Warum Feminismus uns alle angeht

Solidarität Als Mann kann man sich einiges anhören, wenn man sich zu feministischen Ideen bekennt. Dabei sollte das eine Selbstverständlichkeit sein

Ein lila Pudel! Ein Weichei, Pantoffelheld, Frauenarschkriecher, Männermimöschen. Kurzum: eine Pussy. Vermutlich schwul, nur irgendwie mit Frau und Kindern. Man weiß nicht genau wieso, vermutet aber das Schlimmste.

Seit ich angefangen habe, feministische Positionen zu vertreten, publizistisch für Gleichberechtigung zu streiten und als Aktivist gegen Sexismus vorzugehen, begleiten mich solche Anwürfe. Schließlich muss etwas bei mir falsch gelaufen sein, wenn ich mich so vehement für „das andere Geschlecht“ statt für mein eigenes einsetze.

Dass ich mich dabei weder von meinen Geschlechtsgenossen in Geiselhaft nehmen noch durch Beschimpfungen von meinen Überzeugungen abbringen lasse, hat weniger mit Mut zu tun als mit dem, was ich tatsächlich bin: ein aus der Mittelschicht stammender weißer, heterosexueller Mann zwischen 30 und 50. Als solcher lassen sich derlei Kommentare ganz gut aushalten, denn ich bin mit nahezu allen Privilegien ausgestattet, die diese Gesellschaft zu vergeben hat. Ich werde gesehen, meine Stimme hat Gewicht und meine Meinung ist auch bei Themen gefragt, von denen ich nicht die leiseste Ahnung habe.

Nils Pickert schreibt vor allem über Gender- und Familienthemen. Als Aktivist kämpft er für den Verein Pinkstinks gegen Sexismus in der Werbung

Foto: Privat

Von mir spricht die Politik, wenn sie behauptet, sie würde sich jetzt verstärkt um die Mitte der Gesellschaft bemühen. Wenn im Fernsehen davon die Rede ist, dass Deutschland mehr Macher, Existenzgründer und visionäre Unternehmer bräuchte, dann meint man mich und meinesgleichen. Und wenn ich mir einen Rock anziehe, um die ablehnenden Blicke und die unausgesprochenen Fragen, mit denen Menschen meinem kleinen, kleidertragenden Sohn belagern, auf mich zu lenken, dann ist das von großem Interesse. Von Vertretern sogenannter sexueller Minderheiten wäre das laut bestehender Klischees hingegen zu erwarten – der Neuigkeitswert somit gering. Aber bei mir ist das etwas anderes. Ich muss ja nicht! Meine Identität steht nicht auf dem Spiel, sie gilt als gesetzt.

Doch was ist, wenn ich Rock tragen möchte? Wenn es mir gleichgültig ist, dass mich andere wegen eines Kleidungsstücks oder der Befürwortung von Gleichberechtigung für schwul halten, weil ich mich weigere, ihren Homosexualitätsverdacht als Denunziationsmaßnahme zu akzeptieren. Wenn ich meinen Sohn nicht dazu erziehen will, dass sich seine Identitätsspielräume in dem erschöpfen, was man als klassisch männlich verortet: „Sei stark! Tu endlich was! Hör auf zu heulen! Sei kein Mädchen! Verhalte dich nicht schwul!“

Privilegien und Entfremdung

Was, wenn ich nicht hinnehmen mag, dass die Sexualität meiner Tochter ständig problematisiert und ihr Körper zu einem Optimierungsschlachtfeld degradiert wird, um ihr Konsumverhalten anzukurbeln? Dann brauche ich etwas, das mir zeigt, inwieweit Privilegierung dazu führen kann, sich von seinen Mitmenschen zu entfremden, und mich daran erinnert, dass menschliche Identität niemals dazu benutzt werden sollte, Personen abschätzig und ungerecht zu behandeln. Feminismus kann genau das leisten. Er adressiert zentrale Problemfelder, die uns als Gesellschaft betreffen: Wie kann soziale, politische und ökonomische Gerechtigkeit gelingen? Auf welcher gesellschaftlichen Grundlage entstehen Vorurteile, und wer wird mit ihnen stigmatisiert? Wer hat Macht und warum?

Feminismus beschäftigt sich mit weit mehr als dem, was gern als „Frauenprobleme“ verspottet wird. Chancenungleichheit, unfaire Bezahlung, sexualisierte Gewalt und abwertendes Verhalten gehen alle etwas an. Es sind Zumutungen an Menschen. Und diese Zumutungen sind auch deshalb in unserer Gesellschaft allgegenwärtig, weil ihren Auswirkungen mit so viel Gleichgültigkeit begegnet wird.

