. Nach 20 Minuten Beratung dürfen diejenigen, die namentlich genannt werden, dableiben, für die anderen gibt es ein bedauerndes "Dankeschön, dass Sie mitgemacht haben." So ist das mit dem Mitmachen für alle. Von den 30 der ersten Runde sind noch zehn übriggeblieben. Gründe, warum wer gehen muss, werden nicht genannt. Freddy und sein Freund Eddy, die beiden Dauervierziger mit dem telegenen Selbstbräunerhautton, die bei der Vorstellungsrunde vom Traum einer gemeinsamen Reise in die Karibik sprachen, sind auch dabei. Die beiden Rentnerinnen aus dem Seniorenheim und das selbsternannte Hochzeitspaar nicht mehr. Schade eigentlich, gerade die hätten es gebrauchen können. Ich frage mich, ob die drei vom Castingteam da vorn eigentlich wissen, wie oft sie am Tag Schicksal spielen. Die nächsten 30 Kandidaten stehen schließlich schon in der Lobby und warten auf ihre Chance.

Wir zehn bekommen einen Fragebogen, in dem wir etwas - Vor- und Rückseite, also eine ganze Menge - von unseren Hobbys, Vorlieben, Lieblingsbüchern, Vorbildern, Wunschprojekten und Lieblingswünschen beschreiben sollen. Mir wird ganz blümerant, denn ich sehe plötzlich neue Fahrräder, ein Auto, gefüllte Konten und grießgrämige Arbeitsamtssachbearbeiter, von denen ich mich mit einem Blumenstrauß verabschiede. Aber ist mein Lieblingsbuch wichtig, um später daraus so etwas wie eine Zwei-Minuten-Vita zu basteln, mit der die Quizpaare dann dem Fernsehpublikum vorgestellt werden? Zögernd setze ich Platons Gastmahl in die vorgesehene Leerzeile. Später, das heißt, nach Begutachten der Videorunde, aber das wird nicht von Henriette und Co. entschieden, das machen ein Team von Redakteuren in Hürth, ein Produzent und dann noch einmal ein Redaktionsteam beim NDR. Und was bei diesen öffentlich-rechtlichen Auswahlgremien zählt, sind offenbar die wirklichen Werte. So sichtbar wie möglich in der Performance! Familie, Freundschaft, Partnerschaft, Geistes- und Seelenverwandtschaft. Am besten seit dem Sandkasten und so zäh wie Leder. Deutsche Tugenden eben. Zweckgemeinschaften zum Abgreifen des Jackpots: Fehlanzeige. Die netten, sehr engagierten und hinter verschlossenen Türen beratenden Redakteure des Casting-Teams verstehen da keinen Spaß.


Ev und ich werden als letzte aufgerufen. Markus bedient die Videokamera. Wir sitzen zu zweit auf Stühlen, die Studiosituation simulieren sollen und Henriette gibt das Double von Pilawa. Ich habe auf die Seelenverwandtschaft von Skorpionen untereinander gesetzt. Dass Henriette alias Pilawa jetzt aber fragt, ob sich zwischen uns beiden vielleicht in Zukunft etwas entwickeln würde - also, das macht mich einen Moment sprachlos. Wir kennen uns seit zwei Jahren, haben so etwas wie eine Büronotgemeinschaft gebildet, die in den Pausen auch noch anderes tat, als über Kollegen zu tratschen, wir haben zusammen gekocht und uns auch nach Feierabend getroffen. Aber Liebe? Mist, darüber hätten wir sprechen müssen, was wir nicht getan haben. Ich improvisiere und meine, dass man ja nie nie sagen solle, ich aber Pilawa zuliebe nicht unbedingt heiraten wolle. Aus der anvisierten freundlichen Kabbelei unter skorpionischen Artgenossen wird ein unverbindlich vages Drucksen, das von Freundschaft weit entfernt sein dürfte. Für ungeübte Augen sicher nicht auszumachen, aber schon für einen halbwegs routinierten Regisseur, der die Wirkung eines Kameraobjektivs kennt als Kameragift eindeutig nachweisbar.

Mir wird heiß und kalt und mir fallen all die gesagten und ungesagten Dinge ein, die eine wirkliche Freundschaft auszeichnen und die zwischen Ev und mir nie gesagt wurden. Henriette bleibt hartnäckig und wendet sich an Ev. Ob sie denn etwas von meinen Macken erzählen wolle. Mein ganzes skorpionisches Temperament windet sich - niemals hätte ich geglaubt, mich so schnell und so unverhofft unwohl zu fühlen. Mit ironischer Distanz ist hier nichts zu machen, da hilft nur die Offensive. Also finde ich, dass ja wohl jeder seine Macken hätte, meine mögliche Ratepartnerin genauso wie ich. Damit müsse man leben und auch raten können. Unserer Freundschaft tue das keinen Abbruch. Nicht sehr elegant, aber immerhin glätten sich die Wogen, und ich kann wenigstens ein Kompliment über das Talent zur Liebenswürdigkeit meiner Stuhlnachbarin loswerden. Ob das für eine Qualifikation reicht, bezweifle ich, aber zwischenzeitlich ist unsere Zeit um. Wir haben getan, was wir tun konnten. Henriette meint, wenn wir wollen, könnten wir uns ja auch noch für die Herzblatt-Show casten lassen, ein Format, in dem einsame Singles miteinander verkuppelt werden sollen. Sie darf sarkastisch sein - ich verspüre im Moment keine Lust dazu. Insgeheim versuche ich zu retten, was zu retten ist. Mein Fahrrad ist schließlich noch ganz gut in Schuss, Autos sind etwas für Umweltverbrecher und wozu denn Blumen für Arbeitsamtssachbearbeiter ...?

Nach ein paar Tagen die Standardablehnung. "Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Sie ... nicht berücksichtigen ... Sofern wir eine neue Sendung betreuen, für die Sie als Kandidat in Betracht kommen, setzen wir uns gerne wieder ..." Aus, over, bye-bye Pilawa.


00:00 16.04.2004

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