Heiliges Kanonenrohr: So wurde Toni Hofreiter ein Waffennarr

Olivgrün So könnte es gewesen sein: Warum Anton Hofreiter so hartnäckig für die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine ist – eine fast reale Satire
Ein Panzer ohne Geschütz ist wie eine Ampelregierung ohne den Grünenpolitiker
Ein Panzer ohne Geschütz ist wie eine Ampelregierung ohne den Grünenpolitiker

Foto: Tibor Bozi/Redux/Laif

Anton Hofreiters Zeigefinger verharrte über der Tastatur wie vor einem Auslöser. Das passte, schoss – ja, schoss! – es dem Parteigrünen durch den medienwirksam unfrisierten Kopf. Reden, argumentieren, in Talkshows herumsitzen war das eine. Handeln, entschlossen handeln, nötigenfalls rücksichtslos und bis zur letzten Patrone das zweifellos andere.

Und doch. Er zögerte. Besah sich diesen vermeintlichen T-72 noch mal genau; rückte fast mit der Nasenspitze an den Bildschirm heran, las: „Der T-72 ist ein Kampfpanzer aus sowjetischer Entwicklung. Die Turmpanzerung ist bei späteren Modellen durch aufgesetzte Taschen mit Keramikeinlage verstärkt worden. Die übrige Panzerung besteht im Wesentlichen aus Panzerstahl. Der Innenraum ist mit Schutzmatten ausgekleidet, um Splitter abzufangen. Der T-72 kann nach sehr kurzer Vorbereitung eine Unterwasserfahrt durchführen. Hindernisse bis 4,50 Meter Tiefe stellen für ihn kein Problem dar.“

Gut, dachte es in Hofreiter willig, sehr gut. Aufgesetzte Taschen mit Keramikeinlage! Sein Sakko aus Bio-Cotton hatte wohl ebenfalls aufgesetzte Taschen, aber sicherlich ohne Keramik, falls er nicht zufällig und wie versehentlich eine Tasse aus dem Büro geklaut hatte; doch war die nicht sogar aus Porzellan? Auch der Splitterschutz schien ihm angemessen und hundertpro nötig: Auf seinem mit Holz beplankten Südbalkon hatte er sich neulich erst diesen fiesen Spleiß in den Fußballen gerammt, da wäre eine Sandale mit Keramiksohle einwandfrei sinnvoll gewesen. Und die Unterwasserfahrfähigkeit schadete natürlich auch nicht, denn nicht immer hatte man politisch Oberwasser, und der Russe sprengte Brücken, wie er’s brauchte; also wie der Russe es brauchte. Er, Anton Hofreiter, brauchte das ja nun echt nicht, Friedensjahrgang 1970, der er war, promovierter Biologe und grüner, hm: Topmann?

Kiew, Kyiyw oder Kiyiv?

Um Zeitgewinn und Übersicht bemüht, ließ er sich in die Schreibtischstuhllehne fallen, und der Zeigefinger fiel mit. Doch Pause war nicht hilfreich, war nicht zielführend („zielfernrohrführend“, juxte sandig Hofreiter); zwei Rechnungen wollten beglichen, zwei Schmeißfliegen mit einer Glattrohrkanone erwischt werden. Lustvoll imaginierte der Vorsitzende des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union, wie er dem Karrierefrosch Cem Özdemir per Vollkettenfahrzeug noch einmal „gratulieren“ würde; doch zunächst musste Putin, musste der kranke Mann im Kreml gestoppt und sein Krieg beendet werden, und wenn er, Anton Gerhard Toni Hofreiter, gut verheiratet und Vater eines Sohnes, dafür persönlich im Russen-Leo nach Kiew rollen müsste! – Beziehungsweise ja neuerdings Kyiyw. Oder Kiyiv? Und warum denn bloß? Wo doch niemand westlich der Oder von Moskwa und Warszawa schrieb? Hofreiter stapelte die Arme vor der breiten Brust. Ein Widerspruch, glasklar, ein Bruch in der Logik. Er, Anton, erkannte nämlich einen Widerspruch, wenn er ihn sah! Und dass er, Mitglied in der grünsten Partei der Welt und pazifistisch bis auf die schweren Knochen, jetzt Panzer wollte, Panzer gegen Putin, dass er wollte, dass geliefert werde, schnell und ohne Zögern, das war eben – keiner.

