Wartezimmer wie Kaffeesatz

Alltag Wartende sind Opfer einer fremdbestimmten Pause

Setzen Sie sich bitte, es wird noch ein wenig dauern." Ich setze mich. Ein Krankenhausflur. Es riecht nach Desinfektionsmitteln. Rechts und links des Gangs ist je eine Reihe von Stühlen angeschraubt, die an eine Bushaltestelle erinnern. Graue Schalen auf einem T-Träger aus Metall.

Ein Dutzend Leute sitzen bereits dort. Ein Mann hat ein riesiges Mullpaket im Gesicht. Eine dicke Krankenakte im braunen Aktendeckel auf dem Schoß, betrachtet er den Fußboden von einheitlichem Grau. Er starrt ins Leere und weicht den verstohlenen Blicken der anderen aus, die sich vielleicht fragen, wie sie selbst nach der Behandlung aussehen werden.

Dies ist keine Zahnarztpraxis, in der man sich einmal im Jahr sein Bonusheftchen stempeln lässt, sondern die Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie eines Krankenhauses. Hier geht es nicht um kleine Löcher, die möglicherweise gefüllt werden müssen, hier wird niemand sagen: "Der Zwei-Vierer hat eine kleine Stelle, möchten Sie eine Spritze oder wird es so gehen?" Hier wird es fast immer ernst. Deshalb schweigen alle auf schwermütige Art und Weise, als warteten sie auf den Beginn einer Trauerfeier.

Im Wartezimmer einer Tierarztpraxis ginge es herzlicher zu. Längst hätte sich jemand zu dem traurigen Herrn vorgebeugt und nach dem Befinden gefragt. "Was haben sie denn mit dir gemacht?", würde der Mitleidige mit weicher Stimme sagen. Gemeint wäre der Hund des Mannes, der in diesem Fall auch Träger des Verbands wäre. Herrchen würde nun dankbar die Krankengeschichte des Tieres erzählen, anschließend gäben alle anderen die Leiden ihrer Haustiere zum Besten, und man würde gemeinsam seufzen. Beim Tierarzt gibt es stets Mitgefühl und ein Kopftätscheln dazu; der Wartende ist niemals allein.

Hier, im Flur des Krankenhauses, sind wir Wartenden Einzelkämpfer. Wenn Fremde den Raum betreten, setzen sie sich nie nebeneinander, so es sich irgendwie vermeiden lässt. Sie verteilen sich gleichmäßig über die vorhandenen Sitzgelegenheiten. Ist es nicht allzu voll, bleibt jeder zweite Platz leer. Die beiden Damen mir gegenüber, folgere ich, könnten zusammen gehören, obwohl auch sie schweigend zu Boden starren - denn immerhin haben sie sich nebeneinander niedergelassen, obwohl noch Sitzschalen frei gewesen wären. Wartesaal-Halma: Zwei nebeneinander - das bedeutet, nur einer von beiden muss zum Arzt, heißt, einen in der Reihe der Wartenden kann man überspringen. Und schon geht es schneller, verkürzt sich die Zeit, ist man früher am Ziel.

Auch neben mir wartet ein Paar: "Möchtest du einen Bonschen?", fragt die Dame Ende sechzig den neben ihr sitzenden etwa gleichaltrigen Herrn. Ganz aufrecht und konzentriert sitzt sie da, die Handtasche mit den Händen umklammert, auf den Knien abgestützt. Selbst wenn die Welt untergehen sollte: In dieser Sorte von Handtaschen steckt noch immer ein 4711-Erfrischungstuch und ein Bonbon. Und wenn die Dame nicht weiter weiß, kramt sie es hervor und bietet es an.

Einer wird aufgerufen. Wir rücken eins weiter. Näher ans Ziel. Wir harren, scharren mit den Füßen, gucken in die Luft. Patient zu sein - das bedeutet vor allem, Geduld zu üben. Ein Geduldspiel. Immer schön dran bleiben. Please hold the line.