Feminismus vertritt den Grundsatz, dass Probleme auch dann real sind, wenn man sie selbst nicht hat, und man glaubt, dass sie einen in keiner Weise betreffen. Er macht deutlich, dass von bestimmten Problemen alle betroffen sind. Selbst eine Identität, die gesellschaftlich privilegiert ist, wird mit bestimmten Verhaltensweisen verbunden und mit dementsprechenden Anforderungen konfrontiert. Sie ist bei aller Bevorzugung nicht wirklich frei, sich außerhalb der vorgesehenen Rollenschubladen zu bewegen.

Aber, ach, Feminismus klingt so furchtbar uncool und altbacken. In Zeitungen nennt man seine Debatten langweilig und findet ihn ekelhaft. In Talkshows wird über den angeblichen Gleichschaltungswahn schwadroniert, über Ampelweibchen und Unisextoiletten gespottet und sich über das „Bürokratiemonster Tschändameenstrieming“ erregt. In den sozialen Medien werden wirkungsmächtige Hashtags wie #aufschrei und #schauhin von Leuten gekapert, denen vor lauter Privilegiengeglucke entgangen ist, dass feministische Ansätze mehrheitlich gar nicht daran interessiert sind, Menschen gleich welchen Geschlechts gegeneinander auszuspielen, sondern jedem und jeder zu seinem und ihrem Recht verhelfen wollen.

Die Angriffe werden oft vorgetragen von Leuten, die dem Feminismus vorwerfen, er betreibe Gleichmacherei statt Gleichberechtigung, die aber selber den Unterschied zwischen beidem nicht verstehen. Die unverfroren behaupten, der Feminismus würde Männer zu Frauen und Frauen zu Männern umerziehen wollen, aber nichts dabei finden, die unendliche Verschiedenheit der Geschlechter einzustampfen. In diesem Weltbild sind Männer eben Männer – und Frauen bleiben einfach Frauen. Und ewig lockt der Steinzeitvergleich.

Das Zögern der Männer

Die Frage ist also nicht, warum ich mich als Mann für feministische Ideen begeistere. Die Frage ist, warum so viele Männer noch zögern, es mir gleich zu tun. Denn was ist bitte schön so großartig daran, als schwanzgesteuerter Testosteronbolzen charakterisiert zu werden, der beim Anblick weiblicher Nacktheit den Kopf verliert und sich nicht mehr zu helfen weiß? Inwiefern kann Mann sich darüber freuen, dass er abschätzig gemustert wird, wenn er ein quengelndes Baby auf dem Arm hat und ihm überall mit der immer gleichen Phrase erzieherische Unfähigkeit bescheinigt wird: Wo ist eigentlich die Mutter?!

Wieso sollte Mann als Arbeitnehmer verständnisvoll nicken, wenn Arbeitgeber Erziehungsarbeit und Care-Tätigkeiten für reine Frauensache halten und lauter euphemistische, aber gesetzlich völlig unproblematische Formulierungen dafür finden, was sie eigentlich sagen wollen: „Das mit den acht Monaten Elternzeit kannst du mal schön vergessen, Freundchen, du hast dich hier gefälligst zur Verfügung zu halten. Du willst doch schließlich Karriere machen, oder etwa nicht?“

Was soll toll daran sein, diese Art Mann sein zu müssen? Was ist so geil an Sexismus? Sicher, es kann sich gut anfühlen, am oberen Ende der Diskriminierungskette zu stehen und stets nach unten zu treten. Aber gerade Männer täuschen sich viel zu leicht darüber hinweg, dass Sexismus nicht nur Frauen verletzt, sondern als gesamtgesellschaftliches Problem den Kern unserer Menschlichkeit missachtet. Denn wer seine Geschlechtsgenossen als Pussy oder Ähnliches bezeichnet, hat nicht verstanden, dass er damit auch Weiblichkeit allgemein abwertet – seine Mutter, seine Tochter, seine Nichte, die Frau an seiner Seite.

Wer nichts dabei findet, dass „Du Mädchen“ eine gängige Beschimpfung für Jungen ist und viele Mädchen sich heute immer früher aus öffentlichen Räumen zurückziehen, weil sie sich unwohl in ihrer eigenen Haut fühlen, der ist einfach zu kurzsichtig, um zu sehen, was das mit ihm und seinem Umfeld macht. Und wer sich nie gefragt hat, warum er trotz aller Privilegien nicht über den Schatten der Geschlechterklischees springen kann und sich keinen Millimeter von Männlichkeitskonzepten abzuweichen traut, die nicht einmal seine eigenen sind, der feiert nicht etwa ungestört seinen Status, sondern beklatscht seine eigene Unfreiheit.

Wir wollen uns als Demokratie gern an Chancengleichheit messen lassen – und daran, wie wir mit Minderheiten umgehen. Wir haben bisher aber noch nicht einmal echte Geschlechtergerechtigkeit erreicht. Weil es zu vielen egal ist, vor allem zu vielen Männern. Weil Gleichberechtigung anstrengend ist, wird sie immer noch allzu oft lieber behauptet als erarbeitet. Aber sie ist Arbeit und benötigt viele Hände. Gerade auch Männerhände.

11:00 02.06.2015

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