Auch wenn sie’s alle schrieben; die Feuilletons waren voll davon. „Erstaunlich, wie lässig einer von der parlamentarischen Zweifelrhetorik in die harte Frontkämpfersprache wechselt“, hatte es in seiner Heimatzeitung halb baff, halb höhnisch geheißen, und mit „er“ war er gemeint, der Hofreiter Toni aus München; der freilich schon immer ein Frontkämpfer gewesen war. Gegen den Klimatod. Gegen das Bienensterben. Gegen die Klassengesellschaft! I wo, das stimmte nicht, schmunzelte jetzt unwillkürlich Hofreiter und sehnte sich nach einem schäumend isotonischen Weizen. Der Laden, wusste er haargenau, musste ja laufen, musste brummen, und da gehörte eine gewisse Verarmung halt dazu, und überhaupt war das nicht seine Baustelle, er konnte nicht überall sein. Und musste auch nicht: weil er ja bei den Guten war, sozusagen von vornherein; und Quatsch darum, von Widerspruch zu faseln. Denn wer gut ist, darf schießen, muss geradezu, und der Hartz-IV-Krieg gegen das Sozialschmarotzertum, von der Kollegin Katrin Göring-Eckardt in strengster evangelischer Jesusferne als „Bewegungsangebot“ verkauft, hatte der nicht ebenfalls unter der ersten rot-grünen Bundesregierung begonnen? Nur damit heute bei Wikipedia stehen konnte: „Umweltschutz ist für Anton Hofreiter Politik der Gerechtigkeit zum Schutz der Menschen mit niedrigen Einkommen“? Waren Leute vom Fach, Generäle und so was, nicht eben darum viel zurückhaltender, was die Lieferung schwerer Waffen in die ukrainischen Kampfgebiete betraf, weil Fachidiotie die natürliche Feindin politischer Moral war? Und hatte sein zweites Heimatblatt, die Tageszeitung seiner Partei, nicht eben erst den Finger in die Wunde gepresst: „Heute hört man von Friedensfreunden noch immer, Waffen würden keinen Frieden schaffen. Dass es alliierte Waffen waren, die Europa vom Naziterror befreit haben, scheint nicht ins Gewicht zu fallen?“ Der Pazifismus, war Gottvater Joschka dazu einst eingefallen, hatte Hitler nämlich erst ermöglicht. Und nicht etwa ein Vaterland, das ihn gewählt, geliebt und gewollt hatte.

Panzer gegen Hitler

Heiner Geißler, korrigierte Antons stets marschbereites Gehirn sofort; Joschka, das war ja Auschwitz gewesen. Fischer hatte nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg, er hatte auch gelernt: Nie wieder Völkermord! Und also war zwar der legendäre Farbbeutel geflogen, allerdings auch die Tornado-Flotte gegen den damaligen Hitler Milošević. Es war ganz einfach: Waffen für irgendwelche US-imperialistischen Abenteuer, lieber nicht. Waffen gegen Hitler: schon eher. Ob ein Halsabschneider sich als Hitler qualifizierte oder als nützlicher Handelspartner geschätzt blieb, konnten Demokratinnen und Demokraten in freier Debatte klären. Und hatte der brummend rohstoffsüchtige Laden diesem Schurken auch Armee und Krieg erst finanziert, dann erst recht; dann galt es doch, die Scharte auszuwetzen, die Schuld zu tilgen, nein?

