Warum dürfen Männer Tiere nicht süß finden?

Männersache Nichts entmannt gründlicher als das öffentliche Bekenntnis zur Tierliebe, meint unser Autor. Und gibt die Hoffnung auf späte Gleichberechtigung nicht auf

Von den zahllosen Möglichkeiten, sich als Mann unter Männern lächerlich zu machen, kenne ich fast alle. Dübel versenken, Fahrradschläuche wechseln oder Küchenschränke aufhängen sind für mich herkulische Aufgaben. Die mit Abstand zuverlässigste Methode, sich zum Gespött zu machen, ist aber, ein Tier als das zu bezeichnen, was ausschließlich jüngere Frauen und Nachspeisen sein dürfen: „süß“. Nichts entmannt gründlicher als das öffentliche Bekenntnis zur Tierliebe. Im ungeschriebenen Kanon der Männlichkeit ist das der Schleudersitz, der einen dorthin schießt, wo der landete, der in der siebten Klasse sein Turnzeug vergaß und in langer Unterhose zum Sportunterricht kam: in die Ecke der weibischen Verlierer.

Männer finden Tiere nicht „süß“. Das Verhältnis von Mann und Tier, so die stille Übereinkunft, sollte sich im Wesentlichen darauf beschränken, dass der Mann das Tier mit Marinade bestreicht und auf dem Grill wendet. Dann ist das Tier entweder „gut durch“ oder „saftig“. In seltenen Fällen dürfen Männer nach ihm pfeifen oder ihm einen Sattel überwerfen. Dann gelten die Adjektive „brav“ und „fein“. „Süß“ aber existiert nur beim Vietnamesen in Verbindung mit „Schweinefleisch sauer“.

Ich kann weder besonders gut grillen noch pfeifen. Pferde sind mir unheimlich. Sobald ich aber Hunde oder Katzen sehe, bekomme ich einen entrückten Blick. Kreuzt ein Spaniel meinen Weg, passiert das, was ich mangels besserer Worte einen knuddeleptischen Anfall nenne: Mein Körper sackt nach unten, meine Stimme schießt nach oben, und aus meinem Mund sprudelt Wortbrei: „Jawörbistudönn, dudröckigerkloinerwauzi, hostuntollestöckligöfunden?“

Bin ich bei meinen Eltern zu Besuch, kann es passieren, dass ich mich aus allen Gesprächen ausklinke, um 20 Minuten auf den Knien übers Parkett zu rutschen und die Familienkatze zu herzen. Sogar mein vierjähriger Neffe guckt da skeptisch. Dabei gibt es nichts Rührenderes als ein Tier, das uns schnurrend, schwanzwedelnd und vorbehaltlos vertraut, täglich aufs Neue überwältigt von unserer Güte, ihm Dosen zu öffnen, Stöckchen zu werfen oder das Kinn zu kraulen. Diese Schicksalsergebenheit, das treudoofe Urvertrauen in das Gute, das wir – seien wir ehrlich – selbst gern noch hätten: Wie soll man das anders nennen als „süß“?

Vermutlich ist es eines der letzten Tabus unter Männern, Tiere niedlich zu finden. Ich hoffe, dass der Schleifstein der Gleichberechtigung auch hier sein Werk tut. Der endlose Strom an Tierfotos, die im Internet kursieren und selbst von den männlichsten meiner Freunde „geliked“ werden, macht mir Hoffnung. Ich vermute nämlich, dass es sich mit dem Süßfinden von Tieren ähnlich verhält wie mit dem Zupfen der Härchen zwischen den Augenbrauen: Fast jeder Mann tut’s, aber keiner redet drüber. Eigentlich süß.

Jan Stremmel hatte im Laufe seiner Kindheit fünf Katzen. Sie waren immer nach Comicfiguren benannt. Besonders süß: Jerry und Snoopy

 

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 9/13 vom 28.02.20013

01:00 14.03.2013

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