Bitte warten. Ich stelle mir vor, in einer Telefonwarteschleife verschollen zu sein. "Einen Moment, ich verbinde", dann passiert nichts mehr. Der Anrufer wird ins All geschossen. Bis jemand am anderen Ende der Leitung das Gespräch aufnimmt, schwebt er durch endlose Weiten, durchwabert von seltsam unwirklich klingender Musik. Wenn der Aufenthalt im Vakuum nicht mehr auszuhalten ist, beginnt ein Countdown abzulaufen. Eine Zündschnur brennt ab. Noch ein einziger Moment verschwendetes Leben, dann ist es soweit. Der Anrufer legt auf. Er hat die Macht. Sein Leben geht weiter.

Hier, auf dem Flur der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, ist es anders. Hier sitzen Machtlose. Wir können nicht entscheiden, später nochmal anzurufen und den Hörer auf die Gabel knallen. Wir sitzen fest.

Wieder schwingt die Flügeltür, betritt ein Pärchen den Flur und bekommt am Anmeldetresen den obligatorischen Patientenfragebogen. Er ist Patient, sie füllt den Bogen aus. Sie liest im Flüsterton vor, er flüstert zurück. Sie nickt und trägt ein. Gleich wissen wir alles über den Mann, welche Medikamente er nimmt und ob es bei früheren Eingriffen im Mundraum Probleme gab. Wie es mit dem Kreislauf aussieht, ob er beim Treppensteigen leicht aus der Puste kommt. "Ich doch nicht!", sagt er und beide lachen. Er sitzt im Rollstuhl.

Ich klappe mein Buch zu, das ich von zu Hause mitgebracht habe. Es hat keinen Sinn. Eine halbe Stunde ist vergangen, zwei Seiten habe ich gelesen und immer die selben Zeilen noch mal. Das Geflüster der Patienten. Das ständige Quietschen von Gummisohlen auf Linoleum, und immer wieder schieben Weißkittel Putzmittel- und Essenswagen von hier nach da und von da nach hier. Auch von den anderen Wartenden, fällt mir auf, hält keiner ein Buch in der Hand. Beim niedergelassenen Gynäkologen, beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder beim ländlichen Hausarzt sitzen immer Leute mit eigenem Buch. Gelassen wie Zugreisende, die sich mit Wurstbroten, Thermoskanne und Roman auf einen längeren Aufenthalt bestens vorbereitet haben, blättern sie in ihrer Lektüre und folgen in Gedanken den von ihnen bevorzugten Geschichten. Menschen mit einem Buch sind viel weniger das Opfer einer fremdbestimmten Pause im eigenen Leben. Sie gewinnen ihre Zeit zurück. Hier im Krankenhausflur sind die einzigen spärlichen Spuren dieser Rückeroberung der Zeit einzelne zerlesene Seiten einer Bildzeitung, die zwischen angeschraubten Sitzen auf dem Boden liegen.

Was kann es sein, das uns an einem Ort das Lesen unmöglich macht - und am anderen nicht? Weshalb lese ich hier keine zwei Seiten - in meiner Hausarztpraxis aber jederzeit einen halben Roman?

Ist es die anheimelnde Atmosphäre dieser Praxen, wo grauummantelte Lesemäppchen ausliegen, die die Bunte oder das Auto-Motor-Sport-Magazin enthalten? Oder Zeitschriften ohne grauen Umschlag, auf denen noch das Adressetikett mit der Privatanschrift des Doktors klebt? Manch ein Arzt gibt in seinem Wartezimmer mit Geo und National Geographic-Heften der Vormonate bekannt, welche anspruchsvolle Allgemeinbildung die eigene Familie liest - und die Arztfamilie ist ja stets Vorbild für die Patienten. Wartezimmer sind wie Kaffeesatz, aus dem man vage Andeutungen herauslesen möchte, wie man hier be- und gehandelt wird. Sie geben nicht allein Auskunft darüber, welches Verhalten vom Wartenden erwartet wird, sondern auch welchen Respekt die Institution Arztpraxis den Gewohnheiten der Patienten entgegenbringt, ihren Erwartungen und ihrem Gefühl für Ort und Zeit.