Und außerdem, Hofreiter überließ sich freudig der ihn tsunamigleich fortreißenden Gedankenwelle, Panzer für die Ukraine gegen Russland: noch besser, noch integrer ging es nicht. So konnte man in einem Rutsch der Sowjetunion ihren Sieg über die Großväter heimzahlen und den deutschen Überfall wiedergutmachen. Mithin doppelter und moralischer Endsieger sein! Und es hatte halt seinen Grund, dass Putins Krieg presseseits unentwegt als „brutaler“ und „grausamer“, als „Morden“ apostrophiert und gewissermaßen spezialbenannt wurde, als wäre Krieg das nicht sowieso; wie die deutsche Friedensbewegtheit ja seit je ihren nationalen Einschlag gehabt hatte. Da musste er, Dr. rer. nat. A. Hofreiter, gar nicht Wolfgang Pohrt gelesen haben, wozu vor lauter Studium, Partei und Schnackseln nie recht Zeit gewesen war, da reichte ein alter Atomkriegsschocker wie Anton (!) Andreas Guhas Ende. Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg, in dem die Alliierten von einst aufeinander losgingen und das geläuterte, zivile Deutschland aus der Geschichte radierten. Da war man endlich Opfer, und der Holocaust traf die eigenen Kinder. Schlimm!

Hofreiter spürte den Impuls, zum Bücherregal zu gehen und mit glühenden Ohren von verbrannten, zerschmetterten und strahlenkrank brechenden Deutschen zu lesen; ließ ihn versanden; es gab nun Wichtigeres. Die Irritation von eben, sie war ja noch nicht ausgeräumt: „Der T-72-Fahrausbildungspanzer unterscheidet sich nur vom Aufbau, der Geschützturm ist durch eine Fahrschulkabiene ersetzt.“ Kabiene, so stand es da, der Grüne nahm es gern als Wink. Aber was sollte ihm so eine „Biene“, und sei sie noch so flott, ohne – Stachel? Ein Panzer ohne Geschützturm: war das nicht erstens wie eine Ampelregierung ohne Hofreiter und zweitens auf eine Weise symbolisch, die dem Irren im Kreml nur zupass kommen konnte? War nicht die Bundeswehr eh schon ein Panzer ohne (ja doch) Rohr, eine Simulation und Lachnummer? Und hatte er, MdB Hofreiter, jetzt wirklich Lust, nach einer Panzerfahrschule zu suchen, die den fuckin’ Geschützturm dranließ?

Anton Gerhard Hofreiter merkte, dass sein rechter Zeigefinger immer noch unter der linken Achsel steckte, und mit durchaus untypischer Frivolität erwog er, nach dem nächsten rhetorischen Vor- und Aufmarsch, der die Nato vielleicht zur Kriegspartei machen und ihn, den Abservierten, im Gespräch halten würde, für vier Wochen nach Frankreich zu verschwinden und die tagespolitische Sintflut hinter sich zu lassen; er war doch ebenfalls am Ende, aufgerieben und beschädigt von den Dilemmata der Außen- und Weltpolitik. Denn das war ja ein schöner Beitrag zur SUV-Problematik, die Inbetriebnahme von 1000-PS-Dieselpanzern zu forcieren, während russische Atomraketen umweltgerecht von der Schiene starten konnten! Und ob der Sohn, eben erst ein Jahr alt, später Bock haben würde, statt ins Berghain zur Bundeswehr zu gehen? Wegen Verantwortung und so? Der heiligen Werte Europas? Des letzlich Russen?

Anton Hofreiter klappte den Laptop zu und merkte erst gar nicht, dass seine Hände im Schoß zu liegen kamen. Da gehörten sie nicht hin. Gewissenhaft rief er sich zur Gefechtsbereitschaft zurück, und bald verharrte sein Zeigefinger wieder über der Knickpfeiltaste wie vor einem Auslöser. Das passte, schoss es dem Parteigrünen durch den unfrisierten Kopf …

Stefan Gärtner ist Autor und Satiriker. Er war viele Jahre Redakteur der Titanic

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