Ich kenne ein Wartezimmer eines Allgemeinmediziners in einer Kleinstadt bei Bremen, in der gelesen, geklatscht, getratscht und gespielt wird. Mitten im Raum steht ein kleines rustikales Tischchen aus dunklem Holz, das seit Jahrzehnten als Ablage für Bunte- und Brigitte-Lesemappen dient. Das Tischchen war schon da, als der Arzt die Praxis übernommen hat. Es gehörte seinem Vorgänger, der es wiederum von dessen Vorgänger bekam. Umzüge, Umbauten, Neugestaltung der Praxis, Gesundheitsreformen, neue Gebührenverordnung: Das Tischchen blieb. Sehr alte Patienten können sich an mindestens drei Besitzer des Möbels erinnern. Eltern, die heute mit ihren Kindern in der Spielzeugecke sitzen, haben vor 25 Jahren selbst den Karton mit den Bauklötzen unter diesem Tisch hervorgezogen. Das Vorhandensein dieses Tischchens, meine ich, zeugt von einem achtungsvollen Umgang mit Dingen und Menschen. Diesen Tisch, an den sich alle gewöhnt haben, wird auch der neue Arzt nicht hinauswerfen, zugunsten geschmackvoller Neueinrichtung. Das Wartezimmer räumt den Patienten Kontrolle über Raum und Lebenszeit ein.

Das Gegenstück dazu ist ein Wartezimmer einer Kieferchirurgischen Gemeinschaftspraxis in Osnabrück, die ein Innenarchitekt mit ästhetischen, aber unbequemen Designerstühlen ausgestattet hat. Einer der Ärzte gab einmal unumwunden zu, die Stühle seien zwar formschön aber derart unbequem, dass sich die Patienten nach einer absehbaren Zeit - häufig war es die Hälfte der drei bis vierstündigen Wartezeit - auf den Boden setzten.

Hier im Krankenhaus wird der Patient weder "Mensch sein gelassen" wie in der Praxis in Bremen, noch erzogen wie in Osnabrück - sondern schlicht aufbewahrt, auf dem Sitzmobiliar entlang der Flure. Entsprechend sitzen die Wartenden aufrecht und reglos, schweigen und starren, versuchen unsichtbar zu sein und werden nervös, sobald ein anderer oder sie selbst ein Lebenszeichen wagt. Bitte nur flüstern. Und selbst das Flüstern stört.

Wieder klappt die Flügeltür und schwingt zurück. Ein Elternpaar mit einem kleinen Jungen tritt ein. Er mag vier oder fünf Jahre alt sein. Er reckt den Kopf, sieht sich um, misst mit den Augen den Flur aus, entdeckt eine spannende, unbekannte Welt. Wunderbar - dieser lange hohe helle Raum - zum Rennen bestens geeignet. Also los! Jetzt sieht er hinter dem Fenster einen offenen Lastenaufzug. Das Krankenhaus, ein altehrwürdiger Backsteinbau, wird gerade renoviert, Bauarbeiter mit Bauarbeiterhelmen schweben auf der Plattform langsam am Fenster vorbei, rauf und runter mit unterschiedlichen Materialien. Der Junge darf sich aufs Fensterbrett setzen und zusehen. Er zappelt, dreht sich immer wieder zu den Eltern und den anderen Leuten im Flur und ruft dem Publikum laut zu, was er sieht: "Steine!" Es ist toll hier. Die Mama lächelt uns entschuldigend an.

Wir entschuldigen. Ich atme auf. Für einen Moment habe ich das Gefühl, dass die Zeit weitergeht.


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00:00 25.08.2006

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